Prozess vor Staatsschutzsenat in München »Personen ausländischer Herkunft, Juden und Muslime lehnt sie ab«

Susanne G. soll ein »Lehrbuch für Profikiller« gekauft, Drohbriefe verschickt und einen Anschlag geplant haben. War sie Teil eines Netzwerks?
Von Wiebke Ramm, München
Angeklagte Susanne G. im Oberlandesgericht München

Angeklagte Susanne G. im Oberlandesgericht München

Foto: Sven Hoppe / dpa

Susanne G. ist eine zierliche Frau mit grauem, schulterlangem Haar. Sie ist 55 Jahre alt, Heilpraktikerin, verheiratet, Mutter zweier Söhne und nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft eine gewaltbereite Rechtsextremistin.

Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau aus dem Landkreis Nürnberger Land kurz davor stand, einen Anschlag auf Polizisten, Kommunalpolitiker oder Muslime zu verüben. Anschlagsopfer soll sie bereits ausgespäht haben. Seit Donnerstag muss sie sich vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts (OLG) München wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, Störung des öffentlichen Friedens und Bedrohung verantworten.

Bei Amazon kaufte sie ein »Lehrbuch für Profikiller«

»Die Angeklagte vertritt eine von nationalsozialistischen und rassistischen Überzeugungen geprägte Ideologie«, heißt es in der Anklage, die Staatsanwalt David Rademacher an diesem Tag im Hochsicherheitssaal in München-Stadelheim vorträgt. »Der Staats- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland steht sie feindlich gegenüber. Personen ausländischer Herkunft, Juden und Muslime lehnt sie ab.«

Im Mai 2020 kaufte Susanne G. laut Anklage bei Amazon ein »Lehrbuch für Profikiller« sowie die Bücher »Die Autobombe. Kenne Deinen Gegner« und »Sprengstoffe und Sprengstoffanschläge«. Dem Buch »Die Autobombe« soll sie eine Anleitung zum Bau einer sogenannten Benzinhandbombe entnommen haben. Die Materialien dafür fanden die Ermittler nach ihrer Festnahme im September 2020 in ihrem Jeep Cherokee.

Im Fußraum des Beifahrersitzes lagen ein Zehn-Liter-Kanister mit Benzin, Zündschnüre, drei Gaskartuschen mit einem Propan-Butan-Gemisch, Feuerwerkskörper, vier leere Plastikflaschen, Sturmstreichhölzer und Einweghandschuhe. Im Auto fanden die Ermittler auch Kabelbinder, eine schusssichere Weste, einen Elektroschocker, Handschellen, einen Schlagstock, ein Springmesser und eine Schleuder mit Stahlkugeln. In der Mittelkonsole lag eine Sturmhaube.

Im Umschlag liegt eine Patrone

Zuvor soll Susanne G. sechs Drohbriefe an eine islamische Gemeinde, einen Flüchtlingshilfeverein und zwei Kommunalpolitiker verschickt haben.

Der Landrat des Landkreises Nürnberger Land erhält Anfang Dezember 2019 eine Beileidskarte, darauf die Worte »Juden- und Ausländerfreund, erschossen auf der Terrasse« – eine deutliche Anspielung auf den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Es gibt auch Drohanrufe von einer Telefonzelle aus, einmal schweigend, einmal mit der Ansage: »Wir kriegen deinen Mann!« Den Anruf hat die Mutter des Landrats entgegengenommen, die Anruferin verwechselte sie offenbar mit dessen Frau. Im März 2020 kommt die nächste Drohung. Diesmal liegt eine Gewehrpatrone im Umschlag und eine Karte mit den Worten »Letzte Warnung!«.

Auch der Bürgermeister der mittelfränkischen Marktgemeinde Schnaittach wird im Januar 2020 bedroht: Auch er bekommt Anrufe und eine Beileidskarte mit den Worten »Juden- und Ausländerfreund«, im Umschlag Pistolenmunition. Im März 2020 kommt wieder Post. »Letzte Warnung!« muss auch er lesen. Wieder liegt der Karte scharfe Munition bei.

Plötzlich verschwindet sie

Im selben Monat erhält die türkisch-islamische Gemeinde im mittelfränkischen Röthenbach eine Gutscheinkarte mit dem Aufdruck eines Schweinekopfs, darin der Satz: »Ihr werdet niemals sicher sein!« Im Umschlag ist eine Pistolenpatrone. Ein Verein der Flüchtlingshilfe bekommt ganz ähnliche Post.

Ende März 2020 wird Susanne G.s Haus und Praxis durchsucht. Neben NS-Devotionalien sollen die Ermittler unter anderem weitere Grußkarten gefunden haben. In Untersuchungshaft kommt Susanne G. damals nicht. Doch die Behörden behalten sie im Blick – bis sie im August 2020 plötzlich verschwindet.

Am 6. September 2020 soll die Frau unter falschem Namen in einem Hotel in Fürth eingecheckt haben. Am 7. September wird sie festgenommen, als sie das Hotel verlässt. Seither sitzt Susanne G. in Untersuchungshaft.

Nach Überzeugung der Bundesanwaltschaft war Susanne G. bereit, »Tötungsdelikte nicht nur anzudrohen, sondern auch durchzuführen«. Ihre potenziellen Tatopfer soll sie bereits ausgespäht haben. So soll sie im Sommer 2020 die Privatautos und einige Wohnungen von mehr als einem Dutzend Polizisten ausgekundschaftet haben. Auch detaillierte Informationen über Gebetszeiten einer Moschee soll sie bereits gesammelt haben.

Verbindung zum NSU-Umfeld

Susanne G. hört sich das alles mit gesenktem Blick und Maske im Gesicht an. Neben ihr sitzen die in der Szene bekannten Verteidiger Nicole Schneiders und Wolfram Nahrath. Im Prozess um die rechtsterroristische Vereinigung »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU) hatten sie den Angeklagten Ralf Wohlleben verteidigt. Dieser wurde 2018 vom Staatsschutzsenat des OLG München wegen Beihilfe zu neun Morden des NSU verurteilt.

Doch Susanne G.s Verteidigerwahl ist nicht ihre einzige Verbindung zum NSU-Umfeld.

Wohlleben hat der Heilpraktikerin Briefe geschrieben, als er in Haft saß. Briefverkehr hatte Susanne G. auch mit André E. Ihn soll sie nach dem NSU-Urteil sogar aus der Justizvollzugsanstalt abgeholt haben. E. wurde damals wegen Unterstützung des NSU-Terrortrios verurteilt, der Haftbefehl gegen ihn wurde aufgehoben.

Es sollen eine ganze Menge Briefe sein. So sagt es Nebenklagevertreter Harald Straßner. Er vertritt im Prozess den bedrohten Landrat. Straßner hat Zweifel daran, dass Susanne G. allein gehandelt hat. »Das ist keine Einzeltäter-Geschichte«, sagt er. Er vertraut darauf, dass der Prozess Aufklärung bringt, ob die 55-Jährige womöglich Teil eines Netzwerks ist.

Neben Susanne G.s Nähe zum NSU-Umfeld ist auch ihr Engagement für die rechtsextremistische Kleinstpartei »Der III. Weg« bekannt. Klaus Armstroff, der Parteivorsitzende, sitzt an diesem Tag als Zuschauer im Saal.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, bei Susanne G. sei auch eine Schablone gefunden worden, die zu den Schriftzügen auf den Drohkarten passe. Tatsächlich hat sich bei den Ermittlungen herausgestellt, dass sie nicht passte. Wir haben die entsprechende Stelle im Text entfernt.

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