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12. August 2005, 17:06 Uhr

Motassadeq-Prozess

Verteidiger schießen sich auf Zeugin ein

In ihrem Plädoyer haben die Anwälte des Terrorverdächtigen Mounir al-Motassadeq erneut dessen Unschuld bekräftigt. Dabei zweifelten sie vor allem die Glaubwürdigkeit der Hauptbelastungszeugin an.

Angeklagter Motassadeq: "Nicht abgehauen"
DPA

Angeklagter Motassadeq: "Nicht abgehauen"

Hamburg - "Man muss sich fragen, ob das immer so richtig ist", sagte Verteidiger Udo Jacob heute vor dem Hamburger Oberlandesgericht in seinem Plädoyer über eine ehemalige Bibliothekarin der Universität Hamburg. Er kündigte am Rande des Prozesses an, Freispruch beantragen zu wollen.

Die Frau hatte ausgesagt, einer der späteren Todespiloten vom 11. September 2001 habe ihr 1999 "Tausende von Toten" angekündigt und über die USA geschimpft. Die Bundesanwaltschaft glaubt, diese Aussagen würden beweisen, dass schon 1999 Terrorpläne in Hamburg entstanden sind und Motassadeq davon wusste. Verteidiger Jacob wies jedoch darauf hin, dass der Freund der Bibliothekarin sich nicht an die Drohungen erinnern konnte, obwohl er bei dem Zwischenfall dabei war.

Jacob stellte seinen Mandanten als fleißigen und religiösen Studenten dar, der von Attentatsplänen nicht gewusst habe. Als Indiz für die Unschuld des 31 Jahre alten Motassadeq erinnerte Jacob daran, dass Motassadeq nach den Anschlägen im Herbst 2001 in Deutschland geblieben sei. "Er ist nicht abgehauen", sagte Jacob.

Außerdem habe er auch keine Beweise vernichtet, obwohl er zum Beispiel eine Kiste voller Dinge des Chefpiloten Mohammed Atta in seinem Keller aufbewahrte. Als er dann Wochen später verhaftet worden sei, habe er sich im Glauben an seine Unschuld keinen Anwalt genommen.

Zu dem Vorwurf, dass Motassadeq 5000 Mark als Treuhänder vom Konto eines der Todespiloten überwiesen habe, sagte der Anwalt, der Angeklagte habe treuherzig gehandelt. Daraus eine Unterstützung der Terroristen abzuleiten, sei eine "völlig hilflose Argumentation".

Jacob räumte ein, dass Motassadeq öfter die Unwahrheit gesagt hatte oder wichtige Tatsachen verschwiegen habe, etwa seine Reise zur militärischen Ausbildung in ein Terrorcamp in Afghanistan in Jahr 2000. Die hatte Motassadeq erst eingeräumt, als ein Zeuge ihn wiedererkannte. Jacob bat um Verständnis dafür: "Das kann man ja wohl verstehen, wenn man schon verhaftet wird, nur weil man diese Leute kennt", sagte er und spielte auf Motassadeq langjährige Bekanntschaft zu Atta an, für den er 1996 auch dessen Testament unterschrieben hatte.

Motassadeq muss sich seit August 2004 im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September wegen Beihilfe zum Mord und Mitgliedschaft in einer terroristische Vereinigung verantworten.

Laut Anklage war er in die Anschlagsvorbereitung der Terrorgruppe um den Ägypter Atta eingeweiht und hat die Gruppe durch viele Hilfsdienste unterstützt.

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