Entführung und Mord an Maria Bögerl Ein Fall für zwei

Vor zehn Jahren entdeckte ein Spaziergänger die Leiche Maria Bögerls. Die Frau des Heidenheimer Sparkassenchefs war zuvor entführt worden. Zwei Ermittler geben die Suche nach dem Mörder nicht auf.
Rückblende: Vor einer Pressekonferenz heftet ein Polizist ein Foto von Maria Bögerl an eine Pinnwand (Archivbild)

Rückblende: Vor einer Pressekonferenz heftet ein Polizist ein Foto von Maria Bögerl an eine Pinnwand (Archivbild)

Foto: dapd

Auf seinem Nachttisch liegen immer ein Blatt Papier und ein Kugelschreiber, so erzählt es Thomas Friedrich. Kommt ihm ein Einfall, und sei es mitten in der Nacht, dann notiere er ihn und bespreche ihn am nächsten Tag mit seinem Kollegen Michael Bauer. Die beiden Kriminalbeamten des Polizeipräsidiums Ulm sind noch immer auf der Suche nach dem Mörder der Maria Bögerl.

Die Ehefrau des Sparkassenchefs Thomas Bögerl wird am 12. Mai 2010 aus dem Haus der Familie im baden-württembergischen Heidenheim entführt. Ein Mann fordert am Telefon 300.000 Euro, zu übergeben innerhalb weniger Stunden. Thomas Bögerl legt das Lösegeld wie vereinbart an eine Stelle neben der A7, markiert mit einer Deutschlandflagge. Doch es wird nicht abgeholt, der Entführer meldet sich nie wieder. Am 3. Juni entdeckt ein Spaziergänger im Wald die Leiche Maria Bögerls unter einem Reisighaufen, nahe dem Ort der Geldübergabe und wenige Kilometer vom Zuhause der Bögerls entfernt.

Warum musste Maria Bögerl sterben? Wer steckt hinter diesem Verbrechen?

Warum musste Maria Bögerl sterben? Kriminalhauptkommissar Michael Bauer (links) und Kriminaldirektor Thomas Friedrich ermitteln weiter

Warum musste Maria Bögerl sterben? Kriminalhauptkommissar Michael Bauer (links) und Kriminaldirektor Thomas Friedrich ermitteln weiter

Foto: Silja Kummer

Kein Kriminalfall werde seit zehn Jahren in dieser Kontinuität bearbeitet, kein Fall sei bundesweit mit diesem vergleichbar, sagt Kriminaldirektor Friedrich. Er ist ein drahtiger Mann mit Brille, 54 Jahre alt. Thomas Friedrich ist heute immer noch Leiter der zwischenzeitlich aufgelösten Sonderkommission "Flagge", die sechs Tage nach dem Verschwinden Bögerls gebildet wurde.

In der Todesanzeige rechneten die Kinder mit der Polizei ab

Die ersten vier Jahre allerdings gehörte Friedrich nicht zur Soko. Es waren keine guten Jahre für die Ermittler: Es gab Vorwürfe, weil der Suchtrupp die Leiche in dem Waldstück übersehen hatte, und eine Hetzjagd gegen den Witwer Thomas Bögerl. Er nahm sich am 1. Juli 2011 das Leben. Seine beiden erwachsenen Kinder kritisierten daraufhin öffentlich die Polizei. In der Todesanzeige für ihren Vater schrieben sie, er habe "die erfolglosen polizeilichen Ermittlungen" und "unsäglichen Verleumdungen" nicht mehr ertragen.

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Auch nach zehn Jahren noch ein Rästel: Der Entführungs- und Mordfall Maria Bögerl

Die Ermittler ließen sich zudem von einem Mann in die Irre führen, der sie mit falschen Hinweisen zum ungeklärten Mordfall versorgte und dafür 9000 Euro Belohnung kassierte. Er wurde zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2013 wurde die Soko um vier Beamte auf zwölf reduziert, bis im Jahr 2014 die komplette Mannschaft ausgetauscht wurde - und Thomas Friedrich Leiter der Ermittlungsgruppe wurde.

Ein neues Team könne bei einem sogenannten Cold Case wie dem Fall Bögerl neue Perspektiven entwickeln, sagt Friedrich. In den vergangenen Jahren erlebte Friedrich mehrfach den Moment, von dem er glaubte, er könne den ersehnten Durchbruch bringen: Zuletzt Ende Januar 2020 bei Durchsuchungen in Weipertshofen, einem Stadtteil von Stimpfach im Landkreis Schwäbisch Hall sowie in einem Gebäude im bayerischen Landkreis Donau-Ries. "Aber dann war es nicht so", sagt Friedrich. Er klingt nicht verbittert. Im Gegenteil.

War es ein Täter - oder gab es einen Komplizen?

Friedrich glaubt, es ist nur eine Frage der Zeit, wann der oder die Täter gefasst werden. Es gibt tatrelevante DNA-Spuren, die eindeutig dem Täter zuzuordnen sind. "Wenn wir den DNA-Wattestab in den richtigen Mund schieben, ist der Fall geklärt", sagt Friedrich. Er klingt optimistisch. Dabei gab es zwei große Reihenuntersuchungen und unzählige Einzeltests im Zuge der Spurenbearbeitung, in denen insgesamt 8000 Personen Speichelproben abgaben. Jeden Monat gebe es im Schnitt noch immer zwei neue Hinweise. Doch der erhoffte Treffer blieb bislang aus.

