Mordprozess in Italien Amerika feiert Freispruch für Amanda Knox

Der Fall erregte die Gemüter, vor allem in Amerika: Die US-Studentin Amanda Knox wurde in Italien des Mordes verdächtigt, jahrelang beteuerte sie ihre Unschuld. Nun hat sie ein Gericht freigesprochen, die Medien in der Heimat jubeln. Die Regierung in Washington bedankt sich kurz - und spitz.
Mordprozess in Italien: Amerika feiert Freispruch für Amanda Knox

Mordprozess in Italien: Amerika feiert Freispruch für Amanda Knox

Foto: Pool/ Getty Images

Matthew Chance ist den Zuschauern des US-Nachrichtensenders CNN bestens vertraut. Der krisenerfahrene Star-Korrespondent hat den Afghanistan-Krieg gecovert, den Tsunami 2004, das Erdbeben in Afghanistan 2005. Im August wurde er mit einer Gruppe Kollegen von regimenahen Kämpfern fünf Tage lang im Hotel Rixos in Tripolis gefangen gehalten - ein Erlebnis, das er als "Alptraum" bezeichnete.

Am Montag findet sich Chance an einem ganz anderen Krisenschauplatz wieder, inmitten eines ganz anderen Alptraums. Da steht er vor dem Gerichtsgebäude im italienischen Perugia und berichtet live über die Freilassung der US-Studentin Amanda Knox, deren Schuldspruch wegen Mordes gerade aufgehoben worden ist.

"Breaking News", flimmert es über den Bildschirm. "Was nun?", fragt Anchorman Wolf Blitzer, sonst für die hohe Politik zuständig. "Wurde sie weggeschafft?" Matthew Chance muss leider passen, obwohl er als "Senior International Correspondent" selten überfragt ist: "Ehrlich gesagt, keine Ahnung." Erwartungsvoll verharrt die CNN-Kamera auf dem nächtlichen Gittertor des italienischen Gefängnisses.

"Wir werden dich mit offenen Armen begrüßen"

Nicht nur CNN bläst den Fall Knox in den USA zur Top-Story des Tages auf. MSNBC hat Keith Miller vor Ort, Chef-Auslandskorrespondent des Networks NBC. Fox News versammelt eine "Expertenrunde" im Studio. ABC widmete dem Urteil zuvor eine einstündige Sondersendung. Die "New York Times" und selbst das "Wall Street Journal" jagen eilige E-Mails an ihre Abonnenten. Sogar die US-Lokalnachrichten machen mit den Bildern von Knox auf, wie sie im Gerichtssaal schluchzend zusammenbricht.

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Mordfall: Freispruch für Amanda Knox

Foto: Anthony Bolante / REUTERS

Die Aufregung reicht bis hin nach Seattle, der Heimatstadt der 24-Jährigen, wo ein Dutzend Freunde das Urteil in einer Hotelsuite verfolgen - gut 11.000 Kilometer und neun Zeitzonen von Perugia entfernt. "Knox freigesprochen", schlagzeilt die "Seattle Times" und zitiert Tom Wright, einen der engagiertesten Kämpfer für Knox' Unschuld: "Wir werden dich mit offenen Armen und offenen Herzen begrüßen."

Es ist ein seltener Moment der Einheit - Amerika bejubelt das Ende eines italienischen Justizdramas. Besser gesagt: das Ende eines Justizirrtums, wie es jetzt zumindest gerichtlich verbrieft ist. Knox' Freispruch sorgt in den USA für mehr Wirbel als der Prozess gegen Michael Jacksons Leibarzt Conrad Murray.

Eine junge Amerikanerin im Ausland, ein grausiger Mord, ein aufwühlendes Verfahren hinter mittelalterlichen Mauern, Sex, Drogen, Lügen: Der Fall, spannender als jeder TV-Krimi, war ein gefundenes Fressen für die Medien.

