Mordprozess gegen falsche Ärztin Frau Dr. Dr. med. Tod

Dank gefälschter Papiere stand Meike W. als Anästhesistin im OP. Fünf Patienten soll sie zu Tode gebracht, noch mehr Menschen schweren Schaden zugefügt haben. Am Ende zeigte sie sich selbst an – wegen Anstellungsbetrugs.
Von Beate Lakotta, Kassel
Mutmaßlicher Tatort Klinik zum Heiligen Geist in Fritzlar

Mutmaßlicher Tatort Klinik zum Heiligen Geist in Fritzlar

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Uwe Zucchi / dpa

Den Verhandlungsaal betritt die Angeklagte erst, als der Vorsitzende Richter die Pressefotografen hinausgeschickt hat. Meike S., heute 50 Jahre alt, trägt einen Anorak mit fellbesetzter Kapuze, eine medizinische Maske im Gesicht, die Lesebrille ins dunkle Haar geschoben. Sie hat mehr als ein Jahr Untersuchungshaft hinter sich, sie sieht verweint aus.

Es gab Zeiten, da freute sich Meike S. über öffentliches Interesse. Mal wollte sie für die SPD Bürgermeisterin in Bad Emstal werden, wurde aber nicht gewählt. Mal trat sie als Dozentin in einer Gesundheitsschule auf, als Dr. Dr. med., einem Beurteilungsschreiben zufolge »sehr beliebt bei Schülerinnen und Schülern«. Nur: Dr. Meike S. ist gar keine Ärztin, sie hat einen Doktor in Biochemie, Schwerpunkt Humangenetik. Ob auch der erschummelt ist, prüft die Universität Kassel derzeit noch.

Zwischen 2015 und 2018 arbeitete Meike S., damals noch Meike W., im Krankenhaus zum Heiligen Geist in Fritzlar. Als Assistenzärztin in der Anästhesie legte sie eigenverantwortlich Betäubungen. Fünf Patienten starben, elf andere trugen schwere Schäden davon.

Statt dem Patienten zu helfen, tat sie nichts

Dafür muss sich Meike S. seit heute vor dem Kasseler Landgericht verantworten, Staatsanwältin Josephine Köpf jagt in hohem Tempo durch die Anklageschrift: Danach soll Meike S. gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen und sich die Finanzierung eines teuren Alfa Romeo ergaunert haben. Den Doktortitel habe sie zu Unrecht geführt: Bei ihrer Bewerbung in Fritzlar legte sie eine Approbationsurkunde als Ärztin vor, sagt Köpf, »in Wahrheit war diese aber 2015 auf dem Apple iMac angefertigt«.

Köpf kommt nun zu den Anklagepunkten 12 bis 17 – den Toten: Meike S. habe Medikamente falsch dosiert, in einem Fall einen kritischen Blutdruckabfall ignoriert, im anderen ein akutes Rechtsherzversagen. Sie habe übersehen, dass sich ein Patient in Narkose verschluckt hatte. Statt abzusaugen, tat sie: nichts. »Ihr war bewusst, dass sie nicht in der Lage war, eine Anästhesie lege artis durchzuführen«, sagt Köpf in Richtung der Angeklagten. In fünf Fällen sei der Tod der Patienten die Folge gewesen. »Aus Eigennutz« habe sie »die Tode durch Narkosefehler in Kauf genommen«. Köpf wertet das als fünffachen Mord, dazu kommt mehrfacher Mordversuch, schwere Körperverletzung.

Auch nach fünf Todesfällen machte sie weiter

Meike S. sackt auf ihrem Stuhl noch etwas tiefer in sich zusammen, sie schüttelt den Kopf, als könne sie nicht fassen, was die Staatsanwältin ihr vorwirft.

Auch nach den Todesfällen machte Meike S. weiter: Unter anderem soll sie durch Betrug ein 59.000 Euro teures Auto finanziert und Ende 2018 für vier Monate in einer Klinik in Schleswig-Holstein als Reha-Ärztin gearbeitet haben. Die Ermittlungen hatte sie selbst ins Rollen gebracht, durch eine Selbstanzeige – wegen Anstellungsbetrugs. Da hatte der Mitarbeiter einer Landesärztekammer schon Unstimmigkeiten in ihrer Approbationsurkunde entdeckt.

