Prozess gegen mutmaßliche IS-Frau in München Ein wichtiger Zeuge fehlt noch

Ließ Jennifer W. eine Fünfjährige in Falludscha verdursten? Der Mann der mutmaßlichen IS-Anhängerin könnte zur Aufklärung beitragen. Doch noch ist offen, ob er nach Deutschland ausgeliefert wird.

Die Angeklagte Jennifer W. mit ihrem Verteidiger Ali Aydin beim Prozessauftakt im April
Sebastian Widmann/ Getty Images

Die Angeklagte Jennifer W. mit ihrem Verteidiger Ali Aydin beim Prozessauftakt im April

Von Wiebke Ramm, München


Sie wünsche sich Gerechtigkeit für ihre Tochter und für sich selbst, sagt Nora B. ganz am Ende ihrer Befragung. "Ich möchte, dass auch die Jesiden ihr Recht bekommen."

Seit Anfang Juli ist die 47-Jährige als Zeugin im Prozess gegen Jennifer W. vor dem Oberlandesgericht München befragt worden. An diesem Freitag beendet das Gericht ihre Vernehmung. "Ich habe alles gesagt, was mir passiert ist."

Die Angeklagte Jennifer W. muss sich vor dem Oberlandesgericht München wegen Mordes durch Unterlassen, wegen IS-Mitgliedschaft und wegen Kriegsverbrechen verantworten.

Jennifer W. und ihr Mann Taha A. sollen für den Tod eines fünfjährigen jesidischen Mädchen verantwortlich sein. Im Sommer 2015 sollen sie Rania, die Tochter von Nora B., im irakischen Falludscha verdursten lassen haben. Taha A. soll das Mädchen in der Hitze auf dem Hof ihres Hauses an ein Fenstergitter gekettet haben, wo es qualvoll starb. Jennifer W. soll nichts unternommen haben, um das Kind zu retten. Das Paar soll Nora B. und ihre Tochter als Sklavinnen gefangen gehalten haben.

Der Aufenthaltsort von Taha A. war den deutschen Behörden lange Zeit unbekannt. Erst im Mai dieses Jahres wurde der Iraker in Griechenland gefasst. Seither befindet er sich in Athen in Haft.

In Deutschland droht Taha A. eine Anklage wegen Mordes

Nach Auskunft der Bundesanwaltschaft steht der Auslieferung des Mannes nun zumindest rechtlich nichts mehr im Weg. Dies habe ein griechisches Gericht am 12. September in letzter Instanz entschieden, teilte Oberstaatsanwältin Claudia Gorf mit. Jetzt sei es an der Regierung in Athen, darüber zu entscheiden, ob und gegebenenfalls wann Taha A. nach Deutschland gebracht werde.

Taha A. soll angegeben haben, dass er in Griechenland bleiben will. Er soll dort Asyl beantragt haben. In Deutschland droht auch Taha A. eine Anklage wegen Mordes.

Das Gespräch mit dem FBI-Informanten

Jennifer W. war 2014 aus ihrem Heimatort Lohne in Niedersachsen über die Türkei und Syrien in den Irak gereist, wo sie sich der Terrororganisation "Islamischer Staat" anschloss. Nach dem Tod des Mädchens soll ihr Mann vom IS bestraft und aus Falludscha verbannt worden sein. Jennifer W. und Taha A. sollen sich in die Türkei abgesetzt haben. Im September 2016 kehrte Jennifer W. schwanger zurück nach Lohne. Sie wollte ihr Kind zu Hause zur Welt bringen.

Im Juni 2018 machte sie sich mit ihrer Tochter zurück auf dem Weg zum IS. Sie wurde in Lohne von einem Mann abgeholt, den sie für einen IS-Sympathisanten hielt, tatsächlich war es ein Informant des FBI. Stundenlang fuhren sie im Auto durch Deutschland in Richtung Süden. Der Wagen war verwanzt, jedes Wort von Jennifer W. wurde mitgeschnitten. Jennifer W. sprach über ihre Zeit beim IS. Sie sprach auch von Ranias Tod in ihrem Haus in Falludscha. In Bayern wurde sie festgenommen. Die 28-Jährige soll bis heute überzeugte Anhängerin des IS sein.

"Wir wissen nicht, ob er kommt"

"Über uns hängt das Damoklesschwert Taha A.", sagt der Vorsitzende Richter Reinhold Baier am Freitag ganz am Ende des Verhandlungstages. Denn wenn Taha A. in absehbarer Zeit aus Griechenland nach Deutschland ausgeliefert wird, dann muss er als Zeuge im Prozess gegen Jennifer W. geladen werden. Doch ob es dazu kommt, liegt in der Hand der griechischen Regierung, nicht in der Hand des Gerichts. Oder wie es Baier formuliert: "Wir wissen nicht, ob er kommt. Und wir wissen nicht, wann er kommt, wenn er kommt."

Der Richter bittet die Prozessbeteiligten, zum nächsten Prozesstag ihre Terminkalender mitzubringen. Er will vorbereitet sein - so gut es eben geht. Doch ob Taha A. als Zeuge zur Aufklärung beitrüge, ist fraglich. Vor Gericht dürfte er schweigen. Da er selbst Beschuldigter in dieser Sache ist, hat er das Recht, jede Auskunft zu verweigern.

Es ist ein komplexer Fall.

Auch die Befragung von Nora B. ist mühsam gewesen. Die Frau hat viel Schlimmes erlebt in ihrem Leben. Von ihrer Zeit als Sklavin des IS zu berichten, fiel ihr merklich schwer. Über den Tag, an dem ihre Tochter ermordet worden sein soll, sprach sie vor Gericht in immer gleichen Satzschablonen. Die Frau wirkte traumatisiert. Nicht immer passten ihre Antworten zu den Fragen der Prozessbeteiligten. Nicht immer stimmten ihre Angaben mit früheren Angaben überein.

Ob sie ihr Kind in Lebensgefahr wähnte, als Taha A. ihre Tochter draußen ans Fenster angekettet habe, fragte Verteidigerin Seda Basay-Yildiz die Mutter schließlich. "Nein, ich habe immer gedacht, dass er sie gleich wieder ins Haus bringt. Ich habe nicht gedacht, dass sie am Fenster stirbt", sagte Nora B. "Aber sie ist gestorben."



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