Solidarität während des Ausnahmezustands Münchner öffnen ihre Türen

Nach der Gewalttat in München standen der Nah- und Fernverkehr in der Stadt still. Viele Menschen saßen fest - und etliche Bewohner starteten eine spontane Aktion.

Hauptbahnhof München (gesperrt)
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Hauptbahnhof München (gesperrt)

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Nach den Schüssen im Münchener Olympia-Einkaufszentrum mit mindestens zehn Toten herrschte Ausnahmezustand in der Landeshauptstadt. Die Polizei war im Großeinsatz, die Bevölkerung entsetzt. S-Bahnen, Busse und Straßenbahnen standen stundenlang still, auch der Fernverkehr war eingestellt. Für viele Menschen hieß das: wo die Nacht verbringen?

Wie oft nach Anschlägen oder Attentaten ging eine beeindruckende Welle der Solidarität durch die Bevölkerung. In den sozialen Netzwerken setzten sich nicht nur die Hashtags durch, mit denen Anteilnahme oder Beileid ausgedrückt wird. Die Bürger zeigten ihre Solidarität auch durch ganz praktische Hilfestellung.

Nur wenige Stunden nach der Schießerei im Stadtteil Moosach boten Münchner auf Twitter ihre Wohnungen als Unterschlupf für diejenigen an, die nicht mehr nach Hause fahren konnten. Unter den Hashtags #offenetuer und #opendoor konnten Gestrandete so einen Schlafplatz in ihrer Nähe finden. Schon bei den Attentaten in Paris im vergangenen September wurde der Hashtag #PortesOuvertes vielfach benutzt.

Nun machten sogar die Münchener Staatskanzlei, der Landtag und die Türkisch-Islamische Gemeinde mit und boten ihre Räumlichkeiten für spontane Übernachtungen an:

Die Deutsche Bahn stellte Übernachtungszüge zur Verfügung:

Wie viele Menschen in München festsaßen, konnte die Polizei auf Anfrage nicht beantworten. Doch die offenen Türen scheinen genutzt zu werden. Stunden nach dem Attentat fragten noch Dutzende Menschen auf Twitter nach Schlafmöglichkeiten.

Augenzeuge berichtet aus München

Auch Fabian Nitschmann war fassungslos, als er um kurz vor 20 Uhr am Münchner Hauptbahnhof seinen Zug nach Essen nehmen wollte - und erkannte, dass er an diesem Abend wohl nicht mehr nach Hause fahren würde. Das Gebäude war zu diesem Zeitpunkt schon evakuiert, Züge fuhren nicht mehr.

"An jedem Ein- und Ausgang des Hauptbahnhofs standen acht bis zehn Polizisten mit gezogener Waffe", berichtet er. "Das war wie im Film." Er sei dann zu Fuß zum Busbahnhof gelaufen, der sich in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet. Doch auch da: Chaos. "Die Busfahrer wussten selbst nicht, ob sie fahren und wann", erzählt der 26-Jährige, der für eine WG-Besichtigung nach München gefahren war.

Ratlosigkeit auch unter den anderen Passanten. "Viele haben an die Scheiben von Autos geklopft und gefragt, ob sie mitfahren können", sagt Nitschmann. "Einfach irgendwie raus aus der Stadt."

Doch das ist gar nicht so einfach. Ihre Beamten seien immer noch im Großeinsatz, twitterte die Polizei München am frühen Samstagmorgen (lesen Sie hier die Entwicklungen in unserem Minutenprotokoll).

Für Nitschmann kam der rettende Anruf von seinen potenziellen neuen Mitbewohnern: Die WG, die er am Vormittag besucht hatte, bot ihm an, die Nacht dort zu verbringen. "Sie haben mich sogar mit dem Auto abgeholt", sagt er. An Schlaf sei aber nicht wirklich zu denken. Sie verfolgten nun alle gemeinsam von zu Hause aus die Nachrichtenlage - wahrscheinlich bis in die frühen Morgenstunden.



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