Mordprozess in München Die zwei Leben des Gunnar D.

Gunnar D. führte ein Doppelleben mit zwei Frauen in zwei Städten. Als eine Geliebte auf Unterhaltszahlungen für das gemeinsame Kind drängte, soll der Münchner Techniker einen mörderischen Plan gefasst haben: Laut Staatsanwaltschaft lockte er sie samt Tochter nach Portugal und brachte beide um.
Georgina Z. und Alexandra; Gunnar D.: "Er wollte sich aus dem Staub machen"

Georgina Z. und Alexandra; Gunnar D.: "Er wollte sich aus dem Staub machen"

Foto: dapd

Seine Augen suchen die Zuschauerreihen im größten Saal des Münchner Landgerichts ab. Sie werden fündig. Gunnar D. nickt, lächelt. Er ist 44 Jahre alt, trägt einen dunkelgrauen Anzug, Hemd, Krawatte. In den nächsten Stunden wird er immer wieder nach rechts oben schauen. Die Personen, die gemeint sind, geben sich nur ihm zu erkennen.

Gunnar D. ist angeklagt wegen zweifachen Mordes aus Heimtücke, Habgier und niederen Beweggründen. Der Techniker, geboren in Celle, soll seine heimliche Geliebte im portugiesischen Meer nahe Lagos untergetaucht haben, bis sie ertrank, und anschließend die gemeinsame Tochter getötet haben. Laut Staatsanwaltschaft wollte er so verhindern, dass sein Doppelleben ans Licht kam.

Vor Gericht bemüht sich Gunnar D. am Freitag um Souveränität und Seriosität. Umständlich gibt er Auskunft über sein Leben. Penibel achtet er darauf, dass weder seine Eltern, Schwester oder Arbeitgeber zu identifizieren sind. "Ich will das nicht in der Öffentlichkeit breittreten", sagt er und lacht verlegen. Seine Art, Auskunft zu geben, führt zu einer zähen Verhandlung, in der der Vorsitzende Richter mehrfach um Beherrschung ringt.

Gunnar D. verliert sich in Details über seine Arbeit als gelernter Fluggerätebauer und Hubschraubermechaniker, weiß aber weder wie alt seine Eltern sind, noch wann er eingeschult wurde. Er wolle eben nur "die Meilensteine" seines Lebens schildern, erklärt er. "Es geht nicht darum, es hier möglichst spannend zu machen", entgegnet der Richter. Es gehe darum, die Vita chronologisch darzustellen, um sich von der Person ein Bild zu machen.

Mehr als eine Affäre, eine "Freundschaft"

Sein Auftritt spricht für sich. Gunnar D. geriert sich als einer, der mehr sein will, als er ist. Einer, der wohlbehütet und umsorgt in Niedersachsen aufwuchs, und seine Eltern und seine ältere Schwester, zu denen er ein inniges Verhältnis pflegt, nicht enttäuschen will. Einer, der 2002 bei einem beruflichen Auslandsaufenthalt in England eine Frau kennenlernte, die er nach sechs Jahren Beziehung zu sich nach München holte, weil er "sesshaft" werden und "langfristiger planen" wollte.

Man spürt, wie unangenehm es für ihn, den Saubermann, gewesen sein muss, als er gegenüber den Menschen, die ihm nahe stehen, zugeben musste, dass er jahrelang ein Doppelleben führte: Dass er im April 2006 bei einer Projektarbeit in Stuttgart beim Feierabendbier Georgina Z., eine Frau aus Angola, kennenlernte und mit ihr bis Januar 2008 parallel eine Beziehung führte.

Es sei mehr als eine Affäre gewesen, betont Gunnar D. am Freitag. "Ich sage dazu Freundschaft." Eine "Freundschaft", die er nach einer viermonatigen Pause "wieder aktiviert" habe. Gunnar D. spricht bei der Rekonstruktion seines eigenen Lebens wie von Gebrauchsanleitungen.

Zwei Jahre Doppelleben

Kurz bevor seine langjährige Freundin im Februar 2008 aus England zu ihm nach München ziehen will, beendet er die Beziehung zu Georgina Z. "Es wäre sonst ein Doppelleben gewesen, das wollte ich nicht", sagt Gunnar D., wenn er ausnahmsweise einmal nicht von sich selbst in dritter Person spricht.

Das Doppelleben führte er längst: Von April 2006 bis Januar 2008 pendeln er und seine Freundin zwischen England und Daglfing im Osten Münchens. Mit Georgina Z. vergnügt er sich in der Zwischenzeit in Stuttgart, wo das Zimmermädchen wohnt. Nie sei sie in München gewesen, betont Gunnar D. Die 30-Jährige aus Angola weiß von D.s offiziellem Leben, die 46-Jährige aus England hat keine Ahnung von der Zweitfrau. Und so soll es nach D.s Vorstellungen auch bleiben, als seine Freundin nach München zieht. Doch Georgina Z. wird schwanger.

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass der Techniker die heimliche Beziehung beendete, weil er fürchtete, dass seine Lebensgefährtin ihn verlassen hätte, wenn sie von dem heimlichen Verhältnis und dem Kind erfahren hätte. Außerdem habe er sich der Unterhaltszahlungen entziehen wollen.

