Mordfall Hannah "Einmal Lust auf eine Frau gehabt"

Der Fall der ermordeten Hannah aus Königswinter ist aufgeklärt: Ein 25-Jähriger hat der Polizei gestanden, das Mädchen vergewaltigt und erstochen zu haben. Der Homosexuelle habe einmal Sex mit einer Frau haben wollen, sagte ein Ermittler.

Von


Bonn - "Gerade kam die Meldung, dass die Polizei einen Tatverdächtigen festgenommen hat", schrieb heute Morgen um 9.24 Uhr eine aufgeregte Sabine aus Bonn in das Internet-Trauerbuch der Christopherus-Realschule in Königswinter. "Hoffen wir, dass es der Täter ist." Die mitfühlende Bürgerin musste sich noch einige Stunden gedulden - zunächst hüllten sich die Ermittler in Schweigen. Anfragen wurden rigoros abgeblockt.

Ermordete Hannah, 14: Komplexe Ermittlungen
DDP

Ermordete Hannah, 14: Komplexe Ermittlungen

Erst um 13.03 Uhr teilte der Chef der Bonner Mordkommission, Michael Brück, auf einer eilig anberaumten Pressekonferenz in erstaunlich deutlichen Worten mit: "Die Suche ist zu Ende, der Täter ist festgenommen worden."

Der 25 Jahre alte Tscheche, der Hannah vergewaltigt und ermordet haben soll, befinde sich seit heute Morgen in Untersuchungshaft. Er sei gestern Nachmittag festgenommen worden und habe in der Zwischenzeit ein "detailliertes und umfassendes Geständnis" abgelegt.

Der selbständige Fahrzeugreiniger, der seit fünf Jahren in Königswinter lebe, habe eingeräumt, der 14-Jährigen am Abend des 29. August an der Straßenbahnhaltestelle Oberdollendorf aufgelauert zu haben. Hannah sei ein "Zufallsopfer" gewesen, ihr mutmaßlicher Peiniger habe sie nicht gekannt und "es nicht im Speziellen auf sie abgesehen", sagte ein Ermittler. Die Realschülerin, die gerade von ihrem Freund zurückkehrte, sei nur wenige hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt überfallen worden.

Der Täter hat sie den Ermittlern zufolge mit einem Messer bedroht, geknebelt und gefesselt. Dann habe er sie auf das nahegelegene Gelände einer Firma geschleppt, für die er arbeitete. In einem Bus vergewaltigte er das Mädchen. Anschließend habe er ihr vor dem Fahrzeug eine "Vielzahl von Schnitt- und Stichverletzungen beigebracht", sagte der ermittelnde Staatsanwalt Michael Hermesmann. Hannah sei verblutet. Der Täter habe ihre Leiche in ein Gebüsch geschleppt, in dem sie fünf Tage später von Beamten einer Einsatzhundertschaft entdeckt worden sei. Sich selbst wusch der 25-Jährige - Hermesmann zufolge - noch auf dem Gelände und radelte anschließend nach Hause.

Frage nach dem Motiv

Die Frage nach dem Motiv sei naturgemäß immer die schwierigste, sagte Oberstaatsanwalt Fred Apostel. Nur selten komme man zu einer zufriedenstellenden Antwort, warum ein Verbrechen begangen worden sei. In diesem Fall handle es sich, das müsse man leider so sagen, "um einen Homosexuellen, der einmal Lust auf eine Frau hatte", so Apostel.

Ein Gutachten müsse nun zeigen, ob der Mann psychisch krank oder schuldfähig ist. Auch ob der Tscheche vorbestraft sei, möglicherweise in einem anderen Land, wird noch geprüft. Der mutmaßliche Täter gehörte zu den 152 Personen, von denen die Polizei freiwillige Speichelproben genommen hatte. Wie Staatsanwalt Hermesmann sagte, seien DNA-Spuren des 25-Jährigen am Opfer gefunden worden. Der Mann sei damit eindeutig überführt.

Die Beamten waren bei ihren Ermittlungen rund 360 Spuren nachgegangen. 500 Personen wurden überprüft. "Der Täter war die Nummer 21 der DNA-Proben", sagte Mordkommissions-Leiter Brück. Mit der Festnahme habe sich der erste Eindruck der Ermittler bewahrheitet, dass der Täter aus der Region stammen musste.

Wut, Entsetzen, Trauer

Oberstaatsanwalt Apostel lobte in seinen Ausführungen ausdrücklich die Vorgehensweise der Polizei. "Es war eine Arbeit, die so schwer war, wie ich es noch nicht erlebt habe", sagte der erfahrene Beamte. Vor allem der Umstand, dass die 14-Jährige in keiner Beziehung zu ihrem mutmaßlichen Mörder stand, hatte die Ermittlungen verkompliziert.

Auch die Menschen, die Hannah nahe waren, erkennen den Erfolg der Mordkommission an. Neben Wut, Entsetzen und Trauer kam auf der zum Gedenken eingerichteten Seite auch Dankbarkeit für die Bemühungen der Fahnder zum Ausdruck.

Die 14-Jährige soll morgen auf dem Waldfriedhof in Oberdollendorf im engsten Familienkreis beigesetzt werden. Aus Rücksicht auf die Angehörigen soll der Friedhof für die Dauer der Trauerfeierlichkeiten für die Öffentlichkeit geschlossen bleiben. "Die Eltern brauchen noch ganz viel Zeit, um das zu verarbeiten", sagte Ermittler Brück, "und ganz viel Ruhe."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.