Prozess gegen mutmaßliche IS-Frau "Eine ganz einfache Frage"

Die mutmaßliche IS-Anhängerin Jennifer W. soll für den Tod eines fünfjährigen Mädchens im Irak verantwortlich sein. Es soll angekettet in der Sonne verdurstet sein. Vor Gericht musste nun die traumatisierte Mutter des Kindes aussagen.

Die Angeklagte Jennifer W. beim Betreten des Gerichtssaals am 11. Prozesstag.
Peter Kneffel/ DPA

Die Angeklagte Jennifer W. beim Betreten des Gerichtssaals am 11. Prozesstag.

Von Wiebke Ramm, München


Sie ist die wichtigste Belastungszeugin im Prozess gegen Jennifer W. Vier Personenschützer sorgen am Freitag, dem 12. Prozesstag, für die Sicherheit von Nora T. - zusätzlich zu den Justizwachtmeistern, die ohnehin im Saal B277 des Oberlandesgerichts München anwesend sind. Nora T. ist im Zeugenschutzprogramm des Bundeskriminalamtes. Denn sie gibt Auskunft über Gräueltaten des sogenannten Islamischen Staates (IS). Doch Nora T. ist keine einfache Zeugin. Und das könnte an dem liegen, was sie erlebt hat.

Nora T. ist jesidische Kurdin, aufgewachsen in einem Dorf im Nordirak. Den IS-Terroristen gelten Jesiden als Ungläubige. Wie viele jesidische Frauen wurde auch Nora T. vom IS gefangen genommen und als Sklavin gehalten. Nora T. wurde von einem Mann zum nächsten verkauft. Sie wurde vergewaltigt, geschlagen, ausgebeutet.

Heute ist sie in Sicherheit und lebt an einem geheimen Ort irgendwo in Deutschland. Doch die Jahre der Qual haben Spuren hinterlassen. Nora T. ist 47 Jahre alt und wirkt doch viel älter. Vor Gericht erscheint sie in einem weiten schwarzen Mantel, um ihren Kopf hat sie einen beigen Schal gewickelt. Die Personenschützer versuchen, jeden Blick auf diese Frau zu verhindern. Gelingt es doch, ist ein zerfurchtes Gesicht zu sehen.

Eine Mutter und ihre Tochter als Sklavin

Auf der Anklagebank sitzt Jennifer W., 28 Jahre alt, aufgewachsen im niedersächsischen Lohne. 2014 soll sie nach Syrien gereist sein und sich dem IS angeschlossen haben. Sie heiratete einen Mann, der sich Abu Muawia nannte, und mit dem sie 2015 ins irakische Falludscha zog. Im Sommer 2015 sollen Nora T. und ihre Tochter als Sklavinnen in das Haus von Jennifer W. gekommen sein.

Das Mädchen, fünf Jahre alt, hat die Zeit im Haus von Jennifer W., laut Anklage, nicht überlebt. Abu Muawia soll das Kind in der sengenden Hitze angekettet haben. Das Mädchen soll verdurstet sein. Die Bundesanwaltschaft wirft Jennifer W. vor, den Tod des Kindes nicht verhindert zu haben. Mord durch Unterlassen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit lautet der Anklagevorwurf. Der 28-Jährigen droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Ein Alltag voller Angst

Sehr behutsam, mit viel Geduld befragt der Vorsitzende Richter Reinhold Baier am Freitag die Zeugin. Die Verständigung ist mühsam. Nora T. spricht Kurmandschi, einen kurdischen Dialekt, und sie hat einen Sprachfehler. Die Dolmetscherin fragt immer wieder nach, um ihre Worte korrekt zu übersetzen. Dennoch sind ihre Antworten nicht immer auf Anhieb zu verstehen.

Nora T. hat nie Lesen und Rechnen gelernt. Mit Zeitangaben, mit Größen und Zahlen im Allgemeinen tut sie sich schwer. Ihr Geburtsdatum kann sie am Vortag, dem ersten Tag ihrer Befragung, nicht nennen. 1972, genauer wisse sie es nicht. Auch der Geburtstag ihrer Tochter fällt ihr nicht ein.

