Debatte über junge Täter "Es gibt keine magische Aktion, die alle Probleme für die Zukunft ausschließt"

Eine junge Frau wird vergewaltigt - und unter den Tatverdächtigen sind Kinder. Sollte für sie bereits das Strafrecht gelten? Oder gibt es einen klügeren Weg, mit solchen Verbrechen umzugehen?
Zur Person
Foto: Holger Hollemann/ DPA

Theresia Höynck, Jahrgang 1967, ist Professorin für Recht der Kindheit und der Jugend an der Universität Kassel und Vorsitzende der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen . Zuvor war die Juristin unter anderem Mitarbeiterin am Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen.

SPIEGEL ONLINE: Frau Höynck, in Mülheim an der Ruhr sollen fünf Kinder und Jugendliche eine junge Frau vergewaltigt haben - nun gibt es eine Debatte darüber, ob das Alter der Strafmündigkeit gesenkt werden sollte. Wie stehen Sie dazu?

Theresia Höynck: Es ist nachvollziehbar und vernünftig, sich angesichts eines solchen Falls damit zu beschäftigen, was man tun kann, um solche Taten zu verhindern, und zu fragen, ob die bestehenden Gesetze ausreichen. Dass einige wenige jetzt eine Debatte über die Strafmündigkeitsgrenze anzetteln, ist aber schon verwunderlich.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Höynck: Wir hatten eine solche Diskussion zuletzt intensiv in den Neunzigern - nach einiger Zeit entwickelte sich damals aber ein breiter Konsens: Eine Senkung der Strafmündigkeitsgrenze würde nichts zur Senkung der Kriminalität beitragen. An dieser Erkenntnis hat sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn tun, um schwere Straftaten von Kindern zu verhindern?

Höynck: Was immer man tut: Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Es gibt nicht die eine Präventivmaßnahme, die wie ein Allheilmittel funktioniert. In jeder Kindheit tauchen Probleme auf, manchmal auch große, aber nicht jede problematische Kindheit führt automatisch dazu, dass ein Kind straffällig wird.

SPIEGEL ONLINE: Aber es kann doch nicht folgenlos bleiben, wenn Zwölf- oder Dreizehnjährige schwere Straftaten begehen.

Höynck: Natürlich nicht. Aber das Strafrecht spielt in solchen Fällen keine Rolle, und das ist auch richtig so: Es beruht auf dem Prinzip des Schuldstrafrechts und geht zu Recht davon aus, dass die für eine staatliche Strafe notwendige Schuldfähigkeit bei unter 14-Jährigen nicht vorliegt. Trotzdem kann man aber ja in solchen Fällen ganz viel machen, ohne Kinder vor Gericht zu stellen.

SPIEGEL ONLINE: Was denn?

Höynck: Die Jugendhilfe hat auch ohne Strafverfahren den Auftrag, sich um Kinder zu kümmern, die in Schwierigkeiten sind - und wenn ein Zwölfjähriger Straftaten begeht, befindet er sich auch in großen Schwierigkeiten. Indem man ein solches Kind professionell unterstützt, schützt man auch die Allgemeinheit davor, dass es schlimme Dinge tut.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Fällen können sich Eltern und Kinder dieser Unterstützung aber entziehen.

Höynck: Dann kann das Jugendamt das Familiengericht einschalten, ins Sorgerecht eingreifen oder es sogar entziehen. Dann entscheiden halt nicht mehr die Eltern darüber, was das Kind macht: Das können zum Beispiel spezielle Betreuungsformen sein oder Kurse für gewalttätige Jugendliche - bis hin zur Unterbringung in speziellen Wohneinrichtungen. In akuten Gefährdungslagen kann natürlich auch die Polizei eingreifen, völlig unabhängig vom Strafrecht. Bei sehr jungen Straftätern sollte es aber erstmal um etwas anderes gehen: Warum tun die Kinder das?

SPIEGEL ONLINE: Und, was ist die Antwort?

Höynck: Zum Beispiel, dass sie Teil einer Gruppe sind, in der Normenverstöße nicht schlecht angesehen sind, sondern geadelt werden. Oder dass sie in ihrer Persönlichkeit so stark von ihrem Umfeld abgewertet werden und chancenlos sind, dass sie aus ihrer Sicht ohnehin nichts mehr zu verlieren haben. Manche müssen sich auch behaupten, ganz egal auf welche Weise - und bei einigen ist es schlicht ein Schrei nach Aufmerksamkeit.

SPIEGEL ONLINE: Einer der tatverdächtigen Jugendlichen im Mülheimer Fall galt als Intensivtäter und nahm bereits an einem Präventionsprogramm teil. Haben die Behörden versagt?

Höynck: So einfach ist das nicht. Schwere Delikte fallen meistens nicht vom Himmel, sondern haben eine Vorgeschichte. So wie Kinder und Jugendliche in Kriminalität hineinwachsen, können sie auch wieder hinauswachsen. Es gibt eben keine magische Aktion, die urplötzlich alle Probleme für die Zukunft ausschließt. Wenn ein Kind erneut eine Straftat begeht, bedeutet das nicht automatisch, dass alle alles falsch gemacht haben. Vielleicht ist es dann auch einfach noch nicht gelungen, den richtigen Ansatzpunkt zu finden.

SPIEGEL ONLINE: Das dürfte für Betroffene eine unbefriedigende Antwort sein.

Höynck: Das ist absolut nachvollziehbar, aber leider ist es so: Hinterher ist man immer schlauer. Nur, weil eine Institution sich schon vor einer schweren Straftat mit dem Täter beschäftigt hat, ist nicht zwangsläufig dort ein Fehler passiert. Menschliches Verhalten ist kompliziert und daher kompliziert zu steuern.

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