Vergewaltigungsfall in Mülheim an der Ruhr Was passiert mit so jungen Tätern?

Ein Gruppe aus fünf Kindern und Jugendlichen soll im Ruhrgebiet eine junge Frau vergewaltigt haben. Was ist zu dem Fall bekannt - und wie gehen die Behörden mit den jungen Tatverdächtigen um?

Spielplatz in Mülheim an der Ruhr: In der Nähe soll sich der Übergriff auf eine junge Frau ereignet haben.
Roland Weihrauch/dpa

Spielplatz in Mülheim an der Ruhr: In der Nähe soll sich der Übergriff auf eine junge Frau ereignet haben.


Im Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung im Ruhrgebiet sind die "Ermittlungen im vollen Gange" - das sagt Jennifer König, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Duisburg. Noch immer sind jedoch viele Fragen offen. Der Überblick.

Was wird den Kindern und Jugendlichen vorgeworfen?

Drei 14- und zwei Zwölfjährige sollen am Freitagabend in Mülheim an der Ruhr gegen 22:15 Uhr eine junge Frau angesprochen, sie in ein Waldstück gebracht und dort vergewaltigt haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Anwohner hatten der Behörde zufolge die Polizei alarmiert. Sie seien ins Freie gegangen, als ihr Hund angeschlagen habe. Auf einer Grünfläche hätten sie die Frau in einer hilflosen Position sowie zwei Verdächtige gesehen und den Notruf gewählt. Kurz darauf habe eine Streifenwagenbesatzung eine Gruppe von fünf Kindern und Jugendlichen angehalten, auf die die Beschreibung teilweise gepasst habe. Die junge Frau sei in ein Krankenhaus gekommen, am Wochenende aber wieder entlassen worden.

Was passiert nun mit den Tatverdächtigen?

Die älteren Jungen sind am Wochenende von den Ermittlern befragt worden und dann zu ihren Eltern zurückgekehrt. Einer der drei 14 Jahre alten Verdächtigen wurde am Montag verhaftet. Er sei bereits in der Vergangenheit zweimal wegen sexueller Belästigung aufgefallen, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Damals war er noch nicht strafmündig.

Die Verhaftung sagt laut Pressesprecherin König nichts darüber aus, ob es sich bei dem Jugendlichen möglicherweise um den Haupttäter handelt. Der Haftbefehl sei wegen Wiederholungsgefahr erlassen worden. Die Frage, wer an der Tat in welchem Ausmaß beteiligt gewesen sei, sei Bestandteil der Ermittlungen.

Alle Verdächtigen sollen in der Woche vor den NRW-Sommerferien nicht mehr zur Schule gehen. "Entsprechende Verfügungen werden derzeit vorbereitet", erklärte die Bezirksregierung Düsseldorf am Montag . Die Verantwortlichen nähmen die Sorgen der Eltern der Mitschüler sehr ernst, hieß es zur Begründung. Der erste offizielle Tag der Sommerferien in NRW ist der 15. Juli.

Drohen den Eltern der Jungen strafrechtliche Konsequenzen?

Strafrechtlich können die Eltern der noch nicht strafmündigen Tatverdächtigen nicht belangt werden. Hypothetisch besteht laut Bernd Holthusen vom Deutschen Jugendinstitut die Möglichkeit, zivilrechtlich einen Ausgleich für den Schaden des Opfers zu erwirken. Ob das infrage käme, müsse im Einzelfall betrachtet werden. Dafür sei es beispielsweise notwendig nachzuweisen, dass die Eltern die Aufsichtspflicht verletzt hätten.

Strafunmündig - was bedeutet das konkret?

Kinder unter 14 sind in Deutschland nicht strafmündig. Das bedeutet, sie können wegen ihrer Taten nicht von einem Gericht verurteilt werden. Für die Tataufklärung blieben sie jedoch relevant, sie könnten auch als Zeugen befragt werden, sagt Holthusen.

Die Annahme, dass bei so jungen Tatverdächtigen gar nichts geschehe, sei falsch. Zunächst unterbreite das Jugendamt den betroffenen Familien ein Beratungsangebot, mache gegebenenfalls pädagogische Angebote und empfehle möglicherweise auch eine psychiatrische Untersuchung und Behandlung.

