Mordprozess Morsal Obeidi 23 Stiche im Namen der Ehre

Ahmad Obeidi hat gestanden, seine Schwester Morsal mit 23 Messerstichen getötet zu haben. Doch ob er wirklich wegen Mordes verurteilt werden kann, muss jetzt im Prozess in Hamburg geklärt werden - es geht um die Schuldfähigkeit des 24-Jährigen. Und seinen Begriff von Ehre.

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Hamburg - Auf den langen Gängen des Hamburger Landgerichts wird viel geredet an diesem Tag. Junge Mädchen mit dunklem, glänzenden Haar, sorgsam geschminkt, gekleidet mit dem, was H&M oder Zara bereithalten, geben auskunftswillig Interviews. Ob ihre Eltern eine Heirat mit einem Deutschen dulden würden? Ja, vermutlich, sofern die Schule abgeschlossen wäre. Ob sie in Freiheit leben können? Ja, natürlich.

Viele, die da bereitwillig erzählen, kannten die 16-jährige Morsal, die am 15. Mai in der Nähe der Hamburger U-Bahn-Station "Berliner Tor" von ihrem Bruder umgebracht wurde, kaum. Für die Journalisten sind die Interviews wohl der Versuch einer Annäherung an den Fall Morsal. Recht gelingen will es nicht.

Denn alle, die wirklich etwas zu sagen hätten an diesem ersten Prozesstag und die Fragen der Journalisten und der Dutzenden anderen Zuschauer im Gerichtssaal 237 beantworten könnten, schweigen. Warum tötete der 24-Jährige an einem warmen Frühsommerabend seine Schwester mit 23 Messerstichen?

Die andere Seite der Wahrheit

Ahmads andere Schwester sitzt im ersten Teil der Verhandlung im Zuschauerraum in der ersten Reihe. Eine Panzerglasscheibe trennt sie vom Angeklagten, ihrem Bruder Ahmad. Interviews will sie nicht geben.

Es sei zu viel geschrieben worden in den vergangenen Monaten, zu viel, was nicht der Wahrheit entspreche, zu viel, was der Sache und den Vorgängen innerhalb der Familie nicht gerecht geworden sei. Allzu häufig hätten sich entfernte Verwandte in den Medien zu Wort gemeldet und von Dingen erzählt, die sie in den letzten Jahren nur aus großer Distanz verfolgt hätten, sagt sie.

Die junge Frau wirkt sehr gefasst, ihr Misstrauen aber könnte größer kaum sein. Immer wieder haben Fremde in den vergangenen Monaten an der Tür der Obeidis geklingelt; viele nur in der Absicht, Belege für ihre Sicht der Dinge zu finden.

Auf der anderen Seite des Panzerglases sitzt Ahmad Obeidi, 24 Jahre alt, blauer Wollpullover, weißes Hemd, zurückgegelte Haare, angeklagt wegen der Ermordung seiner 16-jährigen Schwester - und schweigt.

"V" wie "Victory"

"Herr Obeidi will keine Angaben zur Sache machen", erklärt sein Verteidiger Thomas Bliwier. Die Informationen zu seiner Person sind das Einzige, was Obeidi von sich gibt: "Ich war Import-Export-Handel. Alles andere habe ich abgebrochen." Hätte man ein Bild vor Augen, wie jemand aussehen mag, der seine Schwester mit Hilfe eines Lockvogels in einen Hinterhalt lotst und dann mit einem Messer wie in einem Rausch auf sie einsticht - er sähe anders aus. Ahmad Obeidi könnte Bankangestellter sein oder BWL-Student.

Zwischen seinen Verteidigern Thomas Bliwier und Hartmut Jacobi wirkt der Angeklagte fast wie ein kleiner Junge. Schmal sieht er aus, die Schultern hängen, der Blick ist gesenkt. Ahmad Obeidi weint, bevor es überhaupt losgegangen ist. Er faltet die Hände, scheint zu beten, wischt sich die Tränen am Pulloverärmel ab. Immer wieder geht sein Blick in den Zuschauerraum.

Hinter der Scheibe sitzen Mädchen, die die Schulkameradinnen Morsals sein könnten - optisch muten sie an wie Doppelgängerinnen. Auch Männer sind gekommen, einer von ihnen geht vor Beginn der Verhandlung an die Scheibe, sucht den Blick des Angeklagten, pocht mit der Faust auf sein Herz und formt dann aus Zeige- und Mittelfinger ein "V". "V"wie "Victory", Sieg. Dazwischen sitzen Schaulustige, die "den Mörder von der Morsal einmal sehen wollen" und solche, die sich in Küchenpsychologie versteigen, welche Motive der junge Mann wohl gehabt haben möge.

"Das geht dich einen Scheißdreck an"

Für die Staatsanwaltschaft ist die Lage klar: Sie wirft Ahmad Obeidi vor, "einen Menschen heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet zu haben". Die Anklage lautet auf Mord. Obeidi hat gestanden, seine Schwester Morsal erstochen zu haben, weil sie sich seiner Ansicht nach von der Familie abgewandt und sich unangemessen bekleidet in der Öffentlichkeit bewegt hatte, und er zudem glaubte, dass sie als Prostituierte arbeitete.

Der Tat ist laut Staatsanwalt Boris Bochnick eine Auseinandersetzung vorausgegangen, die beinahe symbolisch zu sein scheint für Morsals kurzes Leben, wie es sich anhand von dürren Aktenvermerken des Kinder- und Jugendnotdienstes, der Staatsanwaltschaft und der Polizei rekonstruieren lässt. "Der Angeklagte fragte, ob sie als Prostituierte arbeite. Die Geschädigte antwortete: 'Das geht dich einen Scheißdreck an.'"

Nach allem, was bekannt ist, versuchte die 16-Jährige, ein eigenständiges Leben zu führen - doch ihr Alltag glich einem einzigen Kampf, einem ewigen Hadern zwischen ihrem Freiheitsdrang und den Grenzen und Wertvorstellungen ihrer Familie. Immer wieder versuchte sie ihrem Elternhaus zu entkommen, immer wieder kehrte sie nach wenigen Tagen in die elterliche Wohnung zurück.

Am ersten Prozesstag zeichneten sich die Fragen ab, die das Gericht in den kommenden Wochen bis zur Urteilsverkündung im Februar beschäftigen werden: Was für ein Mensch ist Ahmad Obeidi? Ist er ein intelligenter junger Mann, wie es das psychiatrische Gutachten des Sachverständigen Michael Kreyßig nahelegt? Oder ist er "unterdurchschnittlich intelligent", gar psychisch krank und nur eingeschränkt schuldfähig, wie Gutachterin Marianne Röhl feststellt?

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