Mordfall Hannah "Der Täter war einer von uns"

Der Fall der ermordeten Hannah aus Königswinter ist aufgeklärt: Ein 25-Jähriger hat gestanden, das Mädchen vergewaltigt und erstochen zu haben. Er wohnte im selben Ortsteil wie sein Opfer. Der Homosexuelle habe einmal Sex mit einer Frau haben wollen, sagt ein Ermittler.
Von Jörg Diehl und Carolin Jenkner

Bonn - "Gerade kam die Meldung, dass die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen hat", schrieb heute Morgen um 9.24 Uhr eine aufgeregte Sabine aus Bonn in das Internet-Trauerbuch der Christophorus-Realschule in Königswinter. "Hoffen wir, dass es der Täter ist." Die mitfühlende Bürgerin musste sich noch einige Stunden gedulden - zunächst hüllten sich die Ermittler in Schweigen. Anfragen wurden rigoros abgeblockt.

Erst um 13.03 Uhr teilte der Chef der Bonner Mordkommission, Michael Brück, auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz in erstaunlich deutlichen Worten mit: "Die Suche ist zu Ende, der Täter ist festgenommen worden."

Der 25 Jahre alte Tscheche, der Hannah vergewaltigt und ermordet haben soll, befinde sich seit heute Morgen in Untersuchungshaft. Er sei gestern Nachmittag festgenommen worden und habe in der Zwischenzeit ein "detailliertes und umfassendes Geständnis" abgelegt.

Der selbständige Fahrzeugreiniger, der seit fünf Jahren in Königswinter lebe, habe eingeräumt, der 14-Jährigen am Abend des 29. August an der Straßenbahnhaltestelle Oberdollendorf aufgelauert zu haben. Hannah sei ein "Zufallsopfer" gewesen, ihr mutmaßlicher Peiniger habe sie nicht gekannt und "es nicht im Speziellen auf sie abgesehen", sagte ein Ermittler. Die Realschülerin, die gerade von ihrem Freund zurückkehrte, sei nur wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt überfallen worden.

Der Täter hat sie den Ermittlern zufolge mit einem Messer bedroht, geknebelt und gefesselt. Dann habe er sie auf das nahegelegene Gelände einer Firma geschleppt, für die er arbeitete. In einem Bus vergewaltigte er das Mädchen. Anschließend habe er ihr vor dem Fahrzeug eine "Vielzahl von Schnitt- und Stichverletzungen beigebracht", sagte der ermittelnde Staatsanwalt Michael Hermesmann. Hannah sei verblutet. Der Täter habe ihre Leiche in ein Gebüsch geschleppt, in dem sie fünf Tage später von Beamten einer Einsatzhundertschaft entdeckt worden sei. Sich selbst wusch der 25-Jährige - Hermesmann zufolge - noch auf dem Gelände und radelte anschließend nach Hause.

Frage nach dem Motiv

Die Frage nach dem Motiv sei naturgemäß immer die schwierigste, sagte Oberstaatsanwalt Fred Apostel. Nur selten komme man zu einer zufriedenstellenden Antwort, warum ein Verbrechen begangen worden sei. In diesem Fall handle es sich, das müsse man leider so sagen, "um einen Homosexuellen, der einmal Lust auf eine Frau hatte", so Apostel.

Ein Gutachten müsse nun zeigen, ob der Mann psychisch krank oder schuldfähig ist. Auch ob der Tscheche vorbestraft sei, möglicherweise in einem anderen Land, wird noch geprüft. Der mutmaßliche Täter gehörte zu den 152 Personen, von denen die Polizei freiwillige Speichelproben genommen hatte. Wie Staatsanwalt Hermesmann sagte, seien DNA-Spuren des 25-Jährigen am Opfer gefunden worden. Der Mann sei damit eindeutig überführt.

Die Beamten waren bei ihren Ermittlungen rund 360 Spuren nachgegangen. 500 Personen wurden überprüft. "Der Täter war die Nummer 21 der DNA-Proben", sagte Mordkommissionsleiter Brück. Mit der Festnahme habe sich der erste Eindruck der Ermittler bewahrheitet, dass der Täter aus der Region stammen musste.

Oberstaatsanwalt Apostel lobte in seinen Ausführungen ausdrücklich die Vorgehensweise der Polizei. "Es war eine Arbeit, die so schwer war, wie ich es noch nicht erlebt habe", sagte der erfahrene Beamte. Vor allem der Umstand, dass die 14-Jährige in keiner Beziehung zu ihrem mutmaßlichen Mörder stand, hatte die Ermittlungen verkompliziert.

"Jetzt kannst Du in Frieden ruhen"

Auch diejenigen, die Hannah nahe waren, erkennen den Erfolg der Mordkommission an. Neben Wut, Entsetzen und Trauer kam auf der zum Gedenken eingerichteten Seite auch Dankbarkeit für die Bemühungen der Fahnder zum Ausdruck.

Die Menschen in Oberdollendorf wollen mit ihrer Trauer allein sein, am liebsten nicht mit Fremden darüber reden. Der Mord hat einen Teil ihrer Idylle zerstört. Ihr Dorf war immer friedlich. Kleine Fachwerkhäuser stehen dicht an dicht inmitten von Weinbergen.

Eine alte Frau sitzt am Küchenfenster, schaut auf die Straße und weint. "Haben Sie gehört?", fragt sie mit einem Zittern in der Stimme. "Der Täter kam aus Oberdollendorf. Das kann doch nicht sein! Das war einer von uns. Und Hannah war doch noch ein Kind."

Monika, 31, die ihren Nachnamen nicht nennen will, schiebt ihre Tochter im Kinderwagen durch eine Gasse unweit des Tatorts. "Es ist gut, dass der Täter gefasst wurde. Die Eltern können jetzt endlich in Ruhe trauern, und der Täter kann bestraft werden", sagt sie.

An einer Kreuzung in der Nähe von Hannahs Elternhaus liegt auf einem Rasenstück ein Meer aus Blumen, Kerzen, Briefen und Bildern für Hannah. 300 Meter weiter, beim Autohaus, in dessen Nähe Hannahs Leiche gefunden wurde, stapeln sich Rosen und Blumengestecke. Eine Frau bringt mit ihrem kleinen blonden Sohn eine Topfblume vorbei. Darin ein Zettel: "Dein Mörder ist gefasst. Hoffentlich bekommt er seine gerechte Strafe. Jetzt kannst Du in Frieden ruhen."

Von dieser Stelle sind es nur 200 Meter bis zur Haltestelle Oberdollendorf-Nord. Der Haltestelle, an der Hannah am Tatabend ausgestiegen ist. Ein schmaler Fußweg führt dorthin. Links und rechts eine Hecke. Kurz vor der Brücke, die über die Autobahn und zur Haltestelle führt, liegt wieder eine Blume. "Wir kriegen dich, du Schwein!" steht dort mit unzähligen Ausrufezeichen.

"Zeit heilt alle Wunden", sagt ein alter Mann. "Aber diese Wunden werden lange bleiben. Vor allem die Eltern und die Mitschüler brauchen Zeit."

Hannah soll morgen auf dem Waldfriedhof in Oberdollendorf im engsten Familienkreis beigesetzt werden. Aus Rücksicht auf die Angehörigen soll der Friedhof für die Dauer der Trauerfeierlichkeiten für die Öffentlichkeit geschlossen bleiben.

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