Moussaoui-Beweise online Terrorpuzzle mit 1200 Teilen

Es ist eine beispiellose Offenlegung, eine Dokumentation des Grauens: Das US-Bundesgericht in Alexandria hat rund 1200 Beweisstücke aus dem Terrorprozess um Zacarias Moussaoui im Internet veröffentlicht.
Von Sönke Klug

Hamburg - "No fear" stand auf dem grauen T-Shirt, das Zacarias Moussaoui bei sich hatte, "keine Angst". Außerdem trug er Bedienungshandbücher großer Passagierjets mit sich und ein Computerspiel - den Flugsimulator einer bekannten US-Softwarefirma. All das wurde bei dem französischen Staatsbürger gefunden, dem einzigen Mann, der wegen der Anschläge vom 11. September 2001 bislang in den USA verurteilt wurde, im Mai 2006 zu lebenslanger Haft.

Zwar saß Moussaoui am Tag der Anschläge schon in Haft, die Anklage warf ihm jedoch vor, er hätte den Massenmord verhindern können. Moussaoui selber hatte sich schuldig bekannt, sein Geständnis aber nach der Urteilsverkündung wieder zurückgezogen.

Jetzt hat das zuständige US-Bundesgericht die Beweisstücke aus dem Terrorprozess veröffentlicht. Im Internet. Mehr als 1200 Stücke, darunter sind mitgeschnittene Telefonanrufe von Eingeschlossenen im zusammenbrechenden World Trade Center, Amateurvideos, unzählige Fotos von Hintermännern, Tätern und Opfern. Nur sieben Beweisstücke aus diesem Prozess bleiben unter Verschluss. Bei 18 Beweisstücken warnt das Gericht vor den brutalen Bildern. Knappe Begleittexte erklären distanziert, was zu sehen ist. Beweisstück P200010 ist ein "am 11. September aufgenommenes Foto eines menschlichen Leichenteils auf der Kreuzung zwischen Albany und West Street in Manhattan". Eine in schwarzer Handschrift penibel geführte Auflistung über all dessen, was Moussaoui bei seiner Verhaftung bei sich führte, gehört ebenfalls zu den Beweisstücken aus dem Prozess.

Lob für die Veröffentlichung

Das Gericht hatte die Zeugnisse online gestellt , "um angesichts des riesigen Medieninteresses möglichst effizienten Zugang für Journalisten und die Öffentlichkeit zu gewährleisten", zitiert die "Washington Post" einen Sprecher des Bundesgerichtes. Es "sollte gelobt werden für diese Entscheidung", schrieb kurz danach jemand unter dem Spitznamen "California Yankee" in ein US-Weblog. "Steeljaw Scribe" fordert auf: "Seht euch die Beweisstücke an, lest die Zeugenaussagen, vergesst nicht - niemals." Für sie scheint die Veröffentlichung ein Mahnmal des Terrors und des Grauens, aufgeblättert in 1202 manchmal banal scheinenden Dokumenten.

Unter den Beweisstücken findet sich eine kryptische handschriftliche Notiz vom August 2001: "Training hat nicht funktioniert, enttäuscht" und "wollte (Boeing) 747 fliegen lernen". Weiter unten auf der Seite steht der Name Bin Laden. Zwei Monate zuvor hatte Moussaoui bei einem Versandhandel zwei VHS-Videokassetten bestellt: "Boeing 747-200 Flight Deck Video" und "Boeing 747-400 Flight Deck Video" - für insgesamt rund 80 Dollar. Eine Quittung dafür befindet sich ebenfalls unter den Beweisstücken.

Andere, dramatischere Zeugnisse des Terrorprozesses waren bereits veröffentlicht worden, etwa der Mitschnitt eines vier Minuten langen panischen Anrufes von Melissa Doi aus dem 83. Stock des World Trade Centers. "Es ist so heiß", keucht sie, offenbar auf dem Boden ihres Büros liegend und nach Luft ringend. Ein ebenso grauenerregendes Dokument wie ein Foto von verkohlten Leichen aus dem Pentagon, aufgenommen, nachdem ein Flugzeug in das Verteidigungszentrum gestürzt war. Die Beweisstücke "fangen das Drama - und manchmal auch die Mühsal - der Gerichtsverhandlung ein", urteilt die "Washington Post".

"Kill the messenger"

Moussaouis Prozess war die bislang einzige Gerichtsverhandlung in den USA zu den Terroranschlägen vom 11. September. Der Angeklagte hatte zunächst darauf bestanden, sich selbst zu verteidigen, dann räumte er eine Beteiligung an der Anschlagsplanung ein - um sie später zu widerrufen. Er bezeichnete sich selbst als Mitglied von al-Qaida. Anfang Mai verurteilte ihn das Gericht zu lebenslanger Haft ohne Aussicht auf Entlassung, jedoch nicht, wie zuvor gefordert, zur Todesstrafe.

Andrew Cohen, Kommentator der "Washington Post", hält die Veröffentlichung der Beweise für enorm wichtig: "Tun Sie sich einen Gefallen, auch wenn es nicht leicht wird. Besuchen Sie diese Seite." Er hält es "in einem Zeitalter, in dem mehr und mehr Richter mehr und mehr Beweise vor der Öffentlichkeit verschließen" für eine gute Entwicklung, "dass ein Gericht die Öffentlichkeit präzise prüfen lässt, was die Jury zu prüfen hatte".

Der Weg des Moussaoui - offengelegt in einer Collage aus Emails, Quittungen und Mietrechnungen. Dass er fliegen lernen wolle, schrieb der damals 32-Jährige an einen Verantwortlichen der amerikanischen Flugschule Pan Am Academy. Er habe zwar kaum Erfahrung, aber "schließlich sind wir in Amerika, und alles ist möglich". Zynisch klingen diese Worte im Rückblick. Die im Internet veröffentlichte Beweissammlung enthält nicht nur Dokumente aus der Zeit vor dem 11. September und von den Anschlägen selber. Auch der Prozess wird hier in Bruchstücken sichtbar, in Briefen von Moussaoui an Anwälte oder auch in obskuren Hassplakaten, vom Angeklagten auf liniertes A4-Papier skizziert wie Kinowerbung. "God curse the Queen" entwarf Moussaoui, und "Kill the messenger", mit sich in der Hauptrolle und als Opfer.

Andrew Cohen sieht die Sammlung daher als "tiefen Einblick darin, was dieser Prozess im Frühling war, und was er nicht war." Erstmals wird dieser Einblick von einem US-Bundesgericht der Öffentlichkeit gewährt - was er bewirkt, ist noch unklar. Genauso wie die Frage, ob andere Gerichte diesem Beispiel folgen werden - oder die Offenlegung im Moussaoui-Prozess bleibt, was sie im Moment ist. Ein Einzelfall.

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