Mordfall Ursula Herrmann "Ich habe dieses Kind nicht auf dem Gewissen"

Er gilt als grober Mensch, aber ist er auch schuldig? Vor 27 Jahren soll Werner M. die zehnjährige Ursula Herrmann entführt und in einer Kiste vergraben haben - jetzt ist er in Augsburg angeklagt. Vor Gericht beteuert er: Er müsse herhalten, der wahre Täter sei längst tot.

Der schlimmste Schicksalsschlag, der Eltern treffen kann, ist der Tod des eigenen Kindes. Wie mögen die Eltern der zehnjährigen Ursula Herrmann mit dem Schicksal und ihrem Gott - sie sind tiefgläubige Christen - gehadert haben, als am 4. Oktober 1981 ein Polizeihund am Ammersee eine vergrabene Holzkiste aufspürte, in der sich ihre tote Tochter befand?

Als sie erfahren mussten, dass das Kind darin unvorstellbar elend zu Tode gekommen war? Als sie nun Gewissheit hatten, dass man von ihnen zunächst zwar zwei Millionen Mark zu erpressen versucht hatte, dem Leben ihres Kindes aber offensichtlich kein Wert beigemessen worden war?

Das Mädchen war am 15. September 1981 auf dem Heimweg vom Turnen in einem Waldstück am Ufer des Ammersees zwischen Schondorf und Eching, dem sogenannten Weingarten, von ihrem Fahrrad gezerrt und in das sorgfältig vorbereitete unterirdische Verlies gebracht worden.

Dieses hatten der oder die Täter zwar mit perforierten Belüftungsrohren versehen; die Holzkiste war überdies mit einem Transistorradio, mit einer Lichtquelle, einem Eimer, mit Lesestoff und Kleidung ausgestattet. Da die Rohre aber nahezu luftdicht mit Stoff umwickelt und ihre Ausgänge ebenfalls mit Erde bedeckt worden waren, erstickte das Kind in dieser, wie es die Staatsanwaltschaft nannte, "hermetischen Abgeschlossenheit" bereits nach wenigen Stunden. Seine Todesangst, sein aussichtsloser Kampf ums Überleben muss grauenvoll gewesen sein.

27 Jahre lang versuchte die Polizei, die Täter zu finden. Jahrelang ging man von drei Personen aus. Jede Spur, jeder Hinweis, und sei er noch so absurd gewesen, wurde verfolgt.

Spektakuläre Fahndungsaktionen, die Einvernahme von 20.000 Verdächtigen und Zeugen brachten kein Ergebnis. Mehrere Personen wurden kurz nach der Tat festgenommen, darunter Werner M., heute 58 Jahre alt, aus Utting am Ammersee, gelernter Fernsehmechaniker, der damals dort eine kleine Werkstatt für Elektrogeräte betrieb, sich also mit elektrischen Installationen auskannte - und in Geldnöten war. Auf M. gab es einen anonymen Hinweis. Ein zweifelhafter Zeuge behauptete überdies, er habe für M. im Wald Erde ausgehoben für die Holzkiste, widerrief diese Aussage aber.

"Unstrukturiert und unübersehbar"

Am zweiten und am dritten Tag nach der Entführung hatte bei den Eltern damals neunmal das Telefon geklingelt. Wenn sie den Hörer abnahmen, meldete sich niemand, aber es ertönte das Pausensignal von Radio Bayern 3 "So lang der Alte Peter ...".

Die Polizei versuchte 1998, also 17 (!) Jahre nach Ursulas Tod, die Audiokassetten mit diesen Signalen vom bayerischen Landeskriminalamt auf phonetische Besonderheiten untersuchen zu lassen. Man hatte inzwischen Grundig-Tonbandgeräte vom Typ TK 248 überprüft, auf denen die Pausenmelodie abgespielt worden sein könnte. Man fand Ähnlichkeiten bei Geräten auch anderer Bauart hier und dort, man fand das Pausensignal bei einem Herrn P. - und kam dennoch nicht voran.

Im Spätherbst 2007, als sich erneut Verdacht ergab gegen M. - eine DNA-Spur an der Kiste deckte sich mit einer Spur aus einem ganz anderen Verbrechen, das 2007 in München gerade verhandelt wurde -, fand man ein Tonbandgerät TK 248 mit dem Bayern-3-Signal auch bei M. Am 28. Mai 2008 wurde er vorläufig festgenommen und befindet sich seither in U-Haft. Am Donnerstag begann vor der 8. Strafkammer des Landgerichts Augsburg der Prozess gegen ihn und seine Frau Gabriele F.-M., 62.

Pech und Pannen begleiten den Fall Ursula Herrmann über Jahrzehnte. Heute zählt man 270 Aktenbände mit rund 65.000 Blatt Ermittlungsergebnissen, Vermerken, Bewertungen und Verfahrensdokumentationen - eine wahre Sintflut also und, wie es scheint, zum Teil vollständig, unvollständig, ungeordnet, nicht nachvollziehbar.

"Im November 2008 wurden mir noch einmal 40 Kisten mit 2800 Spuren in die Kanzlei gebracht", so M.s Verteidiger Walter Rubach. "Ich konnte sie bisher nur kursorisch durchsehen, es ist eine Mischung aus Haupt- und Beiakten, unstrukturiert und erst einmal unübersehbar. Wir wissen gar nicht, was da noch alles enthalten ist."

"Ich war grob und nicht immer fein"

27 Jahre, möchte man meinen, hatten Polizei und Staatsanwaltschaft Gelegenheit, den ungeklärten Fall wenigstens geordnet zu bearbeiten, um ihn, falls man denn doch noch mal eine Anklage zu Wege bringen würde, einem Gericht entsprechend präsentieren zu können. Weit gefehlt.