Ihr Alltag in Falludscha war geprägt von Demütigungen, Schlägen und Angst. So schildert sie es. Nora T. musste Jennifer W. den Haushalt führen, stets zu Diensten sein. Auf die Uhr hat sie dabei nicht geschaut. Der Richter fragt, wann sie zu Bett gegangen ist. Sie sagt, sie sei müde gewesen von der Arbeit und habe geschlafen. Der Richter fragt, wann sie gegessen habe. Sie sagt, zur Hälfte des Tages.

Schläge auf den Hinterkopf

Der Hausherr habe zugeschlagen, wann immer ihm danach war. Weil er sich von dem Mädchen gestört fühlte. Weil Nora T. vor Angst gebeugt durchs Haus schlich. Weil irgendwo ein Glas runterfiel. Nora T. hat die Schläge nicht gezählt. Täglich seien sie und ihre Tochter geschlagen worden, mehrfach. Das Mädchen bekam Schläge auf den Hinterkopf, erzählt sie, wenn es Fehler beim Gebet gemacht habe. Es wurde geschlagen, wenn es nicht still war, sondern tun wollte, was Kinder eben tun: sich frei bewegen. "Ich lüge Sie nicht an, ich sage nur die Wahrheit", sagt Nora T. mehrmals zum Richter. Sie sagt auch, dass sie viel Schlimmes erlebt habe. "Aber das Schlimmste habe ich in Falludscha erlebt."

Nach der Mittagspause fragt der Richter: "Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt gesehen?" Nora T. antwortet, die Dolmetscherin übersetzt: "Im Irak." Der Richter fragt noch einmal. "Ich weiß es nicht", lautet nun die Antwort. "Hat Ihre Tochter, als Sie sie zuletzt gesehen haben, gelebt?", fragt Baier weiter. "Ja", sagt die Zeugin. "Können Sie sich an den Tag noch erinnern, als Sie sie zuletzt lebend gesehen haben?" Und dann geschieht etwas Irritierendes.

Mit der Hitze bestraft

Nora T. erzählt ihre Geschichte noch einmal von vorn. Sie berichtet noch einmal, wie sie von Mossul nach Falludscha gekommen ist. Sie sagt, dass sie gezwungen wurde, zum Islam zu konvertieren. Sie erzählt, wie Abu Muawia und seine deutsche Frau sie zu sich ins Haus geholt haben. Sie sagt, dass sie dem Paar den Haushalt führen musste. Sie wiederholt alles, was sie bereits gesagt hat.

Richter Baier unterbricht ihren Redefluss nicht. Er lässt sie reden.

Dann berichtet Nora T., dass Abu Muawia sie eines Tages zur Strafe barfuß in den Hof geschickt habe. Dort habe Nora T. auf dem heißen Boden stehen müssen. "Etwa eineinhalb Stunden lang hat er mich mit dieser Hitze bestraft. Dann hat er mich reingerufen." Eineinhalb Stunden, fragt der Richter. "Nicht eineinhalb Stunden, eine halbe Stunde." Auch in der Anklage ist eine halbe Stunde vermerkt. Dort steht auch, dass Abu Muawia dann das Kind im Hof an ein Fenster angekettet habe, wo es qualvoll verstarb.

Ihre Anwältin bittet um Unterbrechung

Nora T. sagt davon nichts. Sie wirkt fahrig, erzählt weiter, immer weiter. Irgendwann bittet ihre Anwältin, Natalie von Wistinghausen, um eine Unterbrechung und spricht mithilfe der Dolmetscherin ein paar Worte mit ihrer Mandantin. Dann sagt sie, Nora T. sei sehr müde und unkonzentriert. Sie bittet darum, die Vernehmung für diesen Tag abzubrechen. Das Gericht kommt ihrer Bitte nach. Auch er habe bemerkt, sagt der Richter, dass Nora T. "auf meine ganz einfache Frage, wann sie ihre Tochter zuletzt lebend gesehen hat", nicht geantwortet hat.

Eine ganz einfache Frage, sagt der Richter.

Für Nora T. dürfte es wohl die schwierigste Frage überhaupt sein. Entweder - und so sieht es die Verteidigung -, weil sie das, was die Bundesanwaltschaft Jennifer W. als Mord vorwirft, so gar nicht erlebt hat. Oder weil sie eine schwer traumatisierte Frau ist, die es an die Grenzen bringt, sich an den Tod ihres Kindes zu erinnern.



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