Mordfall Morsal "Sie fürchtete sich vor Ahmad - und liebte ihn"

Sie suchte Freiheit - doch immer wieder auch die Nähe ihrer Familie: Die Deutsch-Afghanin Morsal wurde von ihrem Bruder Ahmad mit 23 Messerstichen getötet. Dem Gericht fällt es schwer, das ambivalente Verhältnis der Geschwister zu würdigen. Die Mutter ist ratlos und verzweifelt.

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Hamburg - In der Verhandlungspause steht Morsals Mutter an ein Fenster gelehnt und schluchzt. Sie spricht leise, aber mit Nachdruck, versucht, in Worte zu fassen, wie sie sich fühlt. "Aber ich kann mit Worten nicht ausdrücken, wie es hier drin aussieht", sagt sie und pocht mit der rechten Hand auf ihr Herz. "Jetzt ist sie tot. Tot. Sie war doch meine Tochter."

Einen Flur weiter verhandelt die Große Strafkammer 21 des Hamburger Landgerichts den Fall Morsal Obeidi. Auf der Anklagebank sitzt Ahmad Sobair Obeidi, ältester Sohn der Familie, Morsals Bruder. Er hat gestanden, seine Schwester am 15. Mai 2008 mit 23 Stichen am Hamburger U-Bahnhof Berliner Tor getötet zu haben - weil er mit ihrem Lebensstil und ihrem Drang nach Freiheit nicht einverstanden war.

Die Große Strafkammer 21 verhandelt auch die Familiengeschichte der Obeidis, die nach Aussagen verschiedener Zeugen geprägt war durch verbale und körperliche Gewalt unter den Familienmitgliedern. Immer wieder wandten Morsal und ihr Bruder Ahmad sich an das Jugendamt, beklagten die Situation zu Hause - doch immer wieder verließen beide die Einrichtungen, in denen sie untergebracht waren, auf eigenen Wunsch.

Morsal erstattete Anzeige - und zog sie wieder zurück

Die Realität von Morsals Mutter ist eine andere als die, die in Saal 288, einem schmucklosen Raum mit Neonbeleuchtung und Linoleumboden, verhandelt wird. Sie spricht von der glücklichen Morsal, der braven Morsal, der lustigen Morsal - und dem zuverlässigen Ahmad, der viel arbeitete, sich für die Familie einsetzte. "Aber wer will das jetzt alles noch wissen? Wer interessiert sich noch dafür?", fragt sie.

Vor Gericht hat die 42-Jährige von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch gemacht. "Was hätte ich denn noch sagen sollen? Es ist alles hier drin", sagt sie und pocht wieder auf ihr Herz. Auch Morsals Vater und ein Bruder haben vor Gericht geschwiegen. Die Kammer muss versuchen, ohne die Hilfe und die Kenntnisse der Familienmitglieder das Verhältnis der 16-Jährigen zu ihrem Bruder zu ergründen.

Eine Aufgabe, die schwieriger kaum sein könnte. In Morsals Akten des Kinder- und Jugendnotdienstes (KJND) findet sich immer wieder ein Vermerk: "Hat die Einrichtung auf eigenen Wunsch verlassen." Morsal suchte immer wieder den Schutz der Einrichtungen, kehrte ihrer Familie immer wieder den Rücken - doch sie wollte immer wieder zurück. In Dutzenden Vermerken ist das Schicksal des Mädchens in sprödem Beamtendeutsch dokumentiert. Das Muster war das immer gleiche: Morsal rief die Polizei, erstattete Anzeige - und zog sie wieder zurück.

"Für sie war das mit der Polizei auch ein Spiel", sagt ihre Mutter. Manchmal habe sie die Beamten gerufen, nur um noch eine Stunde länger rausgehen zu dürfen. "Wenn sie dann gesagt haben, dass Morsal noch eine Stunde gehen kann, hat sie gelacht, mich angeschaut und gesagt: 'Siehst Du?'."

"Ahmad weiß, wie es mir geht"

Ahmad war laut der Aussage einer Zeugin Morsals Vorbild. Trotz wiederholter Angriffe habe die 16-Jährige ihren Bruder sehr gemocht, habe ihn allein in seiner Wohnung besucht. "Sie fürchtete sich vor ihm - und sie liebte ihn", sagte die für die Geschwister zuständige Mitarbeiterin des Jugendamtes. "Ahmad kennt mich, er weiß, wie es mir geht", habe Morsal einmal zur Erklärung gesagt.

Noch zwei Tage vor der Tat seien die beiden Geschwister zusammen in einem Elektromarkt einkaufen gewesen, erinnert sich die Mutter an die scheinbare Normalität unmittelbar vor der Tat.

