Mordprozess "Da war ich plötzlich wütend, sehr, sehr wütend"

Fast 40 Jahre lang waren Ingrid und Horst Dieter C. aus Bergisch Gladbach verheiratet, doch eines Tages erdrosselte der Arbeitlose seine Frau, legte sie ins Bett, deckte sie zu. Vor Gericht begründet er jetzt die Tat: Er habe den ständigen Streit nicht mehr ausgehalten.

Von , Köln


Köln - Es gibt diesen Satz, er wird oft bemüht in Kriminalgeschichten, dass Mörder niemals wie Mörder aussehen. Staatsanwälte, Polizisten, Richter haben diese Wahrheit oftmals in bitteren Dienstjahren entdeckt und leben sie zumeist. Der Normalbürger jedoch glaubt, wenn auch nur in seinem Innersten, die Menschen an ihrem Äußeren erkennen zu können.

Er sollte heute hier sein.

Auf der Anklagebank der 11. Großen Strafkammer im Landgericht Köln nimmt am Morgen, es ist gegen halb zehn, ein Mann Platz, der unscheinbarer kaum wirken könnte. Er ist nicht sehr groß, hat dichtes, welliges, dunkles Haar, trägt einen grauen Anzug und ein kariertes Hemd. Seine flinken Augen blicken freundlich durch dicke Brillengläser. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch aus der Gefängnisbibliothek, Erich Kästners "Junggesellen auf Reisen".

"Ich konnte es nicht mehr ertragen"

Horst Dieter C. aus Bergisch Gladbach hat im vergangenen Jahr, es war am 18. Juni 2007 morgens vor dem Frühstück, seine Frau erdrosselt. "Aus Wut über ihre unaufhörlichen Meckereien und Vorhaltungen", so sagt Staatsanwalt Karl-Heinz Schlotterbeck heute, habe C., damals 63 Jahre alt, ein Bleiband für Gardinen aus der Wohnzimmerschublade genommen und sei zu seiner Frau geschlichen, die sich im Badezimmer die Zähne putzte.

Der arbeitslose Versicherungskaufmann, der die Tat nie bestritten hat, schlang der Gattin von hinten den Strang um den Hals und zog zu. "Ich wollte, dass sie aufhört, mich anzuschreien, dass sie endlich ruhig ist. Ich konnte es nicht mehr ertragen", so C. vor Gericht. "Ich war so wütend." Er habe seine Frau jedoch nicht töten, sondern ihr nur einen "Denkzettel" verpassen, einen Schreck einjagen wollen. "Sie sollte sich das merken und mich in Ruhe lassen."

Doch die Kordel riss. Ingrid C., 64, befreite sich aus der Umklammerung und schrie um Hilfe. "Ganz laut", wie der Angeklagte sich erinnert, "da geriet ich in Panik." Er legte eine Hand auf ihren Mund, eine an ihren Hals, sie stolperten und rangen, 90 Kilo wog er, seine Frau um die 50, dann gingen sie zu Boden. C. drückte, presste, quetschte, "dann lief sie rot und blau an. Ich war sicher, sie ist tot."

Duftspray gegen den Verwesungsgeruch

Horst Dieter trug seine Ingrid, mit der er seit 39 Jahren verheiratet war, ins Schlafzimmer, legte sie aufs Bett und griff sich einen Gürtel. Er würgte sie erneut. Warum, das weiß er nicht mehr. Doch er weiß, dass er den ledernen Riemen anschließend wieder ordentlich aufhängte, neben der Kommode, hinter der Tür. Da, wo er hingehört. "Dann habe ich zu ihr gesagt: 'Entschuldigung!'"

C. ging mit dem Hund spazieren, machte einen Ausflug, schaute Fernsehen, versuchte, sich irgendwie abzulenken. Er schlief im Wohnzimmer, nebenan lag seine tote Frau. Er kaufte Duftspray, "zwei Dosen", gegen den Verwesungsgeruch, er kühlte die Leiche mit Aggregaten aus dem Gefrierfach und klebte die Tür ab. "Irgendwann wollte ich nur noch weg."

