Mordprozess in Freiburg Spur aus dem Gebiss

Monate vor der Ermordung der Freiburger Studentin Maria L. ließ sich Hussein K. einen Eckzahn ziehen. Das könnte für den Angeklagten zum Problem werden: Forscherinnen kommen seinem wahren Alter näher.

Angeklagter Hussein K.
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Angeklagter Hussein K.

Von , Freiburg


Der Auftritt der ersten Sachverständigen dauert nur wenige Minuten, aber er könnte für das Urteil mit entscheidend sein. Es geht um das Asservat mit der Nummer 14.2.2.25.46: einen Eckzahn. Der Eckzahn des Angeklagten Hussein K.

K. musste sich den Eckzahn in den ersten Monaten seines Aufenthalts in Deutschland ziehen lassen, wohl im Februar 2016. Ein zweiter, ähnlicher Zahn schob damals den Eckzahn beiseite, K. ging zum Zahnarzt. Das gezogene Exemplar bewahrte er in seinem Zimmer auf, wo Freiburger Ermittler es einige Monate später fanden.

"Es gibt keine Zweifel daran, dass es sich um den Zahn des Angeklagten handelt", sagt Sabine Lutz-Bonengel, Rechtsmedizinerin an der Universität Freiburg. Man habe ein "vollständiges DNA-Identifizierungsmuster" feststellen können. Und damit womöglich am zehnten Verhandlungstag eine Antwort auf eine zentrale Frage des Prozesses gefunden: Wie alt war Hussein K., als er die Tat beging?

Der junge Mann, der vor zwei Jahren als Flüchtling nach Deutschland kam, hat bereits zugegeben, vor rund einem Jahr die 19-jährige Studentin Maria L. vergewaltigt und gewürgt zu haben, bis sie bewusstlos wurde. Die junge Frau ertrank im Wasser des Flusses Dreisam.

War Hussein K. zum Zeitpunkt der Tat ein Erwachsener, wie es die Staatsanwaltschaft vermutet, dann droht ihm lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung. War er hingegen jünger als 21 Jahre, dann liegt das Höchstmaß bei 15 Jahren Gefängnis.

Rechtsmedizinerin Lutz-Bonengel
DPA

Rechtsmedizinerin Lutz-Bonengel

Jahresringe um die Zahnwurzel

Als Hussein K. am 12. November 2015 bei einer Polizeistelle in Freiburg Asyl beantragte, gab er als Geburtsdatum den 12. November 1999 an, er wäre demnach bei seiner Einreise genau 16 Jahre alt gewesen. Entsprechende Dokumente führte er nicht mit sich.

Doch die Aussagen des zehnten Prozesstags legen nahe, dass K. womöglich deutlich älter ist als von ihm angegeben. So alt, dass er nach dem Erwachsenenstrafrecht abgeurteilt werden könnte. Und das hat mit dem Zahn zu tun, den er sich seinerzeit ziehen ließ.

Das Asservat ließ das Gericht von einer weiteren Sachverständigen prüfen, der Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen, ebenfalls von der Universität Freiburg. Das Fachgebiet der Gutachterin: Altersfeststellungen mittels Zahnzementanalysen.

Die Methode stamme ursprünglich aus der Wildbiologie, referiert die Wissenschaftlerin. Ab den Achtzigerjahren habe man begonnen, auch das Alter von Menschen anhand von Zahnzementanalysen einzugrenzen. Am besten seien einwurzelige Zähne, zum Beispiel Eck- oder Schneidezähne. In Strafverfahren komme die Methode eher selten zur Anwendung.

Sie funktioniere so: Ähnlich wie die Jahresringe bei einem Baumstamm legen sich beim Menschen mit der Zeit sogenannte Zahnzementbanden um die Zahnwurzel. Sie lassen sich unter dem Mikroskop identifizieren, denn es gibt abwechselnd helle und dunkle Anlagerungen, eine Bande aus einer Hell-Dunkel-Kombination steht für ein Lebensjahr.

"Wir zählen die jährlichen Banden aus", erklärt Wittwer-Backofen. So entstehe eine "chronologische Dokumentation" des Lebensalters. Abweichung laut Gutachterin: "Plus minus zweieinhalb Jahre".

Ursula Wittwer-Backofen
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Ursula Wittwer-Backofen

Nach mehr als einer Stunde nennt die Wissenschaftlerin die entscheidenden Zahlen: Je nach Stelle des Querschnitts fürs Mikroskop zählten Wittwer-Backofen und eine Kollegin 13 bis 17 Zementbanden am Eckzahn von Hussein K. Hinzuzurechnen sei die Zeit, die ein solcher Zahn üblicherweise brauche, um durchzubrechen: Bei Jungen seien dies im Durchschnitt 11,8 Jahre.

Aufwendige Methoden nur im Strafverfahren

Ergebnis: Nach den Zählungen der Banden sei der Angeklagte im Mittelwert 25,8 Jahre alt. Selbst, wenn man eine Fehlertoleranz anlege, die die üblichen zweieinhalb Jahre überschreite, dann sei der vormalige Besitzer des Zahnes mit einer Wahrscheinlichkeit von fast 100 Prozent zwischen 22,05 und 29,55 Jahre alt.

So dürfte der Eckzahn einen zentralen Platz in der Argumentation der Staatsanwaltschaft einnehmen, weist er doch laut der Analysen seinen vormaligen Besitzer als Erwachsenen aus.

Die restliche Aussage der Wissenschaftlerin bietet einen Überblick über die sonstigen angewandten Methoden, von der sich die Justiz Aufklärung über das Alter des Angeklagten erhofft: Es geht um Genitalentwicklung und Schambehaarung, um den Kinnbart, die Weisheitszähne, das Handskelett, das Brustbein, die Wachstumsfuge am Schädel. Mehrmals steht der Angeklagte auf, um gemeinsam mit den anderen Prozessbeteiligten Fotos seines eigenen Körpers am Richtertisch zu betrachten.

Doch solche Untersuchungen liefern nur ungefähre Näherungswerte, im Zweifel sind diese zugunsten des Angeklagten auszulegen. Klar wird auch: Den Stellen, die sich außerhalb eines Strafverfahrens mit unbegleiteten minderjährigen oder vorgeblich minderjährigen Flüchtlingen befassen, stehen solche Untersuchungen kaum zur Verfügung - sie sind zumeist nicht erlaubt oder gelten als nicht angemessen, wenn es nur um einen Asylantrag geht.

Er habe die niedrige Alterszahl genannt, um besser untergebracht zu werden, gab Hussein K. zu Beginn des Prozesses zu. Er kam daraufhin in die Obhut der Jugendhilfe und besuchte eine Schule. Die Mitarbeiter des Freiburger Jugendamtes behalfen sich mit dem Augenschein. Sie bemerkten den spärlichen Bartwuchs und die rundliche Gesichtsform des jungen Mannes: Man habe keinen Grund gehabt, an den Altersangaben zu zweifeln.

In ihrer Zusammenfassung sagt Wittwer-Backofen: Das "wahrscheinlichste Alter" des Angeklagten liege zwischen 22 und 26 Jahren.

Laut einem Gutachten des Rechtsmediziners Andreas Schmeling, das ebenfalls an diesem Verhandlungstag vorgestellt wird, beträgt das wahrscheinliche Alter von Hussein K. 22 oder 23 Jahre. Dies zeigten Röntgenaufnahmen von Knochen und Gebiss sowie medizinische Untersuchungen, sagte Schmeling.

Mit Material von dpa

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