Verdacht auf Mordversuch im Kreißsaal Münchner Polizei verhaftet Hebamme

Eine Hebamme soll in einer Münchner Klinik mit einem Medikament versucht haben, vier Mütter und deren Neugeborene zu töten. Die 33-Jährige wurde verhaftet. Sie bestreitet die Taten.


München - Die Münchner Polizei hat eine Hebamme wegen des Verdachts auf vierfachen versuchten Mord verhaftet. Sie soll Müttern zwischen April und Juni bei Kaiserschnittgeburten im Kreißsaal blutverdünnende Mittel gespritzt haben. Die Frau wurde noch im Kreißsaal der Uniklinik Großhadern verhaftet.

Bei allen vier betroffenen Frauen sei es durch das Medikament zu einem lebensbedrohlichen Blutverlust gekommen, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Der Klinik zufolge hatten die Frauen Risikoschwangerschaften und neigten wegen Vorerkrankungen zu verstärkten Blutungen. "In die Infusionen wurde Heparin beigemischt, wodurch sich die Blutungsneigung noch erheblich steigerte."

Nur mit "notfallmedizinischen Maßnahmen" habe das Leben der Frauen gerettet werden können. Es habe auch für die neugeborenen Babys "akute Lebensgefahr" bestanden. Inzwischen gehe es allen Müttern und ihren Kindern gut. Zwei Frauen brauchten Bluttransfusionen, zwei mussten erneut operiert werden, eine von ihnen verbrachte nach Klinikangaben eine Nacht mit einem Tuch im Bauch, um die Blutungen zu stoppen.

HEPARIN
    Heparin hemmt die Blutgerinnung. Unter anderem bekommen Patienten Heparin gespritzt, wenn sie eine Thrombose (Blutgerinnsel) haben oder diese verhindert werden soll. Auch beim Herzinfarkt oder bei einer Lungenembolie (Verstopfung in einer Lungenarterie) wird es eingesetzt. Nierenkranke, die regelmäßig zur Dialyse müssen, erhalten es ebenfalls.
  • Genaugenommen gibt es nicht ein Heparin, sondern verschiedene. In der Therapie werden deshalb das sogenannte unfraktionierte hochmolekulare Heparin sowie das niedermolekulare fraktionierte Heparin unterscheiden.
  • Eine Behandlung mit Heparin kann unter anderem eine sogenannte Thrombozytopenie (kurz HIT) auslösen: Die Zahl der für die Gerinnung wichtigen Blutplättchen sinkt rapide. Paradoxerweise führt dies nur selten zu Blutungen, aber oft zu Gefäßverschlüssen. Dies kann im schlimmsten Fall tödlich enden.
  • Mögliche allergische Reaktionen auf Heparin sowie ein erhöhtes Osteoporose-Risiko bei längerer Gabe sind weitere unerwünschte Nebenwirkungen.
Bei einer Periduralanästhesie (PDA) im Rahmen eines Kaiserschnitts wird Heparin nicht eingesetzt.
Die Frau arbeitet seit 2012 im Klinikum Großhadern. Das Krankenhaus hatte am 10. Juli Anzeige erstattet, nachdem ein wissenschaftliches Gutachten die Manipulation bestätigt hatte und das blutverdünnende Mittel nachgewiesen worden war. Die Frauen hätten bei den Geburten Blutungen mit einer auffälligen Veränderung des Blutgerinnungssystems bekommen.

"Wir sind bestürzt"

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass das Mittel in hoher Dosis über die Infusion verabreicht wurde, obwohl dies medizinisch nicht geboten war. "Es gehört nach allem was wir wissen zum medizinischen Standardwissen, dass ein derartiges Mittel bei einem Kaiserschnitt absolut nicht indiziert ist", sagte der Sprecher der Staatsanwalt, Peter Preuß. Er sieht das Mordmerkmal der Heimtücke erfüllt. Sollten die Vorwürfe stimmen, habe die Frau "bewusst die Arg- und Wehrlosigkeit der Opfer" ausgenutzt.

"Wir sind bestürzt", sagte der ärztliche Direktor des Klinikums, Karl-Walter Jauch. Es deute einiges darauf hin, dass die Frauen mit Risikoschwangerschaften gezielt ausgesucht worden seien.

Nach Polizeiangaben war die 33-Jährige die einzige, die bei allen vier kritischen Geburten im Kreißsaal war. Zunächst habe sie die Vorwürfe bestritten. "Sie sagte, das stimmt alles nicht", sagte Kripo-Ermittler Markus Kraus. Dann habe sich die Frau nach Absprache mit ihrer Anwältin aber dazu entschieden, keine weiteren Angaben zu machen, teilte die Polizei mit. Zu einem möglichen Motiv konnten die Ermittler nichts sagen.

Die Leitende Hebamme Heike Wolff beschrieb sie als fachlich qualifiziert, von Kollegen geschätzt und im persönlichen Umgang zurückhaltend. Von August 2013 bis März dieses Jahres sei sie wegen einer orthopädischen Krankheit ausgefallen, in der Wiedereingliederung habe sie sich aber sehr motiviert und engagiert gezeigt.

Die Hebamme aus dem Münchner Umland ist den Ermittlern zufolge ledig und hat keine Kinder. Bevor sie als angestellte Hebamme an das Klinikum Großhadern gekommen sei, habe die Frau in Krankenhäusern außerhalb Bayerns gearbeitet. Die Ermittler wollen auch die früheren Arbeitgeber der Verhafteten kontaktieren. Gerüchteweise soll es auch an einem früheren Arbeitsplatz Vorfälle gegeben haben.

wit/ulz/dpa/AFP



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