Mordprozess Morsal Obeidi Eltern verweigern die Aussage

Sie könnten helfen, ein Verbrechen aufzuklären - doch die Eltern der getöteten Deutsch-Afghanin Morsal haben vor dem Hamburger Landgericht die Aussage verweigert. Ihr 24-jähriger Sohn soll seine minderjährige Schwester aus Wut über deren Lebenswandel erstochen haben.


Hamburg - Tränen im Gerichtssaal: Im Hamburger Prozess um den sogenannten "Ehrenmord" an der 16-jährigen Morsal Obeidi haben die Eltern des Angeklagten und des Opfers die Aussage verweigert. "Was soll ich sagen? Ich habe zwei Kinder verloren", sagte die völlig aufgelöste und von Weinkrämpfen geschüttelte 42-jährige Mutter am Montag vor dem Landgericht.

In dem Verfahren muss sich Morsals 24-jähriger Bruder Ahmad-Sobair wegen Mordes verantworten. Die Anklage wirft ihm vor, Morsal am 15. Mai 2008 heimtückisch und aus niederen Beweggründen getötet zu haben. Die 16-Jährige soll von ihrem Bruder erstochen worden sein, weil sie sich von der Familie abgewandt hatte und er ihren Lebenswandel missbilligte. Auf einem Parkplatz im Stadtteil Sankt Georg soll Ahmad-Sobair 23-mal mit einem Messer auf seine Schwester eingestochen haben. Der 24-Jährige stellte sich später der Polizei und sitzt seither in Untersuchungshaft.

Der Angeklagte selbst schwieg in dem Prozess bislang zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen. Seine Verteidiger versuchen, die Mordanklage zu entkräften und in Totschlag abzumildern. Laut der Anwälte war Ahmad-Sobair Obeidi bei der Tat eingeschränkt schuldfähig und handelte im Affekt.

Vor der Mutter hatte auch der 47 Jahre alte Vater der Geschwister die Aussage verweigert. Am Wochenende war bekanntgeworden, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Vater Anklage wegen Misshandlung Schutzbefohlener erhoben hat. Er soll Morsal in den Wochen vor der Tat mehrmals geschlagen und getreten haben. Es gebe Zeugen und Bilder der Verletzungen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Der Prozesstermin stehe noch nicht fest.

Morsal hatte sich mehrfach an den Kinder- und Jugendnotdienst gewandt und war in dessen Einrichtungen unterbracht. Sie soll bereits seit mehreren Jahren unter dem Druck ihrer Familie gelitten haben, da diese den westlichen Lebensstil des Mädchens nicht billigte.

Ein jüngerer Bruder des Opfers machte vor Gericht ebenfalls von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.

Die ganz in Schwarz gekleidete Mutter brach während ihres kurzen Auftritts vor Gericht zusammen. Laut schluchzend verließ sie, gestützt auf eine Zeugen-Betreuerin, den Verhandlungssaal. Auch der Angeklagte verlor die Fassung, weinte und schlug die Hände vor das Gesicht. Am Vormittag unterbrach das Gericht die Verhandlung, am Mittag wird der Prozess mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Unter anderem ist die ältere Schwester Morsals als Zeugin geladen.

han/dpa/AP

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