Moussaoui-Prozess "Let's roll, to victory"

Tränen auf der einen Seite, Überheblichkeit auf der anderen: Beim US-Terrorprozess gegen Zacarias Moussaoui berichteten erschütterte Zeugen von den letzten Lebensminuten ihrer Angehörigen am 11. September. Der Angeklagte gähnte und verließ den Saal mit einer verächtlichen Bemerkung.


Alexandria - "Mayday! Mayday! Raus hier" - für kurze Zeit haben die Zuhörer im US-Terrorprozess gegen Zacarias Moussaoui einen Einblick in das Drama an Bord der United Airlines-Maschine erhalten, bevor diese am 11. September 2001 in ein Feld in Pennsylvania stürzte. Die Anklage spielte gestern im Gerichtssaal die beiden kurzen Aufzeichnungen der Flugkontrolle ab, die entstanden, kurz bevor die Maschine abstürzte. Vor den letzten verzweifelten SOS-Rufen eines der beiden Piloten sind sekundenlang Geräusche eines verzweifelten Kampfs und Schreie zu hören, dann bricht die Aufzeichnung ab.

Angeklagter Moussaoui: "Möge das nächste Mal das gesamte Pentagon brennen"
AP

Angeklagter Moussaoui: "Möge das nächste Mal das gesamte Pentagon brennen"

Fotos und die Berichte von Augenzeugen und Ermittlern zeigten dem Gericht in Alexandria die Einzelheiten des Dramas, das sich damals nur wenige Kilometer vom Gerichtssaal entfernt abspielte, nachdem eine weitere Maschine ins Pentagon gestürzt war. Unter Tränen erzählte die 34-jährige Krebsforscherin Rui Zheng, wie sie damals ihre Eltern dazu überredet hatte, ihren Rückflug in die chinesische Heimat einen Tag später als geplant anzutreten. Kurz darauf starben sie in der Maschine, die in das Pentagon raste: "Hätte ich den Flug nicht umgebucht, dann wäre alles anders gekommen. Sie wären noch am Leben. Diese Schuldgefühle verfolgen mich immerzu", berichtete sie mit stockender Stimme dem Gericht.

Eine Witwe schilderte das Schicksal ihrer Familie nach dem Tod ihres Mannes, der in einem der Türme des World Trade Centers starb. Eines ihrer drei Kinder habe einen Hang zur Selbstzerstörung entwickelt und befinde sich in therapeutischer Behandlung, sagte die 48-jährige Wendy Cosgrove aus Long Island. Die Geschworenen hatten bereits am Montag die letzten Worte von Kevin Cosgrove in einem Telefongespräch mit einer Notruf-Einsatzstelle gehört. Im 105. Stockwerk des nördlichen Turms des World Trade Centers sagte der Familienvater: "Ich bin nicht bereit zu sterben." Schließlich hört man nur noch die Worte "Oh God, no!", ehe die Leitung unterbrochen wurde.

Der Angeklagte hörte den Aussagen lächelnd und gähnend zu. Zweimal meldete sich der 37-Jährige kurz zu Wort. Am Mittag verließ er den Gerichtssaal mit einem triumphierenden "Möge das nächste Mal das gesamte Pentagon brennen". Am Ende des Tages erklärte er beim Verlassen des Saals "Let's Roll, zum Sieg" - in Anspielung an das "Let's Roll" des Passagiers Todd Beamer, mit dem er die Revolte einiger Passagiere an Bord der United Airlines gegen die Highjacker startete.

Moussaoui droht als Mitwisser der Anschläge vom 11. September die Todesstrafe. Ob diese tatsächlich verhängt wird, soll ab morgen in der nächsten Stufe des Verfahrens entschieden werden. Der Franzose war im August 2001 festgenommen worden, weil er an einer Pilotenschule in den USA als verdächtig aufgefallen war. Heute sollen erstmals Aufzeichnungen aus dem Cockpit der in Pennsylvania abgestürzten Maschine vorgespielt werden. Auf Bitten der Angehörigen werden die Aufzeichnungen nur vor den Geschworenen, den Journalisten und Zuhörern im Gerichtssaal abgespielt.

ffr/AFP/AP



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