Mordprozess gegen Amanda Knox Schuldig, unschuldig, schuldig

Italiens Justiz hat das dritte Urteil gegen die Amerikanerin Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito gefällt - und nichts ist klar. Erst waren sie schuldig, dann unschuldig, nun wieder schuldig des Mordes an einer britischen Studentin. Was wirklich passierte, wird wohl nie geklärt.


Am Ende siegt das Vielleicht. Schuldig, unschuldig, schuldig - drei Verfahren, und nichts ist klar. Auch nach dem dritten Verfahren ist vieles möglich, nichts eindeutig. Gut möglich, dass die beiden Angeklagten schuldig sind, aber ebenso gut scheint es möglich, dass sie unschuldig sind. Zu viele Indizien und "DNA-Beweise" sind allzu dürftig. Zu viele Fragen sind nicht beantwortet. Könnte es sonst sein, dass drei Gerichte zu gänzlich unterschiedlichen Urteilen ein und desselben Vorgangs kommen?

Auch das Schwurgericht in Florenz tat sich offenbar schwer. Elf Stunden dauerte die Beratung. Dann wurde die Amerikanerin Amanda Knox wegen Mordes zu 28 Jahren und 6 Monaten, ihr früherer Freund Raffaele Sollecito zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Strafmaß für Amanda Knox steckt ein Aufschlag wegen Verleumdung. Sie hatte der Polizei einen Barbesitzer als Täter genannt, weil sie, wie sie später sagte, bei den Vernehmungen völlig verwirrt gewesen sei.

Ein hartes, klares Urteil, so scheint es. Aber auch nach diesem Schuldspruch weiß in Wahrheit niemand genau, was vor mehr als sechs Jahren in jener kalten Novembernacht in Perugia wirklich geschah. Womöglich wird man es nie erfahren. Selbst die Staatsanwaltschaft bot auf ihrem Marsch durch die Instanzen ja ganz unterschiedliche Abläufe an.

Perverse Sexspiele nach Drogenkonsum?

Nur eines ist sicher: In dieser Nacht wurde Meredith Kercher auf äußerst brutale Weise ermordet. Die damals 21 Jahre alte britische Austauschstudentin war am Morgen des 2. November 2007 von Messerstichen übersät, halbnackt und mit durchschnittener Kehle in ihrem WG-Zimmer gefunden worden.

Für die Ermittler und die Anklagebehörde war der Fall schnell klar: Perverse Sexspiele nach Drogenkonsum waren aus dem Ruder gelaufen. Merediths WG-Mitbewohnerin, die US-Amerikanerin Amanda und ihr Freund Raffaele, hätten mit zwei Messern auf sie eingestochen, während diese von einem dritten, dem Ivorer Rudy Guede, festgehalten und missbraucht worden sei. Die Täter seien betrunken gewesen und hätten unter Drogeneinfluss gestanden.

Knox und Sollecito kamen in Haft und wurden in erster Instanz, im Dezember 2009, zu 26 beziehungsweise 25 Jahren Gefängnis verurteilt. Guede wurde im Oktober 2010 wegen Beihilfe zum Mord zu 16 Jahren Haft zu verurteilt, rechtskräftig, nach einem Kurzprozess.

2011, da hatten Knox und Sollecito schon vier Jahre, teilweise in Einzelhaft, gesessen, sprach ein Berufungsgericht in Perugia sie frei. Nicht etwa aus Mangel an Beweisen, sondern "weil sie die Tat nicht begangen haben". Amanda, in den Medien gern als "Engel mit den Eisaugen" oder auch als "eiskalter Engel" betitelt, kehrte eiligst in ihre Heimatstadt Seattle zurück, schrieb ein Buch und bekam dafür Millionen. Auch ihr eher blasser Ex-Freund schrieb eines, was aber nicht sonderlich erfolgreich war.

Im März vorigen Jahres kassierte das Oberste Gericht den Freispruch auf Antrag der Staatsanwaltschaft wegen "zahlreicher Mängel, Widersprüche und offensichtlicher Unlogik" und ordnete ein neues Verfahren an, dieses Mal beim Schwurgericht in Florenz.

Nun plötzlich das Motiv: Mord nach Streit ums verdreckte Klo

Wieder hatte die Staatsanwaltschaft keinen Zweifel an der Schuld der Angeklagten. Nur das Tatmotiv änderte sich plötzlich: Statt missratener Sexspiele war nun ein von Rudy Guede verschmutztes Klo der Grund, der zum Streit und am Ende, als Meredith laut wurde, zum Gemetzel geführt haben soll. Die Angeklagte Knox kam nicht zum Prozess. "Ich habe Angst", schrieb sie in einer E-Mail ans Gericht, "dass die Heftigkeit der Anklage Sie beeindruckt." Sollecito hatte sich mit einem Appell persönlich an das Gericht gewandt. Man habe ihn "als kalten und erbarmungslosen Engel hingestellt", sagte er unter Tränen, "ich bin nichts von alledem".

