Mordprozess Der Hausmeister und die Prostituierte

Selbst erfahrene Ermittler waren entsetzt ob der Kaltblütigkeit dieser Tat: Eine Prostituierte aus Neu-Ulm wurde erdrosselt, die Leiche in einen Koffer gequetscht und verbrannt. Der bevorstehende Prozess wird Abgründe des Milieus offenbaren. Angeklagt ist der Freund der Toten, Hausmeister des Bordells.

Hamburg - Ein Angler entdeckte die Tote an einem sonnigen Dezembermorgen im vergangenen Jahr. Die verkohlte Leiche lag an einer Waldlichtung am Sandhakensee, einem Baggersee bei Elchingen im Landkreis Neu-Ulm. Bis zur Unkenntlichkeit war die Frau verbrannt: Einzig der kleine silberne Nasenring in Form eines Delfins erlaubte zunächst Rückschlüsse auf ihre Identität.

Es dauerte keine zwei Tage, bis die 20-köpfige Soko "Delfin" ermittelt hatte, dass es sich bei der Toten um eine 31 Jahre alte Prostituierte aus Neu-Ulm handelte. Einen weiteren Tag später wurde ihr mutmaßlicher Mörder gefasst.

Eine Prostituierte wartet auf Kundschaft: Einblicke ins Rotlichtmilieu

Eine Prostituierte wartet auf Kundschaft: Einblicke ins Rotlichtmilieu

Foto: DDP

Ab Mittwoch steht der 24-jährige Stefan G. vor der ersten Strafkammer des Landgerichts Memmingen, wegen Mordes und versuchten Totschlages. Der Prozess wird Einblicke ins Rotlichtmilieu der Provinz geben - selbst in einer Kleinstadt wie Neu-Ulm, mit gerade einmal 50.000 Einwohnern, geht es außerordentlich brutal zu.

Laut Anklageschrift heuerte Stefan G., ein arbeitsloser Rettungssanitäter, Anfang Oktober 2007 als "Mädchen für alles" in einem Eros-Center in der Zeppelinstraße an.

Bereits nach wenigen Tagen verliebte er sich in eine türkischstämmige Frau, die in verschiedenen Bordellen der Region unter dem Namen "Mandy" als Prostituierte arbeitete. Im Internet hatte sie mit freizügigen Fotos für sich und ihre Liebesdienste geworben.

Doch Verhältnisse unter Bediensteten sind im Milieu nicht gern gesehen, im Neu-Ulmer Etablissement sogar verboten. So trafen sich Stefan G. und Mandy heimlich, meist an den Wochenenden, in einem Hotel an der Donau. Niemand sollte von ihrem Verhältnis erfahren - ein heikles Unterfangen.

Mandy wollte die Beziehung publik machen

Wie so oft hatte der 24-Jährige daher für sich und seine sieben Jahre ältere Geliebte ein Doppelzimmer für das zweite Dezemberwochenende reserviert. Am zweiten Abend kam es zwischen dem Paar offenbar zum Streit. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Mandy ihre Beziehung zu Stefan G. nicht länger geheimhalten, sondern dem gemeinsamen Chef davon berichten wollte. Für Stefan G. hätte das womöglich mehr als das berufliche Ende als Hausmeister bedeutet.

Aus Wut darüber soll der 24-Jährige die junge Frau in den Schwitzkasten genommen und ihr den Hals zugedrückt haben, bis sie sich nicht mehr rührte. Erschöpft soll er mit ihr im Arm auf das nahe liegende Bett gefallen sein - bis er hörte, dass Mandy nach Luft rang, verzweifelt röchelte.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft fasste Stefan G. dann den Entschluss, seine Freundin zu töten - aus Angst, dass sie nach dem Übergriff die Polizei, zumindest den gemeinsamen Chef, alarmieren könnte und er dann seinen Job verlieren würde. Mit einem Handtuch, das er aus dem Hotelbadezimmer holte, soll er die 31-Jährige erdrosselt haben.

Entschlossen, die Leiche verschwinden zu lassen, fuhr Stefan G. nach Darstellung der Staatsanwaltschaft zum Eros-Center und bat Daniel S., ebenfalls eine Art Hausmeister in dem Freudenhaus und sein ehemaliger Mitbewohner, um Hilfe. Gemeinsam holten sie sich aus dem Lagerraum des Bordells einen schwarzen Hartschalenkoffer und einen Kanister Benzin.

Reifenspuren überführten Mandys Mörder

In aller Ruhe sollen die beiden Männer einen geeigneten Ort ausgekundschaftet haben, an dem sie Mandys Leiche unbeobachtete entsorgen konnten. An der Raststätte Seligweiler kauften sie sich laut Anklageschrift zunächst noch etwas zu essen und zu trinken und fuhren zwischen drei und vier Uhr morgens zurück zu dem Hotel.

Auf dem Zimmer packte Stefan G. seine tote Freundin in den Koffer, reinigte ihn von Fingerabdrücken und schleppte ihn zum Kofferraum. In Oberelchingen lud er mit seinem Kumpel das schwere Gepäck aus, öffnete den Koffer und übergoss die Leiche mit Benzin, zündete sie an. So rekonstruiert es die Staatsanwaltschaft.

Die Reifenspuren am Tatort und andere Indizien hätten Stefan G. überführt: "Wir haben eine Reihe Spuren, die dafür sprechen, dass er der Täter ist", sagte Oberstaatsanwalt Johannes Kreuzpointner SPIEGEL ONLINE. Zudem habe der 24-Jährige die Tat, nachdem er sie im Verhör zunächst immer wieder abgestritten hatte, gestanden.

Stefan G. wehrt sich gegen den Mordvorwurf. "Die Verteidigung geht von Totschlag aus", sagt sein Pflichtverteidiger Thomas Maurer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Dahingehend wurde auch ein umfassendes Geständnis abgelegt." Der ehemalige Hausmeister sei "höchst angespannt", was den bevorstehenden Prozess angeht.

Vor der Schwurgerichtskammer muss sich an den geplanten fünf Verhandlungstagen auch Daniel S. wegen versuchter Strafvereitelung verantworten. 21 Zeugen sind geladen.

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