Mordfall Sonja Ady Die trügerische DNA-Spur des Michael B.

Genetischer Test überführt Mörder nach 21 Jahren: Es klang nach der klassischen Erfolgsgeschichte der DNA-Kriminalistik, als Ermittler 2008 den Durchbruch im Fall Sonja Ady verkündeten. Doch jetzt zeichnet sich ab, dass der Angeklagte womöglich freigesprochen wird - denn Erbgut-Spuren können in die Irre führen.

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Buxtehude/Stade - Lars Zimmermann sitzt in einem schwarzen ledernen Bürosessel in seiner Kanzlei in Buxtehude. Auf dem anthrazitfarbenen Teppichboden reihen sich Dutzende Aktenordner, auf dem Schreibtisch türmen sich Unterlagen in roten Mappen. Durch die Jalousien zwängt sich die Sommersonne. Zufrieden wippt der Strafverteidiger auf und ab.

Seit einem Jahr wiederholt er immer wieder, dass sein Mandant Michael B. mit dem Mord an Sonja Ady nichts zu tun habe. Vorwürfe abzuschmettern - das ist Zimmermanns Job. Doch nun scheint der 37-Jährige Recht zu bekommen.

Sonja Ady: Mit diesem Foto fahndete die Polizei 1987 nach dem Täter
Polizei

Sonja Ady: Mit diesem Foto fahndete die Polizei 1987 nach dem Täter

Michael B. war am 6. Juli 2008 in seiner Heimatgemeinde Himmelpforten nahe Stade festgenommen worden. Am nächsten Tag wurde er dem Haftrichter vorgeführt und in Untersuchungshaft gesperrt. 359 Tage lang saß er im Stader Gefängnis in einer Einzelzelle. Er beteuerte immer wieder, das Mädchen nicht getötet zu haben - nie zuvor war der gelernte Mechaniker straffällig geworden.

An diesem Montag geht der Prozess gegen ihn in die entscheidende Phase. Staatsanwältin Anne Stange hält den gebürtigen Niedersachsen für schuldig, 1987 die 16-jährige Hauswirtschaftsschülerin Sonja Ady getötet zu haben. "Er hat sich eines grausamen Mordes aus Heimtücke schuldig gemacht," sagte Stange und plädierte für eine Verurteilung nach dem Jugendstrafrecht für den damals 19-Jährigen und forderte eine Haftstrafe von sieben Jahren.

Im Verfahren hatte sie versucht, dem Angeklagten einen Mord nachzuweisen. Nur dann kann er zu einer Strafe verurteilt werden, denn sollte das Gericht Totschlag feststellen, wäre die Tat verjährt. Das Hauptindiz der Staatsanwaltschaft sind genetische Spuren des Angeklagten, die angeblich von einem Seil stammen, mit dem die Leiche gefesselt war.

Michael B.s Verteidiger ist dagegen von der Unschuld des heute 41-Jährigen überzeugt. Viermal haben Zimmermann und seine Kollegin Katrin Bartels Antrag auf Aufhebung des Haftbefehls gestellt. Als dann eine Gutachterin bestätigte, dass die genetischen Spuren des Angeklagten auch durch Dritte auf die Leiche, eine Socke und ein Seil übertragen worden sein können, kam der Angeklagte frei.

Mit der Begründung, es sei keine hohe Verurteilungswahrscheinlichkeit mehr gegeben, hat das Gericht unter Vorsitz von Berend Appelkamp schon angedeutet, dass Michael B. der Mord an Sonja Ady womöglich nicht nachzuweisen ist. Damit bliebe der Fall aus dem Landkreis Rotenburg an der Wümme eines der unzähligen ungeklärten Verbrechen der vergangenen Jahrzehnte. Und ein Beispiel dafür, dass eine DNA-Datei beim Bundeskriminalamt nicht die ultimative Waffe im Kampf gegen das Verbrechen ist.

Der Angeklagte will aus der Zeitung vom Mord erfahren haben

Sonja Adys Leiche war am 23. August 1987 gegen 11 Uhr morgens im Gras an einem Feldweg in der Ebersdorfer Feldmark "Steffens Hörn" gefunden worden - nackt und mit 67 Messerstichen übersät. Unter ihrem Rücken klebte das Mittelstück eines Messers, das bis heute verschwunden ist. Ihre Hände und Füße waren jeweils gefesselt und mit einem Seil miteinander verknotet. Eine blaue Socke hing in einem nahen Weidenzaun, noch immer ist unklar, wem sie gehörte. Sonjas Kleidung lag im Gras verstreut. Ein Sexualverbrechen kann die Polizei bis heute weder ausschließen noch zweifelsfrei nachweisen.