"Lucky", die Promenadenmischung, brachte Horst Dieter C. vier Tage nach der Tat in eine Tierpension. Er war nervös, aufgeregt, erinnert sich die Zeugin Birgit W., 45, die das Heim betreut, jetzt vor Gericht. C. habe davon gesprochen, dass seine Frau zur Kur sei und er ins Krankenhaus müsse. Im Voraus wollte C. für seinen Hund bezahlen, doch W. winkte ab: "Nee, lassen Sie mal, Sie sehen vertrauenswürdig aus."

"Schlimm, schlimm, schlimm, das alles"

Zwei Tage dauerte die Flucht des Horst Dieter C., wenn es denn überhaupt eine war. Er fuhr an die Mosel, dort hatte er mit seiner Frau einmal Urlaub gemacht, er reiste weiter nach Luxemburg, ging dort spazieren, wanderte ziellos umher. Es scheint, als habe C. vor seinen Erinnerungen davonlaufen wollen. Eine Woche nach der Tat stellte er sich der Polizei. "Der Druck war so groß geworden", erklärt C.

"Schlimm, schlimm, schlimm, das alles", sagt der Angeklagte nun der Kammer, seine Stimme bebt in diesem Augenblick, er wischt sich mit dem Handrücken eine Träne von der Wange und bittet um ein Glas Wasser. "Ich weiß, dass es eine Katastrophe war, meine Frau zu töten. Ich muss dafür büßen." Mord, nennt es der Staatsanwalt. Totschlag, der Verteidiger. Es gibt kein Wasser in Gerichtssaal 210.

Wenn man C. so zuhört, wie er über das gemeinsame Leben mit seiner Frau spricht, gewinnt man den Eindruck, einen Mann vor sich zu haben, der seit Jahren gewöhnt ist, die eigenen Ansprüche zurückzustellen. Ein dienstbarer Geist, "hilfsbereit", "freundlich" und "höflich" sei der C., urteilen die Nachbarn, ein guter Kerl, ein braver Gatte. Vielleicht einer, der unter dem Pantoffel stand, wie man so sagt?

Kein Geld, keine Kinder, keine Freunde - aber viele Probleme

Ingrid C. wollte keine Kinder - also bekamen die Eheleute auch keine. Ingrid C. war menschenscheu und gehemmt - also blieben sie unter sich. Ingrid C. schlief gern etwas länger - also stand ihr Mann als erster auf, kaufte ein, ging mit dem Hund raus und richtete das Frühstück. So schildert Horst Dieter C. das Leben der beiden - und klingt dabei sehr glaubwürdig.

Weil der gelernte Versicherungskaufmann seit Jahren arbeitslos ist, habe es immer wieder Streit gegeben: "Du verdienst kein Geld. Wer nichts verdient, zählt nichts. Du bist ein Nichts", habe seine Frau, die als pensionierte Bankkauffrau 1700 Euro monatlich bezog, ihn angekeift. Jahrelang sei sie ihn auf diese Weise angegangen, mit ihrer hohen, schrillen Stimme, sagt C. Er habe versucht, mit ihr zu reden, sei aber nicht durchgedrungen. "Es tat sehr weh."

Im vergangenen Juni dann, nach einem tagelangen Streit-Dauerfeuer und ungezählten Demütigungen, habe er schließlich die Beherrschung verloren. "Es ging immer nur ums Geld. Ich konnte nicht mehr." Er sei morgens gegen acht von einem Spaziergang mit dem Hund nach Hause gekommen, seine Frau habe noch im Bett gelegen und ihn sofort wieder "mit Worten überfallen". "Da war ich plötzlich wütend, sehr, sehr wütend." Horst Dieter C. nahm das Bleiband aus der Schublade.

Was hätte Herr C. denn tun sollen, fragt der Vorsitzende Richter, Helmut Möller, am Mittag eine Nachbarin des Angeklagten, die als Zeugin von den fortwährenden finanziellen Streitigkeiten der Eheleute C. berichtet. Die 79-jährige Gisela M. überlegt einen kurzen Moment und antwortet dann mit fester Stimme: "Er hätte seine Sachen nehmen und gehen sollen. Vor 30 Jahren schon."



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