Das Verhältnis der Geschwister ist ambivalent: Ahmad will seine Schwester beschützen - und erniedrigt sie. Er gibt vor, sich um sie zu sorgen - und schlägt auf sie ein. Im Verfahren ist er auch wegen Bedrohung und Körperverletzung angeklagt.

Er selbst hatte sich 2001 hilfesuchend an das Jugendamt gewandt: Er wolle von zu Hause ausziehen, weil sein Vater ihn schlage, sagte er damals der Sozialarbeiterin. Die Familie habe ihr gegenüber jedoch betont, sie wolle "das innerfamiliär regeln", und habe bestritten, Gewalt gegen die Kinder anzuwenden, erinnerte sich die Zeugin vor Gericht.

"Wir haben die Kinder nicht geschlagen, wir haben sie geliebt", sagt Morsals Mutter. Die Verletzungen habe Morsal sich zum Teil selbst zugefügt.

Ihr Vater ist inzwischen in einem separaten Verfahren wegen Misshandlung Schutzbefohlener angeklagt.

Morsal hat Angst vor dem Vater - aber sie liebt ihn

Auch Ahmad zieht 2001 erst in eine Einrichtung des KJND, dann wieder zurück in die Wohnung seiner Eltern. Nach einem weiteren Streit mit seinem Vater kommt er erneut zu der Mitarbeiterin des Jugendamtes: "Er wollte damals in meinem Büro schlafen." Die Eltern seien gegen die Unterbringung des Sohnes in einer Einrichtung gewesen. "Sie waren damit nicht einverstanden. Das sei gegen ihre Kultur. Sie waren der Meinung, man soll erst ausziehen, wenn man verheiratet ist", sagte die Zeugin vor Gericht.

Ahmad kommt erneut in eine Wohngruppe - doch die Maßnahmen des Jugend- und Arbeitsamtes schlagen fehl. Nach einer Schlägerei hat Ahmad eine gebrochene Nase, kann nicht arbeiten; bei einer Messerstecherei verletzt er sich am Arm und bricht daraufhin ein Praktikum bei Karstadt ab. "Er hat das leicht und locker genommen. Er hat in den Gesprächen seinen Charme spielen lassen und sich als Opfer gesehen", sagte die 52-Jährige, die die Familie seit acht Jahren kennt.

In den Gesprächen habe er geleugnet, dass es Morsal in der Familie schlecht gehe. Gewalt gebe es nicht, seine Schwester werde nicht geschlagen.

Das Mädchen selbst erzählte der Leiterin eines Mädchenhauses, dass sie es zu Hause nicht aushalte. "Sie hat berichtet, dass es zu Hause verbale und körperliche Auseinandersetzungen gibt, sie geschlagen und eingesperrt worden ist", sagte die 40 Jahre alte Zeugin am Dienstag vor Gericht. "Zugleich war sie darauf bedacht, nicht schlecht über ihre Familie zu reden. Die Eltern sollten nichts davon erfahren, was sie gesagt hat; sie wollte nicht, dass ihr Bruder wegen ihr ins Gefängnis kommt."

Morsal habe vor ihrem Vater Angst gehabt - aber für ihn auch Respekt, Achtung und Liebe empfunden. Das Verhältnis zu ihrem Bruder habe sie selbst einmal als "Hass-Liebe" bezeichnet. "Sie fühlte sich ihren Familienmitgliedern ausgeliefert", sagte die Leiterin der Wohngruppe. Unter anderem habe die 16-Jährige davon berichtet, wie ihre Schwester sie an den Haaren durch die Wohnung gezogen habe.

Doch auch Morsal kehrte immer wieder aus den Mädchenwohnheimen zurück zu ihren Eltern. "Sie war der Überzeugung, dass die Eltern sich schon ändern würden und dass sie das hinkriegen würden", sagte die Jugendamtsmitarbeiterin.

Ahmad Obeidi verfolgte die Ausführungen der Zeugen scheinbar regungslos, hörte mit versteinerter Miene, wie ein psychiatrischer Gutachter ihm eine unterdurchschnittliche Intelligenz und einen IQ "von 70 bis 79" bescheinigte und Staatsanwaltschaft und Verteidigung sich über eine mögliche Befangenheit der Gutachter stritten.

Lediglich die offenbar feuchten Hände rieb er sich immer wieder mit einem Papiertaschentuch trocken.

Unmittelbar, nachdem die Verhandlung geschlossen war, wandte sich Ahmad Obeidi an den Vorsitzenden Richter: "Darf ich meine Mutter einmal umarmen?" Seine Mutter ging aus dem mit einer Glasscheibe abgetrennten Zuschauerraum zu ihrem Sohn, fiel ihm laut schluchzend um den Hals, dann brach sie weinend zusammen.

Ihr Sohn wurde abgeführt.

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