Die Anwälte der Nebenkläger, der Familie des Mordopfers, sehen das freilich ganz anders. Sie attestieren den Angeklagten "ein hohes kriminelles Potential" und hegen "keine Zweifel an deren Schuld". Ganz so wie die Staatsanwälte und die Richter.

Die nun erneut Verurteilten können Italiens oberstes Gericht als letzte Instanz anrufen und werden das gewiss tun. Amanda Knox teilte in einem Statement mit, das Urteil sei falsch und ungerecht. Bis zur Entscheidung in einem Berufungsverfahren muss Raffaele Sollecito womöglich wieder in U-Haft.

Knox dagegen will nach diesem neuerlichen Schuldspruch bestimmt nicht nach Italien zurückkehren, um dort ins Gefängnis zu gehen. Wird das Urteil höchstrichterlich bestätigt, könnten die italienischen Behörden zwar einen Auslieferungsantrag in die USA schicken. Dass die Amerikaner den erfüllen, gilt aber als eher unwahrscheinlich.

Wird das Urteil dagegen in der nächsten Instanz gekippt, wäre die Blamage der italienischen Justiz komplett.



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Seite 1
SysLevel 30.01.2014
1.
Zitat von sysopREUTERSItaliens Justiz hat das dritte Urteil gegen die Amerikanerin Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito gefällt - und nichts ist klar. Erst waren sie schuldig, dann unschuldig, nun wieder schuldig des Mordes an einer britischen Studentin. Was wirklich passierte, wird wohl nie geklärt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mordprozess-gegen-amanda-knox-endet-mit-schuldspruch-a-950304.html
Zitat: "Wird das Urteil dagegen in der nächsten Instanz gekippt, wäre die Blamage der italienischen Justiz komplett" .. Die Blamage war bereits vorher komplett, da der erste Prozess bereits eine Farce war. Ob Knox schuldig ist oder nicht, war jedenfalls nicht zweifelsfrei bewiesen worden. .. Ausserdem: Die italienische Justiz war jahrzehntelang nicht in der Lage, einen wirklich Kriminellen wie Berlusconi jeweils vor Ablauf der Verjährungsfristen zu verurteilen.
MünchenerKommentar 30.01.2014
2. Im Zweifel
für die Angeklagten müsste hier ja wohl eigentlich gelten. Und Zweifel gibt es ja wohl genug, wenn bei den Prozessen immer unterschiedliche Urteile rauskommen. Ich finde es auch immer bedenklich, wenn bei Indizienprozessen die Nebenklage mit eigenen Forderungen auf sich aufmerksam macht, da ja bei einem Indizienprozess es eher darum geht, ob man "den richtigen" erwischt hat, als um die Strafzumessung. Nachdem die Nebenklage auch nicht mehr Informationen hat als das Gericht, ob die Angeklagten die Tat begangen haben, oder nicht, sollte sie sich mit Forderungen zurückhalten.
jesse01 30.01.2014
3. Denke beide sind unschuldig !
Ich habe ihr Buch gelesen und das war schon sehr schlüssig. Ich glaube ihr, dass sie wirklich nur am Tatort die Leiche gefunden hatte ! Schließlich haben ja auch DNS-Spuren letztens ihre Unschuld bzw. die ihres Freundes bewiesen. Es ist nicht zu verstehen, warum das Gericht das nicht berücksichtigt hat. Ich gehe davon aus, dass das oberste Bundesgericht das Urteil wieder kassieren wird ! Unglaublich, was diese junge Frau alles erlebt hat. Sie wird auch kaum mehr ein normales Lebe führen können. Viel Glück Amanda !
mohsensalakh 30.01.2014
4. Kurz freigelassen, damit die heilige Ami das Land verlassen kann!
Zitat von sysopREUTERSItaliens Justiz hat das dritte Urteil gegen die Amerikanerin Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito gefällt - und nichts ist klar. Erst waren sie schuldig, dann unschuldig, nun wieder schuldig des Mordes an einer britischen Studentin. Was wirklich passierte, wird wohl nie geklärt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mordprozess-gegen-amanda-knox-endet-mit-schuldspruch-a-950304.html
Die einzige Erklärung für ihre Freilassung, ist wohl ihr Herkunftsland USA! Alle Indizien sprachen dafür, dass sie und ihre Ex-Freund ihre Mitbewohnerin ermordert haben (Selbst ihre DNA fand man ülberall auf dem Mordwaffe!). Was ist mit Europa los? Vasal sein bis es nicht mehr geht? Der italienische Ex-Freund bleibt in Haft, während die Ami-Frau solange freigelassen wird, bis sie unbestraft das Land verlassen kann.
Cotti 30.01.2014
5.
Zitat von sysopREUTERSItaliens Justiz hat das dritte Urteil gegen die Amerikanerin Amanda Knox und ihren Ex-Freund Raffaele Sollecito gefällt - und nichts ist klar. Erst waren sie schuldig, dann unschuldig, nun wieder schuldig des Mordes an einer britischen Studentin. Was wirklich passierte, wird wohl nie geklärt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/mordprozess-gegen-amanda-knox-endet-mit-schuldspruch-a-950304.html
Das bedeutet ja wohl: In dubio pro reo - und damit unschuldig.
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