Mordvorwurf gegen Jennifer W. In der Sonne angekettet bei 45 Grad

Ließ Jennifer W. eine Fünfjährige in Falludscha verdursten? Die junge Frau steht wegen Mordes und Mitgliedschaft in der Terrororganisation "Islamischer Staat" vor Gericht. Weitere Vorwürfe könnten hinzukommen.

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Von Wiebke Ramm, München


Jennifer W. blickt ins Leere. Immer wieder schließt sie für ein paar Sekunden die Augen, während Oberstaatsanwältin Claudia Gorf die Anklage verliest. Die 27-jährige W. soll bis heute überzeugte Anhängerin der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) sein. Anzusehen ist es ihr an diesem Dienstagmorgen im Oberlandesgericht München nicht: Sie trägt einen schwarzen Hosenanzug mit weißer Bluse, eine schwarz umrandete Brille, das Haar zu einem streng geflochtenen Zopf gebunden.

Einmal kurz ist ein leises "Nein" von ihr zu hören, als der Vorsitzender Richter Reinhold Baier sie fragt, ob sie einen Beruf erlernt hat. Ansonsten schweigt Jennifer W. und wird es nach Angaben ihrer Frankfurter Verteidiger, Ali Aydin und Seda Basay-Yildiz, zumindest vorerst auch weiterhin tun.

Der Generalbundesanwalt hat die junge Deutsche aus dem niedersächsischen Lohne unter anderem wegen IS-Mitgliedschaft, wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffengesetz und wegen Mordes angeklagt. Er wirft ihr vor, eine nach humanitärem Völkerrecht zu schützende Person "grausam und aus niedrigen Beweggründen" getötet zu haben. Laut Anklage hat sich Jennifer W. an dem Mord an einem fünfjährigen jesidischen Mädchen beteiligt. Ihr droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Ende August 2014 soll Jennifer W. über die Türkei zunächst nach Syrien gereist und sich dort dem IS angeschlossen haben. Ab Juni 2015 soll sie dann als eine Art Sittenwächterin erst in der irakischen Stadt Mossul, dann in Falludscha mindestens drei Monate lang bewaffnet durch Parks patrouilliert sein, um Frauen zu ermahnen, die Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften der Terrororganisation einzuhalten. Mit einer Sprengstoffweste soll sie die Frauen eingeschüchtert haben.

"Das Mädchen verdurstete"

Jennifer W. heiratete nach islamischem Recht einen IS-Kämpfer, mit dem sie ab Sommer 2015 in einem Haus in Falludscha lebte. Die beiden kauften laut Anklage eine Fünfjährige als Sklavin, die als Jesidin Kriegsgefangene des IS war. Als das Kind krank wurde und sich einnässte, kettete Jennifer W.s Mann das Mädchen laut Anklage auf dem Hof an. Dort musste es in der Sonne bei Temperaturen von etwa 45 Grad ausharren.

Das Kind überlebte die Quälerei nicht. "Obwohl die Angeklagte erkannte, dass das Mädchen mangels Flüssigkeit versterben würde, blieb sie untätig und versorgte es weder mit Wasser noch löste sie die Handschellen", sagt Oberstaatsanwältin Gorf. "Das Mädchen verdurstete in der Folge."

All das, was die Oberstaatsanwältin vorträgt, beruht im Wesentlichen auf den Angaben der Angeklagten. Jennifer W. soll nach dem Tod des Mädchens, im September 2016, nach Niedersachsen zurückgekehrt sein. Sie war schwanger und brachte noch im selben Jahr eine Tochter zur Welt.

Im Juni 2018 machte sie sich auf den Weg zurück zum IS. Sie kam bis Neu-Ulm. Dort wurde sie festgenommen und ist seitdem in Untersuchungshaft. Denn der Mann, der sie in seinem Auto angeblich zurück zum IS bringen wollte, war ein Informant der Polizei. Das Auto war verwanzt und Jennifer W. offenbar sehr redefreudig. Seit ihrer Verhaftung schweigt sie.

Der Senat beendet den ersten Hauptverhandlungstag nach einer guten halben Stunde. Die Bundesanwaltschaft habe dem Gericht vergangene Woche Unterlagen übersandt, die zunächst bewertet werden müssten, bevor die Verhandlung am 29. April fortgesetzt werden soll, teilt Richter Baier mit. Was er nicht sagt: Die Anklage, die die Oberstaatsanwältin gerade verlesen hat, ist möglicherweise bereits überholt, zumindest unvollständig.

Die Anklage war bereits fertig, als die Ermittlungsbehörden im März 2019 die Mutter des Kindes ausfindig machten. Auch diese Frau, ebenfalls eine Jesidin, soll von Jennifer W. und ihrem Mann als Sklavin gehalten worden sein. Sie soll nicht nur selbst gequält worden, sondern auch Zeugin des Mordes an ihrem Kind geworden sein. Bei den Unterlagen, die dem Senat und allen anderen Prozessbeteiligten nun übersandt wurden, handelt es sich um "Hunderte Seiten Vernehmungsprotokolle", so sagt es Verteidiger Aydin vor dem Gerichtssaal. Er klingt empört über die späte Aktennachlieferung.

Tatsächlich kommen durch die Aussage der Mutter möglicherweise weitere Anklagepunkte auf Jennifer W. zu. Der Senat muss nun prüfen, ob und gegebenenfalls wie die Anklage im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Quälerei der Mutter erweitert werden kann. Der Generalbundesanwalt will die Tatvorwürfe im Hinblick auf den Völkermord des IS an den Jesiden auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit ausweiten.

"Das unendliche Leid"

Wie die Mutter gefunden wurde, wo sie lebt, wie es ihr geht, dazu gibt die Bundesanwaltschaft keine Auskunft. Es gehe um Opferschutz, sagt Oberstaatsanwältin Gorf vor dem Gerichtssaal: "Man kann sich das unendliche Leid gar nicht vorstellen, das die Mutter durchgemacht haben muss."

Gorf sagt auch, dass sie keine Zweifel hat, dass die Frau wirklich die Mutter des toten Kindes ist. Sie begründet es mit dem "sehr spezifischen Sachverhalt", den die Frau in den Vernehmungen geschildert hat. Und sie sei bereit, als Zeugin im Prozess auszusagen.

Die Mutter nimmt als Nebenklägerin am Prozess teil. Selbst anwesend ist sie an diesem Tag nicht. Sie wird vertreten von dem Münchener Anwalt Wolfgang Bendler und den Anwältinnen Natalie von Wistinghausen, Berlin, und Anna Bonini aus dem Büro der Londoner Kanzlei von Amal Clooney. Anwalt Bendler weiß, dass die Verteidigung alles daran setzen wird, die Glaubwürdigkeit der Frau infrage zu stellen. Deshalb lässt er Fragen zu ihrer Verfassung unbeantwortet.

Die Jesiden-Organisation "Yazda" hat die Mutter ausfindig gemacht, über die genaueren Umstände spricht Bendler nicht. "All das wird in der Beweisaufnahme noch eine Rolle spielen", kündigt Verteidiger Aydin an. Er wird die kommenden drei Wochen wohl nutzen, um nach Schwachstellen der Aussage der Frau zu suchen.



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