Moshammer-Prozess "Mir wurde schwindlig, und er ist tot"

Mord oder Totschlag? Das ist im Wesentlichen die Frage, mit der sich das Münchner Schwurgericht I im Prozess gegen Herisch A. beschäftigt. Daran, dass der Iraker Rudolph Moshammer tötete, besteht kaum ein Zweifel, in allen anderen Fragen kam die Kammer aber keinen Schritt weiter.

Von Dominik Baur, München


München - Daisy kam nicht. Die einzige Zeugin des Mordes an Rudolph Moshammer blieb dem heute begonnenen Prozess gegen den mutmaßlichen Täter fern. Da der Yorkshire-Terrier wohl ohnehin nichts zur Wahrheitsfindung beigetragen hätte, muss sich Manfred Götzl, der Vorsitzende Richter der Kammer, was den Tathergang anbelangt mit den Aussagen des Angeklagten begnügen - und die sind dürftig.

Angeklagter Herisch A.: "Sie haben ein Problem"
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Angeklagter Herisch A.: "Sie haben ein Problem"

Eine ausführliche Schilderung der Tat, so hatten die Strafverteidiger angekündigt, wolle ihr Mandant gleich zum Auftakt des Prozesses um den Tod von Rudolph Moshammer machen. A. hatte bei der Polizei schon zugegeben, Moshammer mit einem Stromkabel erdrosselt zu haben. Doch statt mit einem erneuten eindeutigen Geständnis wartet A., der mutmaßliche Mörder des Münchner Modemachers und Exzentrikers, zunächst mit Erinnerungslücken, ausweichenden Formulierungen und allgemeinen Floskeln über Gott und Schicksal auf - behauptet gar, das hätte jedem passieren können.

Mehrfach zwar entschuldigt sich der Angeklagte, bekleidet mit dunklem Anzug und weißem Hemd, "herzlich", für das was passiert sei, und betont, es tue ihm Leid, gleichzeitig will er sich jedoch gar nicht dazu äußern, was eigentlich passiert sei. Einmal behauptet der 25-Jährige, solange er in Moshammers Haus gewesen sei, habe dieser noch gelebt, dann wieder sagt er, er könne sich weder an Details des Streits mit Moshammer erinnern noch wie er aus dem Haus gekommen sei: "Als ich am nächsten Morgen den Fernseher einschaltete, wusste ich, das ist mein Problem."

"Weder wollte er sterben", sagt der Beschuldigte, "noch wollte ich ein Problem haben." Doch da reißt der Geduldsfaden von Richter Götzl. "Er ist aber gestorben, und wie Sie sehen, haben Sie ein Problem." Frustriert entlässt er Prozessbeteiligte und Zuschauer in die Mittagspause, und überlässt es den Anwälten Adam Ahmed und Jürgen Langer, ihren Mandanten noch einmal ins Gebet zu nehmen und zu einer schlüssigen Aussage zu bewegen - was immerhin bedingten Erfolg hat.

Der französische Moshammer

A. gibt danach bereitwilliger Auskunft, beantwortet aber viele Fragen weiterhin nur ausweichend. Zu guter Letzt ergibt sich aufgrund seiner Aussage immerhin folgendes Bild: Am späten Abend des 13. Januar, machte sich Herisch A. in der Gegend um den Münchner Hauptbahnhof gerade auf den Heimweg, als sich ihm ein schwarzer Rolls Royce mit dem Kennzeichen "M - RM 111" näherte. Darin saß Rudolph Moshammer, ein Mann, der dem Iraker weder persönlich noch aus Fernsehen und Presse bekannt war. "Diese Person", wie der Angeklagte das Opfer stets bezeichnet, habe ihn dann nach dem Weg zu einem Geschäft gefragt und gleich darauf, warum er traurig sei. Zunächst sei er weitergegangen, aber Moshammer sei ihm immer weiter gefolgt und "sehr, sehr nett" gewesen. Schließlich sei er zu ihm ins Auto gestiegen. Warum? Das frage er sich auch, behauptet Herisch A. "Als ich bei ihm eingestiegen bin, habe ich ihn nur als meinen Vater gesehen" - eine Aussage, die Götzl wenig überzeugt aber auch nicht weiter präzisiert wird.

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Schickeria: Leben und Tod des Rudolph Moshammer

Auf der Fahrt habe er ihm dann von seinen Nöten - Herisch A. hatte gerade mehrere hundert Euro seiner Freundin in einem Spielsalon verzockt - erzählt. Moshammer habe versprochen, ihm zu helfen, und ihm seinerseits erzählt, er sei Franzose, und seine Frau lebe noch immer in Frankreich.

Als der ältere Herr ihm das Bein gestreichelt und ihn gefragt habe, ob er schon mal einen Pornofilm gesehen habe, sei ihm zwar schon der Gedanke gekommen, Moshammer erwarte sich sexuelle Gefälligkeiten von ihm, warum er aber nicht zu der Zeit schon darauf bestanden habe, wieder auszusteigen, wisse er selbst auch nicht. In Moshammers Haus im Nobelvorort Grünwald angekommen, hätten sie sich einen Pornofilm angesehen. Der Hausherr habe sich ihm währenddessen angenähert. Als es schließlich zu Masturbation und Oralsex kam, ließ es der junge Mann geschehen. Erst als ihn Moshammer zum Analverkehr aufforderte, weigerte sich A. "Es gab einen Streit, und dann war er tot", beschreibt A., was dann folgte - eine "sehr verkürzte Darstellung", wie der Richter findet.