Sollten die Eltern nicht kooperationsbereit sein, sei es unter Umständen möglich, sie durch ein Familiengericht verpflichten zu lassen bis hin zu weitreichenden Eingriffen in das Personensorgerecht. Sei Gefahr im Verzuge, könne das auch unmittelbar geschehen. "Zwangslösungen sind aber immer nur die zweitbeste Lösung", sagt Holthusen.

Im Mülheimer Fall haben Mitarbeiter des Jugendamts der Stadt zufolge bereits die Familien der Zwölfjährigen besucht und ihre Hilfe angeboten. In einem Fall sei das Angebot an der Gegensprechanlage jedoch abgelehnt worden. "Aus Sicht des Jugendamts gibt es in keinem Fall die Notwendigkeit, das Kind aus der Familie zu nehmen", sagt Volker Wiebels, Pressesprecher der Stadt Mülheim an der Ruhr. Dies habe die Polizei bereits geprüft.

Die Tatverdächtigen sind Bulgaren. Spielt das in dem Verfahren eine Rolle?

Für die strafrechtliche Betrachtung ist es irrelevant, dass es sich bei den mutmaßlichen Tätern um bulgarische Staatsbürger handelt. Nach EU-Recht können straffällige EU-Ausländer auch nicht ohne Weiteres ausgewiesen werden. Allgemein darf ein Mitgliedstaat EU-Bürger "nur aus schwerwiegenden Gründen der öffentlichen Ordnung oder Sicherheit" ausweisen. Haben sie bereits mindestens zehn Jahre im Aufnahmestaat verbracht, ist eine Aufenthaltsbeendigung sogar nur aus "zwingenden Gründen der öffentlichen Sicherheit" möglich.

Die strafrechtliche Verurteilung allein kann deshalb nicht zu einer Ausweisung oder Ablehnung der Aufenthaltserlaubnis führen. Vielmehr muss, wie der Europäische Gerichtshof immer wieder betont hat, "das persönliche Verhalten des Betroffenen eine tatsächliche und gegenwärtige Gefahr" darstellen, "die ein Grundinteresse der Gesellschaft oder des Aufnahmemitgliedstaats berührt". Dies muss im Einzelfall geprüft werden. Dabei muss eine Ausweisung auch "verhältnismäßig" sein - bei Minderjährigen, deren Eltern in Deutschland leben, dürfte diese Hürde nur schwer zu überwinden sein. Unionsbürger, die ihr Freizügigkeitsrecht aus Gründen der öffentlichen Ordnung oder Sicherheit verloren haben, dürfen dann aber nicht wieder in das Bundesgebiet einreisen.

Wie häufig sind Sexualstraftaten durch Kinder und Minderjährige?

Im vergangenen Jahr wurden rund 50 bekannte Fälle sexueller Übergriffe durch Kinder unter 14 Jahren registriert. Das zeigt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2018. Darunter fallen Vergewaltigungen, sexuelle Nötigung und sexuelle Übergriffe im besonders schweren Fall, dabei sind auch Taten mit Todesfolge eingeschlossen.

Ab dem Alter von 14 Jahren nimmt die Fallzahl deutlich zu. In 819 Fällen haben 14- bis 18-Jährige vergleichbare Straftaten begangen. Über alle Altersklassen verteilt zählt die PKS 7287 Taten in diesem Bereich. In den meisten Fällen waren die Täter männlich. Allerdings ist unklar, wie groß das Dunkelfeld ist, das heißt, wie viele Delikte gar nicht erst zur Anzeige gebracht werden.

Warum kommt es zu gemeinschaftlich begangenen Straftaten durch Jugendliche?

Jugendliche begehen häufiger gemeinschaftlich Straftaten als Erwachsene, haben kriminologische Studien gezeigt. Dabei werden Frauen seltener in Gruppen straffällig als Männer. Insbesondere bei Sexualdelikten handeln vor allem jüngere Täter häufiger in Gruppen. Das Bedürfnis nach Ausgrenzung ist Studien zufolge bei Jugendlichen besonders ausgeprägt, solange sie eine Phase der Identitätsfindung durchlaufen. Die Täter betrachten das Opfer in diesen Fällen als ein von der Gruppe ausgeschlossenes Objekt, dem sie keine Gefühle entgegenbringen. Dadurch werde ihre eigene Hemmschwelle zur Tatausführung herabgesetzt. Auch fühlen sich Täter in der Gruppe weniger für eine Tat verantwortlich. (Lesen Sie hier ein Interview zu Kindern als Täter.)

bbr/muk/hip/dpa



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