Mordprozess im Fall Michelle Geschändet, getötet, entwürdigt

Erschütternder Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der kleinen Michelle aus Leipzig: Daniel V. gestand, die Achtjährige in seine Wohnung gelockt und getötet zu haben - und die Kammer verletzte die Würde des Opfers und den Respekt vor den Hinterbliebenen mit schonungslosen Fotos vom Tatort.

Aus Leipzig berichtet


Die Öffentlichkeit wurde ausgeschlossen, weil der Angeklagte erst 19 Jahre alt ist und eine Jugendstrafkammer über ihn zu Gericht sitzt. Es könnten Dinge aus seinem Intimbereich zur Sprache kommen, die nicht öffentlich diskutiert werden müssen, erklärte das Gericht. So weit, so gut.

Eine halbe Stunde später wurden Publikum und Presse wieder in den Saal gelassen. Es war offensichtlich rasch gegangen mit dem Geständnis des Daniel V., der angeklagt ist, am 18. August 2008 die achtjährige Michelle aus Leipzig missbraucht und dann getötet zu haben. Die Leiche des Kindes wurde drei Tage später am Ufer eines Teichs im Naturschutzgebiet Stötteritzer Wäldchen im Südosten der Stadt gefunden.

Daniel V.: Wie ein kleines Kind, das sich fürchtet
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Daniel V.: Wie ein kleines Kind, das sich fürchtet

Nun packt ein 35 Jahre alter Arzt für Rechtsmedizin von der Universität Leipzig seine Utensilien aus, Laptop, Kabel, Filmkamera. Eine Leinwand wird entrollt. Und dann geht es los: ein Foto vom Auffinden der Kinderleiche. Ein Raunen geht durch den Saal.

Die nächsten zwei Bilder zeigen das tote Kind nackt, von vorn. Von hinten. Der Rechtsmediziner erklärt, was jeder sieht: die Blaufärbung, die Totenflecken, die Würgemale. Viele Zuschauer wenden sich entsetzt ab.

Dann das Gesichtchen in Großaufnahme. Der Hinterkopf des Kindes fast kahl, nur noch an manchen Stellen behaart, weil V. das Mädchen über den Erdboden gezogen hatte, als er es zum Versteck am Teich schaffte.

Und zum krönenden Abschluss die gespreizten Beine des Mädchens, sein kindliches Genital in voller Größe. Das Bild bleibt auf der Leinwand stehen. Ungerührt erläutert der Rechtsmediziner diesen Flecken und jene Abschürfung. Bis der Vorsitzende, immerhin Vorsitzender einer Jugendstrafkammer, endlich sagt: "Brauchen wir dieses Bild eigentlich noch länger?"

Es sind Sitten eingerissen bei manchen Rechtsmedizinern, die der Würde des Opfers und dem Respekt vor den Hinterbliebenen - und auch den Gefühlen der Öffentlichkeit - Hohn sprechen. Und den Gerichten scheint jedes Empfinden für diese Instinktlosigkeiten abhandengekommen zu sein. Das war schon so im Fall Jessica, des verhungerten Kindes, der vor dem Hamburger Landgericht verhandelt wurde. Da zeigte der rechtsmedizinische Gutachter (nur) der Presse auf Großleinwand die nackte, aufgeblähte, noch nicht obduzierte Leiche des Mädchens.

Michelles Eltern blieb der unerträgliche Auftritt erspart

Der Angeklagte wird von Rechts wegen geschützt, das steht im Gesetz und wird also auch befolgt. Das Opfer aber darf anscheinend als Objekt erniedrigt und präsentiert werden wie ein Stück Fleisch. Weil sich in der Strafprozessordnung keine Vorschrift gegen die Verunglimpfung eines Opfers durch einen Sachverständigen findet? Weil es für manchen Sachverständigen kein Halten mehr gibt, wenn es um den großen Auftritt vor Gericht geht?

Offensichtlich mangelt es gerade manchen Rechtsmedizinern, die üblicherweise nur mit Toten zu tun haben, an Takt. Und die Gerichte schreiten nicht ein. Denn welchen Erkenntnisgewinn soll das öffentliche Zur-Schau-Stellen eines getöteten Kindes bringen? Allenfalls kochen Emotionen hoch. Ein Glück, dass die Eltern Michelles diesen unerträglichen Auftritt nicht miterleben mussten; sie waren am Montag nicht im Gerichtssaal erschienen.

So begann am Montagmorgen vor der 3. Strafkammer des Landgerichts Leipzig mit dem Vorsitzenden Norbert Göbel der Prozess gegen Daniel V. In Handschellen wurde er in den Saal geführt von einem bewaffneten Justizbeamten, wie ein kleines Kind, das sich fürchtet. Unter dem Blitzlichtgewitter der Film- und Fotoreporter setzte er sich unbeholfen.

Er trägt ein blaugrau gestreiftes Hemd mit offenem Kragen. Minutenlang sitzt er bewegungslos da und starrt vor sich hin. Er ist blass, wirkt weichlich, und als er später Namen und Alter nennt, klingt die Stimme hell, fast mädchenhaft. Die Worte setzt er langsam und bedächtig.

Der angeklagte Daniel V., "ein zurückgebliebener Teenager"

Daniel V. wurde mit Trisomie 8 geboren. Seine Ohren sind auffallend klein, der Hinterkopf ist flach. Geistig aber ist er nicht behindert, er hat die Schule mit dem Realschulabschluss abgeschlossen und eine Ausbildung zum staatlich geprüften Sozialassistenten begonnen. Eine gewisse motorische Langsamkeit aber ist unübersehbar.

Dass er als Kind von seinen Altersgenossen gehänselt worden sei, dass gegen ihn gestichelt wurde und dass niemand sein Freund habe sein wollen, wie sein Verteidiger Malte Heise ihn sagen lässt, passt zum Eindruck, den der Angeklagte erweckt. "Ich bezeichne ihn als zurückgebliebenen Teenager", sagt Heise vor Gericht.

V. wohnte damals in unmittelbarer Nähe von Michelles Wohnung in der Leipziger Lipsiusstraße bei seiner Mutter. Das Kind war kein Zufallsopfer. Er kannte das Mädchen, hatte er doch in dessen Schule schon einmal ein Praktikum absolviert. So ist es zu erklären, dass Michelle am Nachmittag jenes Augustnachmittags gegen 15.20 Uhr arglos V.s Wohnung betrat. Er hatte ihr aufgelauert und erklärt, er wolle ihr etwas für ihre Mutter mitgeben. Er hatte die Tat also genau geplant.

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