Mehrfach hat Friedrich mit seinem Team den Entführungsfall nachgestellt und kommt zu dem Schluss: "Die Tat ist durch einen Einzeltäter umsetzbar, durch zwei Täter allerdings leichter umsetzbar." Bis heute könne er jedoch nicht sicher sagen, ob es ein oder mehrere Täter waren, die Maria Bögerl entführt und ermordet haben.

Der Mann, der Thomas Bögerl anrief und die Lösegeldsumme forderte, habe Schwäbisch gesprochen. So berichtete es der Sparkassenchef den Mitgliedern der Soko "Flagge". Dieser Mann könnte aus der Region stammen, ein Komplize möglicherweise aber nicht. Von wem aber stammt die DNA-Spur?

Zeugen können sich irren

Friedrich geht davon aus, dass der Name des DNA-Spurenträgers mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in den Daten der Ermittler zu finden ist. Niemand begehe aus heiterem Himmel ein derartiges Verbrechen. Friedrich spricht von zwei Tätertypen: Dem bereits strafrechtlich Auffälligen oder dem Verzweifelten, dem 300.000 Euro ausreichen, um seine wirtschaftliche Existenz zu sichern.

Friedrich arbeitet schon lange keine Spurenliste mehr ab. Mit seinem Kollegen Bauer, dem Hauptsachbearbeiter im Fall Bögerl, widmet er sich vor allem der Datenbank, in der 10.000 Spuren zum Fall Bögerl gespeichert sind: Dazu gehören Informationen von den Speichelproben und aus Zeugenbefragungen sowie eine knappe Million Funkzellendaten. Zeugen können sich irren, vor allem nach so langer Zeit. Aber die Daten nicht. Friedrich sagt: "Die Daten können nicht lügen, die können nicht vergessen." Sie gilt es deshalb abzugleichen. Und auf die richtigen Fragestellungen abzuklopfen. Dann, so die Hoffnung der Ermittler, könnten sie eines Tages den Namen oder die Handynummer des Täters ausspucken.

Verzweifelter Hilferuf der Familie

Thomas Bögerl und die beiden erwachsenen Kinder versuchten kurz nach der Tat über einen Aufruf in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY … ungelöst" den oder die Entführer zu erreichen: Öffentlich flehten sie um einen Hinweis, der Maria Bögerl das Leben retten könnte. Die Familie und die Polizei kassierten für diesen Auftritt viel Kritik. Der Familie sei es damals ein Anliegen gewesen, "die Gnade des Täters zu ersuchen", sagt Friedrich. "So einen Hilferuf würde ich auch nachträglich nie als Fehler bezeichnen." Die Hoffnung, Maria Bögerl sei noch am Leben, sei damals groß gewesen. Heute vermutet Friedrich, dass Maria Bögerl kurz nach ihrer Entführung, noch vor der Geldübergabe, erstochen wurde.

Friedrich betont die "Kaltblütigkeit" im Fall Bögerl: Der oder die Täter hätten einen "unheimlich hohen Planungsaufwand" betrieben, die Entführung "professionell vorbereitet" und gleichzeitig auch "viel Glück" gehabt. Denn das Risiko, aufzufliegen, war an jenem 12. Mai 2010 enorm: Maria Bögerl wurde am Vormittag aus ihrem Haus entführt, mit ihrem eigenen Wagen, den der oder die Täter am helllichten Tag durch die Gegend lenkten und mitten im Innenhof eines Klosters parkten. Woher wussten sie, dass Maria Bögerl zu Hause und allein war? Was planten sie mit ihrem Opfer nach der Geldübergabe? Wollten sie Maria Bögerl freilassen? Oder war ihr Tod von Anfang an geplant?

Fragen, die Friedrich dem oder den Entführern gern selbst stellen würde, wenn er oder sie endlich Platz genommen haben auf der anderen Seite von Friedrichs Schreibtisch. Damit er ihm oder ihnen in die Augen sehen kann. "Das ist unser Antrieb", sagt Friedrich.

"Offene Wunde" - für Angehörige und Ermittler

Ansporn, auch nach zehn Jahren nicht aufzugeben, sei aber auch der Gedanke an die Hinterbliebenen und ihre verstorbenen Eltern. Mit den Kindern von Maria und Thomas Bögerl steht Friedrich über deren Anwalt in Kontakt. Auch nach zehn Jahren sei ihr Trauma nicht geheilt. "Es bleibt eine offene Wunde."

Nach wie vor seien sie für "sachdienliche Hinweise und Informationen" dankbar, sagt Armin Burger von der Staatsanwaltschaft Ellwangen. "Wir sind es dem Opfer und den Angehörigen schuldig, dieses furchtbare Verbrechen aufzuklären."

Das Opfer habe man ständig vor Augen, sagt Friedrich. "Ihm will man seine Würde zurückgeben." Jeden Abend gehe er mit dem Gedanken an Maria Bögerl zu Bett, jeden Morgen stehe er mit den gleichen Gedanken auf. Deshalb auch das Blatt Papier auf seinem Nachttisch.