Schnell ließ sich rekonstruieren, dass die 16-Jährige aus Ostendorf bei Bremervörde am Abend zuvor die Discothek "ta töff" in Bevern besucht hatte. Eine Sonderkommission (Soko) sicherte die Spuren, wie man das vor 22 Jahren eben tat: Mundschutz, Handschuhe, Hygiene bei der Spurensicherung - nichts war zwingend. Zwei weiße Socken, die nahe der Toten gefunden wurden, verschwanden unauffindbar. Die Ermittler fahndeten mit Flugblättern und Plakaten nach dem flüchtigen Täter.

Michael B. sagt, er habe am 24. August 1987, einem Montag, aus der Zeitung erfahren, dass Sonja Ady getötet worden ist. Der damals 19-Jährige fuhr seinem Anwalt zufolge zur Polizei und gab an, er habe das Mädchen gekannt und an jenem Abend mit ihr in seinem Auto auf dem Parkplatz der Discothek einvernehmlich Geschlechtsverkehr gehabt. Er habe Sonja Ady vom Sehen gekannt, sich spontan mit ihr zum Sex verabredet. Nach Angaben seines Verteidigers wurden sowohl sein Wagen als auch seine Kleidung von jenem Abend nach Blutspuren untersucht - mit negativem Ergebnis.

Michael B. hatte nach Angaben seines Anwalts damals eine feste Freundin, die ebenfalls im "ta töff" den Abend verbrachte, nichts von dem Seitensprung ihres Freundes ahnte und ihn um 1.30 Uhr nach Hause begleitete. Ein Taxifahrer ist sich sicher, Sonja Ady um 1.50 Uhr gesehen zu haben. Weitere Zeugen wollen der Schülerin sogar bis vier Uhr lebend begegnet sein. Laut Obduktionsbericht starb Sonja Ady zwischen ein und fünf Uhr früh.

Michael B. gab damals freiwillig eine Speichelprobe ab und galt als Zeuge, nie als Tatverdächtiger. Die Soko ging mehr als 200 Spuren und Hinweisen nach - vergeblich.

"Das Opfer hatte Stichwunden im Vaginal- und Afterbereich"

Die DNA-Untersuchungstechnik wurde in jenem Jahr in Großbritannien erstmals eingesetzt. 1990 erklärte auch der Bundesgerichtshof die kriminalistische Methode zur Aufklärung schwerer Verbrechen für zulässig. Trotzdem nahm das 1. Fachkommissariat der Rotenburger Polizeiinspektion mit Unterstützung des Landeskriminalamtes Niedersachsen und Hamburger Rechtsmedizinern den Fall Ady erst wieder im Sommer 2008 auf - im Rahmen der Überprüfung ungeklärter Mordfälle.

Dabei stellten sie an jenem Strick, mit dem das Mädchen geknebelt wurde, und an der Socke DNA von Michael B. sicher. Die Qualität jener Spuren sei dem genetischen Fingerabdruck gleichzusetzen, teilten die Ermittler damals mit und feierten einen Durchbruch im Fall Ady - die Festnahme eines Tatverdächtigen nach 21 Jahren. B.s genetische Spuren seien sogenannte Hautabriebspuren, was laut Staatsanwaltschaft belege, dass B. den Strick zugezogen habe.

Die DNA-Teile können jedoch einem Gutachten zufolge auch durch eine sogenannte Sekundärübertragung auf das Seil gelangt sein, also durch andere Personen. Die Direktorin des rechtsmedizinischen Instituts der Universität Münster, Heidi Pfeiffer, teilte diese Einschätzung im Verfahren mit. So sei nicht auszuschließen, dass durch den Geschlechtsverkehr von Sonja Ady und Michael B. ein Blut-Sperma-Gemisch aus der Vagina des Mädchens und damit DNA-Partikel des Tatverdächtigen auf den Strick gelangten.

"Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, dass B. nicht am Fesselungsakt beteiligt gewesen sein muss", sagt Anwalt Zimmermann. Er geht davon aus, dass womöglich beim Wenden oder beim Transport der Leiche DNA an das Seil gelangt sei. So befinde sich in der Akte ein Foto, das einen Kriminaltechniker zeige, der mit blutverschmierter Hand das Seil und die Socke hochhebe. "Also muss dieser vorher das Opfer angefasst haben", sagt Zimmermann.