Georgina Z. teilt Gunnar D. den Ermittlungen zufolge im Oktober 2008 mit, dass sie ein Mädchen zur Welt gebracht hat. Alexandra, seine Tochter. Vor Gericht umschreibt es Gunnar D. so: "Dann gab es überraschend Mitteilung von einer Vaterschaft, ist ja auch ein freudiges Ereignis."

Er geht mit Georgina Z. ins Meer

Seine Freude hält sich jedoch in Grenzen. Er reagiert nicht. Im Dezember 2009 erstattet Georgina Z. bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart Anzeige wegen Verletzung der Unterhaltspflicht und klagt auf Feststellung der Vaterschaft. Zu diesem Zeitpunkt beschließt Gunnar D. nach Ansicht der Staatsanwaltschaft, Frau und Kind zu töten.

Am 21. Juni 2010 fliegt der Techniker nach Lagos in Portugal. Er kundschaftet laut Anklage geeignete Örtlichkeiten aus, um seinen Mordplan in die Tat umzusetzen. Zurück in München kontaktiert er Georgina Z. und verabredet sich mit ihr. Das Treffen ist ein Desaster, es kommt laut Staatsanwaltschaft zu einem heftigen Streit, weil er sich weigert, die Vaterschaft für seine Tochter anzuerkennen, und Georgina Z. droht, seiner Lebensgefährtin und seinen Eltern von Alexandras Existenz zu berichten.

Am 1. Juli 2010 gaukelt er Georgina Z. einen Sinneswandel vor: Eine gemeinsame Reise würde sie einander vielleicht näherbringen, man könne es noch einmal miteinander versuchen, und vor allem könne er endlich seine 21 Monate alte Tochter kennenlernen. Er bucht für den 6. Juli Flüge von Stuttgart nach Faro und fünf Übernachtungen im Doppelzimmer in einer Hotelanlage in Lagos. Seiner Lebensgefährtin sagt Gunnar D., er müsse geschäftlich nach Dänemark.

Am 10. Juli, dem letzten Urlaubstag, lockt Gunnar D. nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Mutter und Kind an den abgelegenen Strand "Praia Do Canavial", den selbst die meisten Einheimischen meiden, weil er so umständlich zu erreichen ist. Er geht mit Georgina Z. ins Meer. Tochter Alexandra spielt allein am Strand. Im Wasser drückt er laut Ermittlern die völlig arglose Frau mit aller Kraft unter. Sie schlägt um sich, kratzt ihn, beißt ihm in den linken Arm - und ertrinkt. Vom Ufer aus habe es so ausgesehen, als würden die beiden herumalbern, berichten Augenzeugen später der Polizei. Als Georgina Z. tot ist, trägt Gunnar D. sie an den Strand und verschwindet mit dem Kind.

Der Münchner fährt nach Ansicht der Staatsanwaltschaft mit dem Mädchen zu den etwa 35 Kilometer entfernten Klippen von Beliche bei Sagres. Die Ermittler können später nicht klären, wann Gunnar D. seine Tochter tötet, ob auf der Fahrt oder danach. Die Leiche des Kindes wird erst Anfang März 2011 im Bereich der Klippen von Fischern gefunden, versteckt unter zwei großen Steinen. Die Obduktion ergibt keine eindeutige Todesursache.

"Er bestreitet die Vorwürfe pauschal"

Im Hotel packt er laut Anklage hastig seine Sachen und verlässt es bereits 15 Minuten später wieder. Am Tag darauf fliegt er von Lissabon zurück nach München, wo er eine E-Mail an das Hotel schreibt und darum bittet, dass man ihm seine schwarzen Lederschuhe, die er in der Hektik in Zimmer 2015 vergessen hat, nachzusenden.

"Er bestreitet die Vorwürfe pauschal", sagt Gunnar D.s Verteidiger Sascha Petzold am Freitag vor Gericht. "Ich bestreite sie entscheidend!", setzt Gunnar D. laut nach und blickt zur Zuschauertribüne.

20 Monate sitzt Gunnar D. bereits in Haft. Ein schwieriger Indizienprozess steht bevor. Sein Anwalt will deshalb in der kommenden Woche beantragen, dass alle Zeugenaussagen auf Tonband aufgezeichnet werden. Für den Hauptbelastungszeugen, einen alten Mann aus Portugal, will der Verteidiger einen Betreuer beantragen, weil er sich strafbar machen könnte: Der Mann behauptete bei der portugiesischen Polizei, er habe Gunnar D. beobachtet, wie er Georgina Z. untertauchte, Hilfe aber habe er keine geholt, sagt Verteidiger Petzold.

Seiner Lebensgefährtin, der nach der heimlichen Portugalreise Kratzer an Gunnar D.s Armen aufgefallen waren, hat er laut Staatsanwaltschaft erzählt, er habe eine handgreifliche Auseinandersetzung in einer Bar gehabt. Ob die Beziehung noch aktuell sei, will der Vorsitzende Richter am Freitag von Gunnar D. wissen. "Ja", sagt dieser, "so viel ich weiß schon."

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