Blutverdünner an Schwangere Hebamme zu 15 Jahren Haft verurteilt

Mit einem Blutverdünner soll Regina K. Schwangere absichtlich in Lebensgefahr gebracht haben. Ein Gericht hat die Hebamme nun zu einer langen Haftstrafe verurteilt - die 35-Jährige will das Urteil anfechten.

Regina K. beim Prozessauftakt im Januar
DPA

Regina K. beim Prozessauftakt im Januar


Das Landgericht München I hat eine Hebamme wegen siebenfachen versuchten Mordes an werdenden Müttern zu 15 Jahren Haft verurteilt. Außerdem verhängte das Gericht ein lebenslanges Berufsverbot gegen die Frau. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Regina K. ihren Opfern vor einem Kaiserschnitt Blutverdünner verabreicht hatte.

Die Patientinnen hätten "insbesondere in der geschützten, klinischen Umgebung" keinen Angriff auf ihr Leben erwartet, sagte der Vorsitzende Richter des Schwurgerichtes. Das habe die Angeklagte bewusst ausgenutzt, um Frust abzubauen. "Sie war verärgert über die aus ihrer Sicht fehlende Wertschätzung und Anerkennung. Mit der Schaffung von Krisensituationen wollte sie ihren Ärger abreagieren."

Die gebürtige Gießenerin, die bei ihrer Ausbildung an der Hebammen-Schule in Kiel als eine der Klassenbesten abschnitt, soll den Frauen im Münchner Klinikum Großhadern und im Krankenhaus im hessischen Bad Soden im Taunus vor Kaiserschnitten das Mittel Heparin verabreicht haben. Ohne Notoperationen wären die Schwangeren laut Staatsanwaltschaft gestorben, eine der Frauen brauchte 44 Bluttransfusionen und kann seit dem Vorfall keine Kinder mehr bekommen.

Taten als "Demonstration einer Überlegenheit"

"Das sollte eigentlich der schönste Tag des Lebens werden, aber es wurde der schlimmste", zitierte der Vorsitzende Richter die Aussage eines betroffenen Elternpaares. In einem Fall gab die Hebamme demnach einer Frau kurz vor der Geburt Heparin, das unter anderem nach Fehlgeburten verabreicht wird - oder zur Abtreibung, aber "unter keinen Umständen Schwangeren".

Die Staatsanwaltschaft und die Vertreter der betroffenen Frauen hatte eine lebenslange Haftstrafe sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Die Motive der Frau sollen laut Anklage die "Aufwertung ihres Selbstwertgefühls" und "insgeheime Demonstration einer Überlegenheit" gewesen sein (mehr über den Fall lesen Sie hier).

Die Anwälte der Frau hatten auf Freispruch plädiert, da die Angeklagte für die Taten nicht verantwortlich sei. Ihr Anwalt Hermann Kühn kündigte Rechtsmittel an. "Wir werden das Urteil anfechten und weiterhin dafür streiten, dass unsere Mandantin sich letztlich von diesem Makel befreien kann", sagte er.

Zu Beginn des Prozesses hatte die Hebamme nach Angaben einer Gutachterin nicht erklären können, warum sie die schwangeren Frauen in Lebensgefahr gebracht habe. Die Angeklagte habe sich selbst als zuverlässig und wissbegierig beschrieben, sagte die Psychiaterin vor dem Landgericht München. Sie sei eine "Kämpfernatur", habe sie auf die Frage erwidert, warum sie sich in depressiven Phasen nicht um eine Therapie bemühte.

Die Angeklagte, Tochter einer Arzthelferin und eines Lehrers, ist nach Aussagen der Gutachter als Frühchen mit leichter Behinderung zur Welt gekommen. Hebamme sei ihr Wunschberuf gewesen, versicherte die 35-Jährige. Ihre einzige Beziehung zu einem Mann im Alter von 20 oder 21 Jahren hielt demnach nur wenige Monate. Sie habe sich selbst ein bis zwei Kinder gewünscht.

HEPARIN
    Heparin hemmt die Blutgerinnung. Unter anderem bekommen Patienten Heparin gespritzt, wenn sie eine Thrombose (Blutgerinnsel) haben oder diese verhindert werden soll. Auch beim Herzinfarkt oder bei einer Lungenembolie (Verstopfung in einer Lungenarterie) wird es eingesetzt. Nierenkranke, die regelmäßig zur Dialyse müssen, erhalten es ebenfalls.
  • Genaugenommen gibt es nicht ein Heparin, sondern verschiedene. In der Therapie werden deshalb das sogenannte unfraktionierte hochmolekulare Heparin sowie das niedermolekulare fraktionierte Heparin unterscheiden.
  • Eine Behandlung mit Heparin kann unter anderem eine sogenannte Thrombozytopenie (kurz HIT) auslösen: Die Zahl der für die Gerinnung wichtigen Blutplättchen sinkt rapide. Paradoxerweise führt dies nur selten zu Blutungen, aber oft zu Gefäßverschlüssen. Dies kann im schlimmsten Fall tödlich enden.
  • Mögliche allergische Reaktionen auf Heparin sowie ein erhöhtes Osteoporose-Risiko bei längerer Gabe sind weitere unerwünschte Nebenwirkungen.
Bei einer Periduralanästhesie (PDA) im Rahmen eines Kaiserschnitts wird Heparin nicht eingesetzt.

mxw/AFP/dpa

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