Frauen versetzten sich Stromstöße "Als würde mein Gehirn brennen"

Ein 30-Jähriger überredete im Internet Dutzende Frauen zu lebensgefährlichen Experimenten mit Stromschlägen. Vor Gericht haben nun zwei Betroffene erzählt, wie sie auf ihn hereinfielen.

Angeklagter bei Prozessauftakt: "Ich wollte nur sagen, dass das ein moralischer Fehler und schlecht war"
Sven Hoppe/dpa

Angeklagter bei Prozessauftakt: "Ich wollte nur sagen, dass das ein moralischer Fehler und schlecht war"

Von Wiebke Ramm, München


Das Video ist schwer zu ertragen. Eine 22-Jährige zögert, ihr ist die Angst anzusehen, sie schließt die Augen. Dann hält sie sich zwei Löffel an ihre Schläfen, an den Löffeln sind Kabel befestigt. Das Videobild bleibt stehen. Die Sicherung ist rausgeflogen, die Internetverbindung unterbrochen. David G., der das Video aufzeichnet, sieht für den Moment nur noch ein Standbild. Doch er hat noch nicht genug.

Der 30-jährige IT-Fachmann ist wegen versuchten Mordes in 88 Fällen angeklagt. Er soll Dutzende Mädchen und Frauen unter Vorspiegelung falscher Tatsachen dazu gebracht haben, sich Stromschläge zuzufügen. Er schaute ihnen per Skype dabei zu. Die damals 22-jährige Studentin aus Gießen leidet bis heute unter den Folgen.

Die junge Frau nimmt als Nebenklägerin am Prozess vor dem Landgericht München II teil. An diesem Tag sagt sie als Zeugin aus, das Gericht lässt das Video der vermeintlichen wissenschaftlichen Studie abspielen.

Kurz nachdem sie die Sicherung wieder eingesetzt hat, meldet sich die junge Frau in dem Videochat zurück. "Ich habe einen Stromschlag erhalten", sagt sie in die Kamera ihres Laptops. Es habe einen Kurzschluss gegeben. David G. antwortet schriftlich. "Wie hat sich das für Sie angefühlt?" "Ich bin ein bisschen zittrig, es kribbelt alles in meinem Körper", sagt sie und steht sichtlich unter Schock.

David G. bittet sie, den Versuch zu wiederholen. Er schreibt: "Feuchten Sie dafür Ihre Schläfen etwas an." "Anfeuchten?", fragt die Frau. Ihr Blick ist voller Angst. Sie atmet tief durch. "Das kostet viel Überwindung", sagt sie. Die Studentin zögert. Dann hält sie wieder die Löffel in der Hand. Sie schließt die Augen, atmet laut.

Im Gerichtssaal sitzt David G. auf der Anklagebank. Er blickt zu Boden.

Im Video schickt die junge Frau ihm gerade ihre Adresse, "nur mal zur Sicherheit", für den Fall, dass sie hinterher tot in ihrer Wohnung liege. Dann schließt sie wieder die Augen, hebt die Löffel. Plötzlich sagt sie: "Ich glaube, ich mache es an den Füßen." Kurz darauf bricht David G. die Skype-Verbindung ab.

"Schon erschreckend, wozu ich bereit war und wie naiv ich da war", sagt die Zeugin vor Gericht. Sie hatte im Juni 2017 über eine Internetanzeige nach einem Job gesucht. Sie bekam eine Nachricht von David G. "Er hat gesagt, er sei Arzt." Ob sie Interesse an einer Studie habe. Sie machte mit, weil sie Geld brauchte.

Dann schildert sie den Moment des Stromschlags. "Ich bin zusammengesackt. Mir wurde schwarz vor Augen. Es hat sich angefühlt, als würde mein Gehirn brennen."

In der Psychiatrie habe ihr keiner geglaubt

Sie sagt auch, dass sie seit ihrer Jugend an einer psychischen Krankheit leide. Die Krankheit trete in Schüben auf. Vier Monate nach dem Stromschlag hatte sie wieder eine psychotische Episode. Sie ließ sich in einer Klinik behandeln.