So war es denn keines jener angestrengten Rituale von Verteidigern, zum Zweck der Erregung öffentlicher Aufmerksamkeit eine Aussetzung des Verfahrens für zwei Monate zu beantragen. Rubach in Richtung Gericht: "Auch Sie kennen die Akten nicht so, wie Sie sie kennen müssten!" Der Vorsitzende Richter Wolfgang Rothermel musste daraufhin "bekennen", dass er den Aktenwust allenfalls gesichtet habe. Gleichwohl werde man den Prozess fortsetzen; die Berufsrichter hätten "ausreichend Aktenkenntnis".

So wird es in Augsburg in den kommenden Monaten erst einmal nicht darum gehen, ob M. und seine Frau das Verbrechen an Ursula Herrmann auf dem Gewissen haben, sondern es wird aufzuklären sein, wieso in den vergangenen 27 Jahren immer wieder diese beiden Personen Anlass zu Ermittlungen gaben. Das Gericht wird die versäumten Aufgaben der Ermittler nachholen und die Mängel der Anklage nachbessern müssen. Der Ausgang dieser Sisyphus-Arbeit, die gewiss nicht der Beschleunigung des Prozesses dient, ist nicht im Ansatz absehbar.

"Keiner hat etwas zum Nachteil von Ursula Herrmann getan"

In einer ersten, umfangreichen Stellungnahme, die M. an Donnerstag verlas, schienen die Fragen bereits auf, die sich so leicht vermutlich nicht werden lösen lassen. "Ich muss etwas beweisen", trug M. vor. "Was ich nicht getan habe. Ich habe am 15. September 1981 nichts Außergewöhnliches getan. Erst recht habe ich kein Verbrechen begangen. Als ich fast einen Monat später nach diesem Tag gefragt wurde, wusste ich es natürlich nicht. Kein Mensch weiß nach über drei Wochen über einen Tag Bescheid, der wie jeder andere war." Fast 30 Jahre später dürfte kaum jemand noch etwas wissen.

Zeugen und andere, zum Teil mindestens ebenso Verdächtige sind gestorben; andere haben sich längst ihr eigenes Bild von der Vergangenheit ausgemalt, an dem sie als "Wahrheit" festhalten.

Selbst der Angeklagte bezog sich nur noch auf die Ermittlungsakten: "Ich kenne natürlich die Akten, so weit es die Zeit erlaubte, sie zu lesen. Ich kenne die Einwände, die von Kripo und Staatsanwaltschaft gegen mein Alibi erhoben wurden. Ich weiß auch, dass andere mit zunehmender zeitlicher Distanz zum Herbst 1981 unterschiedliche Angaben gemacht haben. Der Grund ist ganz einfach: Keiner von uns, die wir noch immer verdächtigt werden, hat etwas getan, was zum Nachteil von Ursula Herrmann gewesen wäre." Er sei sich sicher, am Ende freigesprochen zu werden.

Die angeklagte Ehefrau, von der die Staatsanwaltschaft annimmt, sie habe seinerzeit die Zeitungsbuchstaben für die zwei Erpresserbriefe ausgeschnitten, die bei der Familie Herrmann eingegangen waren, ist eine kranke, schwer gehbehinderte Frau.

Seit einem Verkehrsunfall 1979, als sie frontal gegen einen Lastwagen mit Kies fuhr, braucht sie Krücken. Ihre Behinderung ist unübersehbar. Sie kann kaum die Frau gewesen sein, die vor fast drei Jahrzehnten in Landsberg angeblich einen der Erpresserbriefe zur Post brachte. Und die Nachbarin, die Gabriele F.-M. beim Ausschneiden beobachtet haben will? Ihr Grundstück, so M. in seiner Erklärung, lag unterhalb, durch eine Hecke und eine Straße vom Anwesen der M.s getrennt. Da sei nichts zu sehen gewesen.

Die Liste der Verdachtsmomente, die W. am Donnerstag aufführte und wortreich zu entkräften versuchte, ist nicht besonders lang. Die Frage, warum der Täter, der Ursula entführte, sich ausgerechnet das Kind eines keineswegs betuchten Lehrerehepaares ausgesucht haben soll, ist bis heute nicht beantwortet.

"Versuche, mich als schlechten Menschen hinzustellen"

Die Verteidigung hält Ursula für ein "Zufallsopfer", wozu passen könnte, dass die damals in der Kiste gefundene Kleidung offensichtlich für ein Kind anderer Größe gedacht war. Und warum sich Kripo und Staatsanwaltschaft ausgerechnet auf das bei M. gefundene Tonbandgerät der Marke Grundig kapriziere, wenn es andere Geräte mit ähnlichen Eigenheiten und andere, mindestens ebenso Verdächtige gebe, erschließe sich ihm nicht, sagte Verteidiger Rubach.

"Wir werden Versuche erleben", prophezeite der Angeklagte, "mich als wahrhaft schlechten Menschen hinzustellen. Ich war sicher kein braver Bürger, war grob und nicht immer fein. Aber ich habe das Leben dieses Kindes nicht auf dem Gewissen. Ich habe den Eindruck, dass ich nur freigesprochen werde, wenn ich einen anderen Täter präsentiere."

M. spielte dabei auf einen inzwischen verstorbenen Polizeibeamten an, gegen den sich der allererste Verdacht richtete und dessen Fahrzeug zur Tatzeit in unmittelbarer Nähe des Erdlochs beobachtet worden war. Zufall? Es ist jedenfalls nicht die Aufgabe eines Angeklagten, seine Unschuld zu beweisen. Sondern das Gericht muss ihm seine Schuld nachweisen, ehe es ihn verurteilen kann.

Der Fall Ursula Herrmann

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