Mordfall Frederike von Möhlmann Ein Vater gibt nicht auf

Seine Tochter wurde ermordet, der mutmaßliche Täter ist frei - und kann wohl nie wieder vor Gericht gestellt werden: Vater Hans von Möhlmann kämpft dennoch um Gerechtigkeit. Mit einer Petition will er eine Gesetzesänderung erreichen.

Hans von Möhlmann mit einem Foto seiner Tochter
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Hans von Möhlmann mit einem Foto seiner Tochter


Obwohl Hans von Möhlmann, 72, im Kampf um eine Wiederaufnahme des Strafprozesses gegen den mutmaßlichen Mörder seiner Tochter zuletzt eine Niederlage hinnehmen musste, ist sein Wille ungebrochen: Er will Gerechtigkeit erlangen. Am heutigen Dienstag findet dazu ein erstes Gespräch zwischen Vertretern des Bundesjustizministeriums und dem Vater, seinem Anwalt Wolfram Schädler sowie dem Direktor des Max-Planck-Instituts für internationales Strafrecht, Hans Jörg Albrecht, in Berlin statt.

Albrecht unterstützt als Experte das Anliegen des Vaters. Ziel ist es, falls sich mindestens 100.000 Unterstützer anschließen, Bundesjustizminister Heiko Maas persönlich eine Petition zur Änderung der Strafprozessordnung zu überreichen. Denn bisher ist die Wiederaufnahme eines Falls zu Lasten eines Freigesprochenen so gut wie unmöglich. Zur Zeit beläuft sich die Zahl der Unterstützer auf mehr als 70.000.

Die 17 Jahre alte Frederike von Möhlmann war in der Nacht vom 4. November 1981 auf dem Heimweg von einer Chorprobe entführt, vergewaltigt und umgebracht worden. Damals war der Verdacht auf einen 22 Jahre alten türkischen Einwanderer namens Ismet H. gefallen. 1982 verurteilte ihn das Landgericht Lüneburg zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. Doch nach erfolgreicher Revision setzte das Landgericht Stade den Mann auf freien Fuß. Die Richter hegten im Gegensatz zu ihren Kollegen in Lüneburg Zweifel an der Schuld des Angeklagten.

Was damals weder die Polizei noch die Staatsanwaltschaften und die Richterschaft wussten, ist mittlerweile erwiesen: An der Unterwäsche des Opfers befanden sich Spuren, die Ismet H. zuzuordnen sind - das haben Untersuchungen mit moderner Kriminaltechnik ergeben. Inzwischen bestehen kaum noch Zweifel daran, dass der Mann, der zur Tatzeit kein Alibi hatte, der Täter ist.

Doch der Freispruch in Stade steht neuen Ermittlungen im Wege. Denn ein freigesprochener mutmaßlicher Täter ist vom Gesetz weitgehend geschützt. H. könnte nur ein neuer Prozess gemacht werden, wenn er gesteht. Doch das tut er, anwaltlich beraten, nicht.

Mord verjährt nie, Ansprüche auf Schmerzensgeld schon

Für die jahrzehntelangen Qualen der Ungewissheit, wer sein Kind ermordet hat, verlangte Hans von Möhlmann auf dem Weg des Zivilrechts 7000 Euro Schmerzensgeld von Ismet H. Dabei geht es ihm nicht ums Geld, sondern um die gerichtliche Feststellung von H.s Täterschaft - und sei es vor einem Zivilgericht, da ihm der Gang zu einem Strafgericht versperrt ist.

Doch die 2. Zivilkammer des Landgerichts Lüneburg wies am 9. September die Klage des Vaters ab. Denn nach dem Gesetz verjähre zwar Mord nicht, Ansprüche auf Schmerzensgeld hingegen nach 30 Jahren. Den Regelungen der Verjährung liege der Gedanke des Gesetzgebers zugrunde, sagte das Gericht, dass nach Ablauf einer bestimmten Frist Rechtsfrieden eintreten müsse, wobei dieser nicht mit der Frage gleichzusetzen sei, ob eine solche Regelung einer "Vorstellung von Gerechtigkeit" entspreche.

Von Möhlmanns Anwalt Schädler hält diese Regelung für verfassungswidrig. Der Vater habe Ansprüche gegen H. gar nicht geltend machen können, da er an die Richtigkeit des Freispruchs geglaubt habe. "Eine Verjährungsregelung muss einen angemessenen Ausgleich der Interessen von Schuldner und Gläubiger darstellen", sagt Schädler. "Dazu gehört, dass der Gläubiger eine faire Chance haben muss, seinen Anspruch geltend zu machen." Diese Chance habe sein Mandant nicht gehabt.

Die Richterinnen hatten ihn vor den Kosten gewarnt

Schädler hat Berufung eingelegt. Er argumentiert, Rechtsfrieden sei auch mit materieller Gerechtigkeit verknüpft. Der Gesetzgeber habe nicht bedacht, dass bei der gravierendsten Form des Tötens, dem Mord, auch der Verjährungsregelung Rechnung zu tragen sei.

"Dann drängt sich auf, eine solche Tat nicht nur durch den fortwährenden Strafanspruch des Staates zu ahnden, sondern den hierdurch Geschädigten durch einen hierauf abgestimmten, individuellen Rechtsgüterschutz, nämlich durch einen Schadensersatzanspruch, entsprechend zu schützen", schrieb der ehemalige Bundesanwalt an das Oberlandesgericht Celle, bei dem die Sache jetzt liegt. Eine solche Tat stelle eine derart schwerwiegende Verletzung der Rechtsordnung dar, "dass der Rechtsfrieden allein durch Zeitablauf nicht wiederhergestellt werden kann".

Von Möhlmann ist kein begüterter Mann, sondern Rentner; er hat die Kosten des Rechtsstreits zu tragen. Die Lüneburger Richterinnen hatten ihn vor den Kosten gewarnt, die auf ihn zukommen könnten, falls seine Klage abgewiesen würde. Dass einem Mittellosen aber von einem Gericht abgeraten wird, den Kampf um Gerechtigkeit aufzunehmen, will dem Vater nicht einleuchten.

Mehr zu dem Fall können Sie in der SPIEGEL-Ausgabe 18/2015 nachlesen.

Zur Autorin
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    Gisela Friedrichsen berichtet seit 1989 aus den Gerichtssälen im In- und Ausland.



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