Der Richter fragt, ob sie in der Klinik erzählt habe, was ihr passiert sei. Die Zeugin lacht. Ja, sie habe es versucht. "Aber wenn man in der Psychiatrie sagt, ein Arzt hat einen aufgefordert, sich Stromschläge zu verpassen, dann glaubt einem das natürlich keiner."

Der Staatsanwalt fragt, wie es ihr heute gehe. "Bei jeder Panikattacke spüre ich wieder diesen elektrischen Schmerz", sagt sie. Es belaste sie sehr.

Sie berichtet, dass die Eltern von David G. ihr einen Brief geschrieben hätten. "Das war zu viel für mich." Sie habe ihn nur überflogen. Sie nahm zur Kenntnis, dass die Eltern schrieben, ihr Sohn habe das Asperger-Syndrom. Als Entschuldigung lässt sie das nicht gelten. "Ich musste darüber lachen." In ihrem Bekanntenkreis gebe es auch Menschen, die an dieser Form von Autismus litten. Daher wisse sie: "Auch Asperger-Autisten haben einen Sinn dafür, was richtig oder falsch ist."

David G. möchte sich vor Gericht persönlich bei ihr entschuldigen. Doch sie will das nicht. "Ich möchte mir das nicht anhören."

Er stellte 3000 Euro in Aussicht

Zuvor hatte an diesem Tag eine andere Betroffene ausgesagt. Nathalie P., 27, lebt in Berlin und promoviert in Biologie. Im November 2015 suchte auch sie über eine Internetanzeige nach einem Job. David G. gab sich ihr gegenüber als Mitarbeiter der Charité aus. Rund 3000 Euro stellte er in Aussicht. Seine Anweisungen befolgte auch sie.

David G. hat auch in diesem Fall die Stromschläge mitgeschnitten. Auf dem Video ist zu sehen, wie die Zeugin mit einem Nagel an einer Steckdose hantiert und mit einem Metalllöffel an ihrem nackten Fuß. Dann ist ein Schrei zu hören.

Der Schock steht ihr ins Gesicht geschrieben. "Und das ist nicht gesundheitsschädigend?", fragt sie im Video. Die Antwort: "Keine Sorge, das wirkt sich nicht auf Sie aus." David G. fragt, ob sie ein Problem damit hätte, den Versuch an ihren Schläfen zu wiederholen. "Ja, definitiv", schreibt sie. Wenig später bricht David G. die Skype-Verbindung ab.

"Ja", sagt sie vor Gericht und lacht: "Ich habe einen ziemlich starken Stromschlag abgekriegt. Es tat echt weh." Sie habe das Gefühl gehabt, ihr ganzer Körper bäume sich auf. "Ich konnte nicht mehr atmen."

Hinterher sei auch ihr klar geworden, dass sie sich 220 Volt durch den Körper gejagt habe. "Da fällt einem schon auf, dass das eine echt doofe Idee war." Sie lacht. "Natürlich habe ich das keinem erzählt."

Sie nimmt die Entschuldigung an

Was sie sich vorgestellt habe, was bei den Stromversuchen passiere, fragt der Richter. "Mir war schon klar, dass Strom gefährlich ist", sagt sie, "dass Kinder ihre Finger nicht in die Steckdose stecken sollen. Aber mir war nicht bewusst, was da alles passieren kann."

Sie nimmt die Entschuldigung von David G. an. "Ich wollte nur sagen, dass das ein moralischer Fehler und schlecht war", sagt er zu ihr. "Ich möchte mich wirklich bei Ihnen entschuldigen." Der Richter hatte der Zeugin gesagt, dass sie auf die Worte nicht reagieren müsse, wenn sie nicht wolle. Nathalie P. aber sagt: "Ich finde es stark, dass die Entschuldigung kommt."



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.