US-Politiker sprachen von "Anti-Amerikanismus"

Rückblick: Knox' Kommilitonin Meredith Kercher war im November 2007 mit durchschnittener Kehle und Spuren sexueller Belästigung in jenem Haus in Perugia aufgefunden worden, in dem die beiden Studentinnen zur Miete wohnten. Rudy Guede, ein italienischer Bekannter Kerchers, wurde später bei Mainz festgenommen und 2008 wegen des Mordes verurteilt. Er beschuldigte Knox und ihren damaligen Freund Raffaele Sollecito als Mittäter, im Gegenzug bekam er eine verkürzte Haftstrafe von 16 Jahren.

Das fasziniert nicht nur als Nachricht. Die Geschichte gebar außerdem einen TV-Film und etliche Bücher.

Doch hinter dem Wirbel steckt noch mehr. Zwei Justizsysteme prallten aufeinander. Zwei Verständnisse von Schuld und Unschuld. Sicher, auch US-Gerichte bekleckern sich nicht immer mit Ruhm - seit 1973 verurteilten sie mindestens 138 Unschuldige zum Tode. Doch das Bild einer US-Studentin, in Europa als Mörderin gebrandmarkt, riss eine alte Kluft neu auf - die Kluft zwischen Alter und Neuer Welt.

Die US-Senatorin Maria Cantwell war nicht die Einzige, die nach dem Schuldspruch von 2009 "Anti-Amerikanismus" geschrien hatte. Nun zeigt sich Cantwell erleichtert, hält den Zeigefinger aber weiterhin erhoben: "Alle Länder müssen ihre internationalen Verpflichtungen zu fairen Verfahren erfüllen."

Diplomatisch-spitz klingt der Kommentar der Sprecherin des US-Außenministeriums: "Die USA wissen die sorgfältige Überprüfung dieser Sache durch die italienische Justiz zu schätzen", sagt Victoria Nuland. Die Botschaft in Rom werde Knox jede Hilfe zukommen lassen.

"Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt"

"Die hübsche Brünette", echauffiert sich die New Yorker Boulevardzeitung "Daily News" nach der Freilassung, "wurde in der britischen und italienischen Presse diffamiert." In der Tat hatten Italiens Medien Knox als "Engel mit Eisaugen" tituliert, in Großbritannien war es nicht besser gewesen. Schließlich stammte das Mordopfer Meredith Kercher aus London, weshalb vor allem Rupert Murdochs Blätter "Sun" und "Times" fast täglich über den Fall berichtet hatten.

Aber auch die US-Medien begleiteten das Berufungsverfahren zuletzt im Minutentakt. Vor allem der Tag der Entscheidung geriet zum telegenen Drama. Ganz Amerika konnte live miterleben, wie Knox und ihr Ex-Freund Raffaele Sollecito, der ebenfalls verurteilt worden war, geradezu um ihr Leben flehten.

"Ich habe nicht getötet, ich habe nicht vergewaltigt, ich habe nicht gestohlen", bebte Knox. Die Appelle der Angeklagten, unüblich in einem US-Gericht, kamen am Ende eines elf Monate langen Berufungsverfahrens, in dem die Staatsanwaltschaft Knox als "dämonische, satanische, diabolische Teufelin" beschrieben hatte. Auch solche Worte wären in US-Gerichtssälen undenkbar - ebenso die Forderung, die 26-jährige Freiheitsstrafe für Knox sogar auf lebenslänglich zu verlängern, trotz klar widersprüchlicher DNA-Indizien.

"Ein total emotionales Erlebnis", stammelt selbst CNN-Kriegsreporter Chance, als Knox von Weinkrämpfen geschüttelt aus dem Saal geführt wird, während die Menge draußen "Schande!" skandiert. Eineinhalb Stunden später verlässt Knox in einem Mercedes mit verdunkelten Scheiben das Gefängnis - rechtzeitig zum TV-Abendbrot daheim.

Der frühere Staatsanwalt Jeffrey Toobin, der ausgerechnet mit dem US-Justizskandal um O. J. Simpson 1995 eine Karriere als TV-Kommentator machte und jetzt für CNN und den "New Yorker" arbeitet, zieht das Resümee des Tages: "Amanda Knox sollte ihren Urlaub in Zukunft besser woanders verbringen."

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