Mordprozess Brunner Gutachter bescheinigt Angeklagtem mangelnde Reife

Im Prozess um den Tod Dominik Brunners, der nach einer Schlägerei mit Jugendlichen an der Münchner S-Bahn starb, hat ein Gutachter zur Persönlichkeit der Angeklagten ausgesagt - was für das Strafmaß erhebliche Auswirkungen haben könnte.


München - Dem Angeklagten Markus S., der sich nicht psychologisch untersuchen ließ, bescheinigte der Gutachter "mangelnde Reife". Aus der Hauptverhandlung sei nicht auf eine Intelligenzminderung bei S. zu schließen, doch habe der 19-Jährige eine "dissoziale Persönlichkeit", sagte Günther Lauber am Montag vor dem Landgericht München I.

Der Angeklagte habe sich zudem bislang mangelhaft mit der Tat auseinandergesetzt.

Bei Markus S., der zur Tatzeit 18 Jahre alt war, kann das Gericht je nach persönlicher Reife entscheiden, ob es Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht anwendet.

"Trotz günstiger Sozialisationsbedingungen" habe sich die Fehlentwicklung bei S. ergeben, sagte der Gutachter mit Blick auf die geordneten Familienverhältnisse des Angeklagten.

Markus S. konsumierte schon früh regelmäßig Alkohol, Alkohol und Marihuana. Nachdem er zunächst den Übergang von der Haupt- auf die Realschule geschafft hatte, waren seine Leistungen wegen des Drogenkonsums so abgefallen, dass er wieder auf die Hauptschule zurückmusste. Zusammen mit seinem älteren Bruder habe er mit Haschisch, später auch mit Koks und Pillen gedealt.

Mit zehn Jahren Zigaretten, mit elf Alkohol und Marihuana Eine Sozialpädagogin berichtete, S. habe in Gesprächen die Tat sehr bedauert. Gleichzeitig könne er sich nicht vorstellen, Brunner durch Schläge und Tritte getötet zu haben.

Bei dem mitangeklagten Sebastian L., 18, sah Lauber keine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit. "Die Verantwortungsreife ist sicherlich gegeben." Da Sebastian L. bei der Tat erst 17 Jahre alt war, wird für ihn Jugendrecht angewendet.

Mit zehn Jahren habe er angefangen, Zigaretten zu rauchen, mit elf Jahren seien Alkohol und Marihuana dazugekommen, sagte L. aus. Im Alter von 13 oder 14 Jahren habe er erstmals Kokain probiert. Mit 16 Jahren habe er Kokain regelmäßig konsumiert.

Seine Jugend verbrachte L., nachdem seine Mutter zum Pflegefall geworden und sein Vater gestorben waren, seiner Schilderung nach in verschiedenen Heimen. Vom Richter zu seinen Zukunftsplänen gefragt, sagte L., er wolle während der Haftzeit eine Ausbildung zum Maler machen. Er habe sich bereits dazu angemeldet, seinen Hauptschulabschluss nachzumachen. "Es tut mir auf jeden Fall wahnsinnig leid. Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen", wiederholte er sein zu Prozessbeginn geäußertes Bedauern über die Tat.

"Kräftiges Aggressionspotenzial"

Gutachter Lauber berichtete, Sebastian L. erlebe sich oft als unterlegen, könne sich schlecht an Normen halten. Der Psychologe stellte eine depressive Stimmung fest, jedoch keine depressive Störung. "Er neigt zu unbeherrschten Reaktionen, vor allem wenn es zu Konflikten kommt", zitierte Lauber die Selbsteinschätzung des 18-Jährigen, der "ein kräftiges Aggressionspotenzial" habe.

Sebastian L. und Markus S. müssen sich wegen Mordes an Brunner verantworten. Der 50-Jährige war am 12. September vergangenen Jahres nach Schlägen und Tritten auf einem Münchener S- Bahnhof gestorben. Brunner hatte vier Schüler vor den Angeklagten schützen wollen.

Im Prozessverlauf wurde bekannt, dass der Geschäftsmann an Herzversagen gestorben war und nicht unmittelbar an den Verletzungen, die ihm seine beiden jugendlichen Peiniger mit Schlägen und Tritten zugefügt hatten.

pad/ddp/dpa



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