Mordserie in Ipswich Polizei will Prostituierte von der Straße holen

Die Polizei versucht mit allen Mitteln, die Huren von der Straße zu bekommen. Um weitere Taten des Ipswich-Rippers zu verhindern, erhalten die Frauen nun Geld, um nicht mehr anschaffen gehen zu müssen. Ein vermisstes Mädchen ist am Abend wieder aufgetaucht.


Ipswich - Mit Lebensmittelgutscheinen, Guthaben für Mobiltelefone und der Ersatzdroge Methadon soll verhindert werden, dass die Frauen auf den Strich gehen, solange der oder die Täter nicht gefasst sind. Sie werden außerdem beraten, wie sie Sozialhilfe und Wohngeld beantragen können.

"Es ist kein echtes Bargeld", sagte eine Sprecherin der Bezirksregierung. "Es geht darum, sicherzustellen, dass wir alles tun, was wir können, damit sie nicht auf die Straße müssen." Die Polizei hatte die Prostituierten nach den Leichenfunden eindringlich gewarnt, nicht anschaffen zu gehen. Nach Information des "Guardian" stammt das Geld für die Kompensation der Verdienstausfälle der Prostituierten von einer unbekannten Hilfsorganisation.

Wie viel Geld die Frauen erhielten, ist nicht bekannt. Chefermittler Stewart Gull sagte, dass die finanzielle Unterstützung ausreiche, um sicherzustellen, dass die Frauen nicht anschaffen gehen müssen.

Viele Frauen aus dem Rotlichtmilieu gingen aber weiterhin auf den Strich, um ihre Drogensucht finanzieren zu können. "Ich werde ohnehin in zehn Jahren tot sein", sagte eine 25-jährige Prostituierte der Zeitung "Daily Mail". "Ob es durch Drogen oder die Hand eines Verrückten passiert, macht keinen großen Unterschied. Wenn es passiert, passiert es."

Inzwischen steht fest, dass alle fünf ermordeten Frauen im Rotlichtmilieu von Ipswich anschaffen gingen. In einer Pressekonferenz gab Chefermittler Gull bekannt, dass es sich bei der fünfte Leiche um die als vermisst gemeldete 29-jährige Annette Nicholls handelt. Zwischen den fünf Leichenfunden gebe es eine klare Verbindung.

Am Abend gab es Befürchtungen, der Killer habe ein sechstes Opfer gefunden. "Ein Mädchen wird in der Gegend von Ipswich vermisst", sagte eine Polizeisprecherin. Nähere Angaben zu der Frau machte sie nicht. Wenig später gab es Entwarnungen. Die junge Frau tauchte wieder auf.

Spurensuche in Ipswich

Experten warnen, der mutmaßliche Serienmörder könne den Kreis seiner Opfer erweitern und jede Frau angreifen, die nachts allein auf der Straße ist, wenn er keine Prostituierten mehr findet. Ermittler Gull wies auf die Gefahr hin, dass der Täter sich aufgrund der massiven Polizeipräsenz in der Gegend einen anderen Ort für seine Taten suchen werde. Auch in den benachbarten Orten Cambridge und Norwich soll deshalb nun ein erhöhtes Polizeiaufgebot für die Sicherheit der Frauen sorgen.

Inzwischen hat die Polizei auch verschiedene Verdächtige im Visier. In den vergangenen 24 Stunden hatten mehr als 1800 Menschen bei der Polizei angerufen, um Hinweise abzugeben. Es gebe eine "Reihe von Verdächtigen", sagte Gull. Die Ermittler würden "gute Fortschritte" machen. Einzelheiten nannte er nicht.

In einer Botschaft an die Bevölkerung der Stadt Ipswich sagte Gull: "Bitte verfallen Sie nicht in Panik." Die Polizei arbeite mit Hunderten Beamten auf Hochtouren an der Aufklärung der Verbrechen. Der Chefermittler räumte aber ein, dass bislang noch keiner der Tatverdächtigen gefasst oder vernommen wurde.

Kriminalpsychologen und Ermittler versuchen, ein Profil des Täters zu erstellen. Laut "Times" zog der mutmaßliche Serienmörder zwei seiner Opfer aus, ließ aber ihren Schmuck zurück. Es sei gut möglich, dass der Täter die Kleidung als Trophäe aufbewahre, zitiert der "Guardian" Gull.

Weiterhin sind die Ermittler davon überzeigt, dass der Täter ein Auto besitzt, in das er seine späteren Opfer lockte und mit dem er ihre Leichen zu den späteren Fundorten gefahren hat. Wo der Mörder die fünf Frauen umbrachte, ist bislang noch unklar. Die Fahnder gehen allerdings aufgrund der Fundorte der Leichen davon aus, dass er die Gegend um Ipswich gut kennt.

Spekulationen über die Todesumstände der Frauen

Unterdessen gehen auch die Spekulationen über mögliche Todesursachen der fünf Frauen weiter. Bisher steht nur fest, dass sowohl Anneli Alderton als auch Paula Clennell stranguliert worden sind. In den britischen Medien wird spekuliert, dass der Täter die Opfer vergiftete, da die Leichen keine Kampfspuren oder Spuren sexueller Gewalt aufweisen.

Die Leichen der fünf Frauen werden deshalb einer toxikologischen Untersuchung unterzogen, berichtet "TimesOnline". Da alle Opfer drogenabhängig waren, geht die Polizei der Frage nach, ob den Frauen eine Überdosis verabreicht worden ist. Nach Angaben der Polizei wird es allerdings bis zu sechs Wochen dauern, bis das Ergebnis der Untersuchung feststeht.

Appell der Eltern

In einem emotionalen Appell wandten sich die Eltern der ermordeten 19-jährigen Tania Nicol an die Öffentlichkeit. Darin heißt es: "Tania war eine liebenswerte, aufmerksame Person. Durch die Drogen hat sie in einer anderen, geheimen Welt gelebt - eine Welt, zu der keiner von uns Zugang hatte. Derjenige, der uns Tania genommen hat, muss gefunden werden. Wir bitten inständig darum, dass jeder, der weiß, wer diese Person sein könnte, sich bei der Polizei meldet. Wir möchten uns bei allen Menschen bedanken, die uns ihre Hilfe angeboten haben. Wir bitten darum, dass jeder, der einen noch so kleinen Hinweis hat, sich meldet und die Informationen mitteilt."

han/AFP/Reuters/dpa



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