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Moussaoui-Prozess "Ich bin der Feind"

In Amerikas einzigem Qaida-Prozess verblüfft der Angeklagte mit neuen Bekenntnissen: Zacharias Moussaoui hat gestanden, dass er in die Anschläge vom 11. September eingeplant gewesen war und einen Jet ins Weiße Haus steuern sollte. Der Franzose wirkt, als könne er das Todesurteil kaum erwarten.
Von Georg Mascolo

Washington - Gut, dass man sein Handy im Bundesgericht von Alexandria immer in der Nähe hat. In dem Justiz-Gebäude selbst sind die Geräte verboten, aber für zwei Dollar nimmt sie ein Coffee-Shop auf der anderen Straßenseite in Verwahrung. Griffbereit, für die neuesten Sensationen im Fall Vereinigte Staaten von Amerika gegen Zacharias Moussaoui.

Was war das für ein Geschiebe am Tresen, als die Journalisten gestern auf die prompte Rückgabe ihrer Geräte drängten. Ein echter Knüller war der Welt zu verkünden. Moussaoui hat endlich doch noch gestanden: Ja, er wusste von den Anschlägen des 11. Septembers und sollte, Höhepunkt des Plots, eine Maschine ins Weiße Haus rammen. Ja, er kannte die Hamburger Todespiloten Ziad Jarrah und Mohammed Atta. Und als reiche eine saftige Enthüllung nicht aus, erklärte er gleich noch den als Schuhbomber bekannten Richard Reid zum Mitverschwörer; Reid war im Dezember 2001 von Passagieren überwältigt worden, als er versuchte über dem Atlantik eine in seinem Schuh versteckte Bombe zu zünden.

Nachrichtenagenturen senden Eilmeldungen, die großen amerikanischen Fernsehsender schalten live zu ihren Reportern. Was für eine dramatische Wendung im einzigen US-Verfahren um die Anschläge, die das Land veränderten.

Vielleicht ist es Zeit, den Fall umzubenennen. Moussaoui gegen Moussaoui könnte passen, denn schließlich ist der kleine Franzose ohnehin Ankläger und Angeklagter in einem. Ja, dieser sonderbare Kerl mit dem wuchtigen Dschihadi-Bart und der gehäkelten Gebetskappe, hat gestanden. Aber ein ohnehin undurchsichtiger Fall ist damit nur noch undurchschaubarer geworden.

Vor ziemlich genau einem Jahr stürzten die Reporter schon einmal aus Gerichtssaal 700 zu ihren Telefonen. Da hatte Moussaoui ebenfalls geredet, nur ging seine Geschichte damals ganz anders. Nach der wollte er den in einem US-Gefängnis einsitzenden ägyptischen Kleriker Scheich Omar Abdul Rahman freipressen. "Jeder weiß doch, dass ich keiner der Märtyrer des 11. Septembers bin", erklärte er da noch.

Lebenslange Haftstrafe oder Giftspritze

Das erste Geständnis bildete die Grundlage für den Schuldspruch als Terrorist, in Alexandria wird jetzt nur über das Strafmaß verhandelt: lebenslange Haft oder Tod durch die Giftspritze. Dass Moussaouis Geschichte von vor einem Jahr nicht mit den Erkenntnissen aus den Vernehmungen der inhaftierten Qaida-Planer Ramzi Binalshibh und Chalid Scheich Mohammed zusammenpasst, stört die US-Justiz nicht. Moussaoui nahm ihnen die Arbeit ab. Und vielleicht tut er es gerade wieder.

Die Todesstrafe schien für die Ankläger bis zu Moussaouis Erklärung schwer zu erreichen. Sie müssen beweisen, dass Moussaouis Lügen nach seiner Festnahme im August 2001 die Aufdeckung des Komplotts verhinderten. Hätte er damals gestanden, so behauptet die Staatsanwaltschaft, hätten die US-Behörden die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt und den Anschlag verhindert.

Der Prozess geriet zum Desaster - Zeugen der amerikanischen Luftfahrtbehörde FAA waren von einer Regierungsjuristin präpariert worden. In der Strategie der Anklage klaffe eine "Glaubwürdigkeitslücke, groß genug, um einen Laster hindurchzufahren", schrieb sie in einer internen Mail. Die empörte Richterin Leonie Brinkema drohte mit dem Abbruch des Verfahrens: "So etwas ist mir in all meinen Jahren noch nie passiert." Agenten des FBI warfen ihren Vorgesetzen "kriminelle Fahrlässigkeit" bei den Ermittlungen gegen Moussaoui vor.

"Sie sind Ihr größter Feind"

Und während für seine Anwälte, mit denen Moussaoui nicht spricht, der Sieg schon möglich schien, schlägt sich Moussaoui jetzt auf die Seite der Ankläger. Bis zum letzten Moment beschwören ihn die Verteidiger nicht zu reden, er lässt sie abblitzen: "Ich betrachte alle Amerikaner als meine Feinde." Auch die Richterin, an die Kapriolen ihres Angeklagten gewohnt, mahnt noch einmal: "Sie müssen versprechen, die Wahrheit zu sagen."

Richtig bemüht scheint Moussaoui, die Lücken der Beweisführung zu schließen. Könne man sagen, lockt der Staatsanwalt, dass er gelogen habe, damit die Anschläge nicht entdeckt werden? "Das kann man so sagen", antwortet Moussaoui. Er habe sich extra ein Radio für die Zelle besorgt, um die Ereignisse zu verfolgen, fügt er noch hilfsbereit hinzu. 30 Minuten spricht er mit leiser, fast sanfter Stimme. "That is correct", antwortet er ein Dutzend Mal auf die Fragen der Ankläger. "Moussaoui liefert, wo die Zeugen der Regierung versagt haben", kommentiert NBC.

"Sie sind Ihr größter Feind", hat ihn Richterin Brinkema mehr als einmal gemahnt. Er scheint wie jemand, der den Tod nicht erwarten kann. "Gott schütze Bin Laden", oder "Ich bin der Feind", skandierte er vor der fassungslosen Jury. Jetzt ist es an ihnen zu urteilen.

Was ist Dichtung, was Wahrheit? Kommt das gestrige Geständnis der Wahrheit nah, oder sucht Moussaoui nur den spektakulären Tod als Märtyrer? Er ist kein Unschuldiger, viele Beweise deuten darauf hin, dass er etwas mit den Anschlägen des 11. September zu tun hat. Nur was, das ist nach gestern noch schwerer zu beurteilen als bisher.

Der Prozess ist beinahe am Ende, schon morgen könnte die Jury mit ihren Beratungen beginnen. Redet Moussaoui bis dahin noch einmal, ist es gut möglich, dass es eine weitere Variante geben wird. Und die Reporter wieder zu ihren Telefonen hetzen.