Götzl bohrt nach und bohrt nach: Plötzlich habe sich ein Kabel in seiner Hand befunden, es habe wohl auf einem Tisch gelegen, sagt A. schließlich. Die beiden rangeln miteinander, Moshammer stürzt zu Boden - und hat das Kabel um den Hals. Es könne sein, so der Angeklagte, dass er es ihm um den Hals gelegt und während Moshammers Sturz zugezogen habe. "Kann sein" - so lautet das magere Teilgeständnis, das das Gericht nach stundenlanger Befragung aus dem Angeklagten herauskitzeln kann. Oder in anderen Worten des Angeklagten: "Als er mich geschlagen hat, wurde mir schwindlig, und er ist tot."

Angeklagter erleidet Schwächeanfall

Der Prozess konnte erst mit einer knappen halben Stunde Verspätung beginnen. Unmittelbar vor Beginn erlitt der Angeklagte einen Schwächefall. Noch während er sich im Gerichtssaal dem Blitzlichtgewitter der zahlreichen Fotografen stellte, schwankte Herisch A. und musste sich setzen. A. krümmte sich schließlich und wurde wieder aus dem Saal geführt.

Die Beobachter des ersten Prozesstages kamen jedoch vor allem im ersten Teil der Verhandlung nicht ganz umhin, anzunehmen, der Angeklagte heische um Mitleid. Besonderes Geschick konnte man ihm dabei jedoch nicht unterstellen. Immer wieder sagte A. mit seiner leisen Stimme: "Das Leben war sehr, sehr schwer." Dabei machte es nicht wirklich einen Unterschied, ob sich der Angeklagte auf die Situation in seiner Familie bezog, nachdem Polizisten des Saddam-Regimes seinen Vater umgebracht hatten, weil er Kurde war, seine Zeit bei den kurdischen Partisanen oder die Arbeitsbedingungen bei Burger King in München, wo er als Küchenhilfe arbeitete.

Daran, dass Herisch A. der Täter ist, besteht auch trotz eines Antrages der Verteidigung, einige Vernehmungsprotokolle nicht zu verwerten, weil die Speicherung der DNA-Probe, die schließlich ihren Mandanten überführte, nicht rechtmäßig gewesen sei, kaum ein Zweifel. Bei der eigentlichen Frage, ob es sich - wie die Staatsanwaltschaft behauptet - jedoch um Mord aus Heimtücke und Habgier handelt oder um eine Affekthandlung im Streit, also Totschlag, kam das Gericht mit der widersprüchlichen und zähen Aussage des Angeklagten nicht wirklich weiter.

Der letzte große Auftritt

Der Prozess um seinen Tod könnte das letzte Mal sein, dass Rudolph Moshammer die Schlagzeilen dominiert, die die Welt für ihn bedeuteten. Schon zum Prozessauftakt war der Zuschauerandrang geringer als erwartet. Während seinen Trauerzug noch Tausende gesäumt hatten - so viele wie seit dem Tod von Franz Josef Strauß nicht mehr - pilgerten jetzt nur noch ein paar Dutzend Schaulustige zum Prozess.

Das Erbe des wohl schillerndsten Vertreters der Münchner High Society liegt längst schon in Trümmern. Die Boutique "Carnaval de Venise" in der Maximilianstraße 14, in der der Verkauf zuletzt nur noch schleppend lief, ist geschlossen, die drei Rolls Royce wurden bei eBay versteigert, der Schmuck seiner geliebten Mama kam in Amsterdam unter den Hammer, und der betagten Hundedame Daisy geht es, glaubt man dem Boulevard, auch nicht mehr gut. Was geblieben ist, ist ein Mausoleum im Münchner Ostfriedhof.

Auch der Mythos um diese "Art lebendes Neuschwanstein", wie der Kabarettist und Schauspieler Ottfried Fischer den Exzentriker bezeichnete, hat die Person kaum überlebt. Viele der Schönen und Reichen Münchens, die sich zu seinen Lebzeiten so gern an der Seite Moshammers zeigten, kamen schon nicht mehr zu seiner Beerdigung. Die Umstände seines Todes waren so ganz und gar unchic. Zwischen Bussis und Champagner war kein Platz für einen, dem zum Verhängnis wurde, dass er sich junge Männer vom Straßenstrich nach Hause holte.

Der Prozess geht noch mindestens bis zum 16. November. 42 Zeugen und fünf Gutachter sollen bis dahin vernommen werden. Der Münchner Herrenausstatter kommt dieser Tage also wieder reichlich in die Schlagzeilen. Doch dieses Mal wird die Berichterstattung über Rudolph Moshammer jeden Glamour vermissen lassen.



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