Außerdem wurde nach Angaben der Gutachterin die Leiche nicht unbedingt so sorgfältig obduziert, wie es heute üblich ist. Man habe damals zwar Handschuhe getragen - aber nur, um sich nicht zu infizieren. Die Bewahrung von Spuren sei weniger wichtig gewesen.

Pfeiffers Aussage überzeugte das Gericht. Es hob den "dringenden Tatverdacht" gegen Michael B. auf.

Aber wer tötete Sonja Ady?

"Es sieht aus wie eine Racheaktion", sagt Zimmermann. "Das Opfer hatte auch Stichwunden im Vaginal- und Afterbereich." Weder ein Motiv in diese Richtung noch ein anderes habe sein Mandant je gehabt.

Sollte Michael B. nach 34 Verhandlungstagen im August freigesprochen werden, bekommt er für jeden Tag, den er in Untersuchungshaft im Gefängnis von Stade gesessen hat, elf Euro. Macht 3949 Euro. Für ein Jahr Freiheitsentzug.



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Seite 1
jdm11000 27.07.2009
1. Entschädigung
Wie ganz deutlich wird, ist die Freiheit, die körperliche Unversehrtheit - alles vom Grundgesetzt geschützte Dinge - dem Staat nichts "Wert". Eine Entschädigung für ein Jahr Freiheitsentzug - also für 3900, was ein Facharbeiter heute innerhalb eines Monats verdient - zeigt, was der Mensch unserem Staat Wert ist, nämlich nichts! Von der Qualität unserer Polizeit, die ja lieblich darin ist, Menschen auszuspitzeln, selbst mit so fragwürdigen Gesetzten wie Lauschangriff, Scanning und Fotografieren von Autofahrern usw, wollen wir lieber schweigen. Ansonsten müsste man selbige Beamte sofort aus dem Dient entfernen. Für Schlamperei im Staatsdienst wird man höchstens noch befördert.
genesys, 27.07.2009
2. Der eigentliche Skandal liegt im letzten Satz verborgen
Zitat aus dem Artikel: "Sollte Michael B. nach 34 Verhandlungstagen im August freigesprochen werden, bekommt er für jeden Tag, den er in Untersuchungshaft im Gefängnis von Stade gesessen hat, elf Euro. Macht 3949 Euro. Für ein Jahr Freiheitsentzug." DAS ist der eigentliche Skandal: Die Höhe der "Entschädigung" ist eine Verhöhnung der Rechte des unschuldig verurteilten. Eine so niedrige Enschädigung zeigt, dass der Staat den Bürger nicht respektiert.
ratalert, 27.07.2009
3. Spekulation
Wie wär's mit der Freundin von Michael B. die vielleicht doch wind davon bekommen hat was im Auto vor sich ging?
K.A.Lehnsdal 27.07.2009
4. Gen-testing...
Rechtsprinzip: Es besteht genügend Zweifel, - um den Angeklagten für "nicht schuldig" zu erklären...! Ergo, - der Angeklagte muss freigesprochen werden...!
scientist-on-hartz4 27.07.2009
5. DNA-Spuren, keineswegs beweissicher.
Jeder hinterläßt zu jeder Zeit an jedem Ort genetisch nachweisbare Spuren, sei es die Zigarettenkippe, ein benutztes Glas oder auch nur Hautschuppen. Freigesetzte DNA wiederum unterliegt biochemischen Abbauprozessen. So können durch Restriktionsanalysen, DNA-Sequenzierungen und Fingerprints auch mithilf der der RT-PCR falsch positive oder negative Daten nicht ausgeschlossen werden. Im konkreten Falle z.B. muß nicht nur der Mörder allein den Strick angefaßt haben, besonders wenn der allgemein zugänglich war und das Opfer mit ggf. mehreren Personen körperlichen Kontakt hatte (Dazu gehören auch umarmen und Händeschütteln). All das hinterläßt Spuren auf Kleidung und Körper. Nebenbei: 11Euro Haftentschädigung pro Tag für einen unschuldig eingeknasteten ist ja wohl ein Witz! Der Betreffende hat Job, Wohnung und Existenz verloren. In was für einen Staat leben wir eigentlich?
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