Schuldspruch gegen Sohn und Schwiegertochter Demente 92-Jährige in tschechisches Heim gesteckt – Paar wegen Freiheitsberaubung verurteilt

Eheleute aus Bayern schoben die demenzkranke Mutter des Mannes unerlaubt in ein Heim nach Tschechien ab. Nach Monaten wurde die Frau befreit – ungepflegt, mit Wundliegegeschwüren. Nun ist das Paar verurteilt worden.
Amtsgericht München (Symbolbild): Seniorin in erbärmlichem Zustand gewesen

Amtsgericht München (Symbolbild): Seniorin in erbärmlichem Zustand gewesen

Foto: Fotostand / Fritsch / imago images

Das Amtsgericht München hat einen 67-jährigen Rentner sowie dessen 56-jährige Frau wegen Freiheitsberaubung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Diese hatten im Januar 2019 die inzwischen 92-jährige Mutter des Mannes »ohne medizinische Notwendigkeit und ohne notwendige richterliche Genehmigung« auf der geschlossenen Station eines Heims in Tschechien untergebracht, wie das Gericht mitteilte. Und das, obwohl Ärzte nach einem Krankenhausaufenthalt auch noch eine häusliche Betreuung der dementen Frau empfohlen hatten.

Angeklagte in Wohnung der Frau eingezogen

Gut ein halbes Jahr nachdem sie nach Tschechien gebracht worden war, befreiten eine Berufsbetreuerin und eine betreuungsgerichtlich bestellte Verfahrenspflegerin die Frau. Sie sei in einem »stark verschmutzten und ungepflegten Zustand« gewesen, heißt es in der Mitteilung vom Freitag zu dem Urteil, das demnach bereits Ende Juli erging. Die Seniorin habe massive Wundliegegeschwüre am Steißbein gehabt sowie drei »tennisballgroße Hämatome am Rücken«, die Haare seien fettig gewesen, die Unterwäsche verschmutzt und klebrig.

Ein Polizist berichtete laut Gericht, das Opfer habe angegeben, dass sie über die ganzen Monate niemand besucht hätte. Dennoch habe sie versucht, ihren Sohn in Schutz zu nehmen. »Sie hat sich damals abgefunden, dass keiner sie besuchen kam, aber natürlich hätte sie es sich gewünscht.« Zeuginnen gegenüber hatte die Seniorin dem Gericht zufolge gesagt, sie warte darauf, dass ihr Sohn wieder aus dem Urlaub komme und sie abhole.

Niemand sprach Deutsch

Die Angeklagten hatten nach Ansicht des Gerichts zumindest billigend in Kauf genommen, dass die Geschädigte durch die nicht notwendige und nicht genehmigte Unterbringung der Freiheit beraubt wird. Das Paar wiederum hatte mittlerweile selbst die Wohnung der Frau bezogen, anstatt die Seniorin dort zu pflegen. Der Verfahrenspflegerin zufolge hatten die Angeklagten auf die Frage nach dem Verbleib der Mutter angegeben, diese befände sich in einem supertollen Heim und käme nicht mehr nach Deutschland zurück.

Nachdem die Verfahrenspflegerin hieran Zweifel hatte, nahm das Gericht einen Betreuerwechsel vor. Zusammen mit der neu bestellten Berufsbetreuerin fuhr die Verfahrenspflegerin kurzerhand zu dem Heim. »Wir haben die Frau … in einem dunklen Dreibettzimmer gefunden«, berichtete sie. Die Seniorin sei »in einem erbärmlichen Zustand« gewesen. Sie habe große Angst vor ihren zwei Mitbewohnerinnen gehabt und sei sofort in Tränen ausgebrochen. In dem geschlossenen Heim in Tschechien habe sich die Verfahrenspflegerin mit niemandem auf Deutsch verständigen können.

Mit der Pflege überfordert gewesen

Beide Angeklagten räumten die Tat der Vorsitzenden Richterin zufolge »vollumfänglich« ein. Sie seien offensichtlich mit der Pflege ihrer demenzkranken Mutter und Schwiegermutter überfordert gewesen. »Sie haben die Freiheitsberaubung der Geschädigten billigend in Kauf genommen, nicht jedoch beabsichtigt«, begründete sie das inzwischen rechtskräftige Urteil, dessen Strafmaß sich auf jeweils eineinhalb Jahre zur Bewährung beläuft. Die Richterin warf dem Paar vor, die Frau »unter Vorspiegelung falscher Tatsachen« nach Tschechien gebracht zu haben. Sie hätten ihr erzählt, dass sie dort nur vorübergehend leben müsse, während sie selbst im Urlaub seien.

Als die Verfahrenspflegerin die Frau schließlich befreit hatte, war die Erleichterung bei der Seniorin laut Gericht riesig. »Sie hat uns nicht mehr losgelassen und konnte ihr Glück in dem Moment nicht fassen.« Inzwischen lebe sie in einem offenen Pflegeheim in München. »Als ich sie wiedersah, ging es ihr viel besser, und sie war ein ganz anderer Mensch geworden. Sie war wieder glücklich und eine gepflegte Frau.«

Aktenzeichen: Js 118454/20

apr
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.