Ein Polizeibeamter tritt als Zeuge auf, er hat das berufliche Wirken von Meike S. rekonstruiert, zumindest in dessen Papierform. Drei Stunden lang verliest der Vorsitzende Richter Volker Mütze ein Dokument nach dem anderen: Abiturzeugnis, Bescheinigungen über Praktika in einer Arztpraxis, Immatrikulations- und Exmatrikulationsbescheinigungen, eine Urkunde der Stadt Kassel, wonach Meike W. nach dem Heilpraktikergesetz gestattet sei, »Heilkunde ausüben zu können, ohne Arzt zu sein«. Liquidationen, in denen die mittlerweile promovierte Biochemikerin – Diplom: sehr gut – Leistungen als Ärztin mit eigener Praxis abrechnete.

Ihre Arbeitgeber überzeugte sie von sich

Der Vorsitzende zieht ein grünliches Büttenpapier aus den Akten, am Rand mit Schnörkeln reich verziert, die Urkunde weist die Angeklagte als Doktorin der Prixton Church & University aus. Fortan trat Meike W. als »Dr. Dr. med.« auf. »Die Titel kann dort jedermann käuflich erwerben«, erklärt der Polizeibeamte.

Ihre Arbeitgeber allerdings überzeugte Meike S. Die Gesundheitsschule, bei der sie als Dozentin arbeitete, stellte ihr beinahe schwärmerisch klingende Referenzschreiben aus: Ganz gleich, ob innere Medizin, Hämatologie, Neuroanatomie, Anatomie – »Frau Dr. Dr. Meike W. ist eine hervorragende Dozentin, methodisch abwechslungsreich mit exzellentem Fachwissen.«

Und dann sind da noch die zahlreichen Zertifikate über medizinische Fortbildungen der hessischen Landesärztekammern, die Meike S. besuchte. Sie sind echt, bezahlt hat sie das Fritzlarer Klinikum. Demnach bildete sich Meike S. in Notfallmedizin und Tumormedizin fort, in Computertomografie, Strahlendiagnostik ­­– und auch in Anästhesie.

»Ich möchte meiner Berufung als Ärztin folgen«

»Sie überdenkt die Arbeit, führt sie selbstständig aus, selbstkritisch, gewissenhaft, darauf bedacht, Fehler zu vermeiden«, schrieb ein Vorgesetzter aus Fritzlar. Mit solchen Beurteilungen bewarb sich Meike S. an der Ostseeklinik in Schleswig-Holstein. Sie beherrsche verschiedene Anästhesieverfahren, schrieb sie, verfüge über die Zusatzbezeichnung »Notfallmedizin«, wolle Schulmedizin und ganzheitliche Medizin verbinden, kurzum: »Ich möchte meiner Berufung als Ärztin folgen.«

Erschöpft legt der Vorsitzende das letzte Schreiben aus der Hand.

Die Angeklagte starrt ins Leere. Alles dahin.

Am Morgen hatte Verteidiger Sven Schoeller anstelle seiner Mandantin das Wort ergriffen: Ja, das Verfahren werde zweifelsohne beweisen, dass Meike S. als falsche Ärztin arbeitete »und dass der berufliche Werdegang unserer Mandantin auf Hochstapelei gründete«. Aber eine mehrfache Mörderin sei sie nicht, denn sie habe den Tod ihrer Patienten keinesfalls gebilligt, und ihr Leben als Ärztin sei auch kein reines Lügengebäude: Nie habe es Beschwerden über ihre Arbeit gegeben, »im Gegenteil, man bescheinigte ihr tadellose Leistungen«, sagte Schoeller. »500 Anästhesien führte sie erfolgreich durch, 160 davon, bevor es zu der ersten kam, die nun als einer von fünf vollendeten Morden in der Anklageschrift verzeichnet ist.«

Meike S., so sagt es ihr Verteidiger, habe darauf vertrauen können, dass ihre Arbeit keine tödlichen Folgen haben würde.

Das Gericht hat zunächst 13 Verhandlungstage bis Ende März angesetzt.

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