Frauen versetzten sich Stromstöße Falscher Arzt wegen versuchten Mordes vor Gericht

Er gab sich als Wissenschaftler oder Professor aus: In München steht ein 30-Jähriger vor Gericht, weil er Dutzende Frauen zu lebensgefährlichen Experimenten mit Stromschlägen überredete - und per Skype zusah.

Angeklagter mit Anwälten vor Gericht: Lebensgefährliche Stromexperimente
Sven Hoppe/ DPA

Angeklagter mit Anwälten vor Gericht: Lebensgefährliche Stromexperimente

Von Wiebke Ramm, München


Schon als Kind soll David G. mit Strom experimentiert haben. Inzwischen ist er 30 Jahre alt und IT-Fachmann. Doch Elektrizität bestimmt weiterhin sein Leben. Mindestens 79 Mädchen und junge Frauen aus ganz Deutschland soll er dazu gebracht haben, sich zum Teil mehrfach lebensbedrohliche Stromstöße zuzufügen. David G. soll ihnen per Skype dabei zugeschaut haben.

Wegen versuchten Mordes in 88 Fällen muss sich David G. vor der 1. Großen Strafkammer des Landgerichts München II verantworten. "Steckdosen-Sadist" hat ihn eine Boulevard-Zeitung genannt. Doch der Fall ist komplexer.

Nach SPIEGEL-Informationen hat der Angeklagte das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Im Oktober wurde er aus der Untersuchungshaft in eine psychiatrische Klinik verlegt. Außerhalb des Saales sagt Verteidiger Klaus W. Spiegel über das Motiv seines Mandanten: "Es war sein Versuch, mit der Umwelt zu kommunizieren."

Die meisten mutmaßlichen Opfer von David G. waren zwischen 15 und 19 Jahre alt. Das jüngste Mädchen war 13, die älteste Frau 30 Jahre alt, als David G. sie dazu brachte, sich mit Stromstößen Schmerzen zuzufügen.

Die Frauen und Mädchen hatten über Anzeigen im Internet nach Jobs gesucht. David G. soll sie angeschrieben und sich als Wissenschaftler, Arzt oder Professor ausgegeben haben. Er soll behauptet haben, Teilnehmerinnen für eine medizinische Studie zu suchen. Die Versuche mit Stromstößen seien ungefährlich, habe er versichert, heißt es in der Anklage.

Teilweise halfen sogar die Eltern

Für die Teilnahme an der Studie soll David G. den Frauen eine Aufwandsentschädigung in Höhe von bis zu 1500 Euro in Aussicht gestellt haben. Zuvor hätten sie sich einem Eignungstest zu unterziehen, bei dem ihre Schmerzempfindlichkeit geprüft würde.

Mit dieser Apparatur sollen sich Frauen auf Anweisung des Angeklagten Stromstöße versetzt haben (Archiv)
Polizeipräsidium Oberbayern Nord/ DPA

Mit dieser Apparatur sollen sich Frauen auf Anweisung des Angeklagten Stromstöße versetzt haben (Archiv)

David G. soll die Mädchen und Frauen angewiesen haben, sich bis zu 230 Volt durch den Körper zu jagen. Laut Anklage brachte er ein Mädchen nach dem anderen dazu, die Isolierung von Kabeln zu lösen, Drähte unter Strom zu setzen und sie sich an die nackten Füße zu halten. Er ließ sie demnach Nägel in Steckdosen stecken und sich Elektroden an die Schläfen halten. Er soll es sogar geschafft haben, dass Mütter, Väter, Lebensgefährten seiner mutmaßlichen Opfer bei den lebensgefährlichen Experimenten halfen. Ein Vater soll seiner 19-jährigen Tochter auf Anweisung des Angeklagten mehrfach mit einem Elektroschockgerät Stromschläge zugefügt haben. Die Tochter soll dabei massive Schmerzen erlitten haben.

Einige Frauen sollen sich den Versuchen verweigert und nur so getan haben, als täten sie, was David G. verlangte. Andere sollen die Prozedur auf Geheiß des Angeklagten mehrfach wiederholt haben. Nach Angaben des Staatsanwalts erlitten einige Frauen Krämpfe, Verbrennungen, Herzrasen. Einige sollen das Bewusstsein verloren haben.

"Die Geschädigten glaubten dem Angeklagten durchgehend, dass er Wissenschaftler sei und die Teilnahme an den in Aussicht gestellten Stromversuchen ohne Gefahr für ihre Gesundheit durchzuführen sei, weshalb sie sich bereit erklärten, an den Stromversuchen teilzunehmen", sagt der Staatsanwalt. Er sagt auch: "Dem Angeklagten war bewusst, dass die unmittelbare Zufuhr von Stromschlägen mit 230 Volt dazu geeignet war, Menschen zu töten."

Ein Mädchen kam ins Krankenhaus - so flog alles auf

Auch eine 16-Jährige aus Fürstenfeldbruck verlor das Bewusstsein, nachdem sie sich im Januar 2018 Strom durch ihren Körper gejagt hatte. "Nachdem sie das Bewusstsein wieder erlangte, wiederholte sie auf Aufforderung des Angeklagten hin die Stromzufuhr mindestens drei weitere Male, wobei sie jedes Mal erneut das Bewusstsein verlor", trägt der Staatsanwalt vor. Das Mädchen kam ins Krankenhaus. Dort erfuhren die Ärzte von den Stromexperimenten. Die Polizei wurde informiert. Im Februar 2018 wurde David G. in seiner Wohnung im Raum Würzburg festgenommen.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll es David G. sexuell erregt haben, wenn sich seine Opfer Stromstöße zufügten. "Sowohl die Zufügung von Schmerzen mittels elektrischem Strom als auch nackte Füße an sich sowie Fesselungen sind ein Fetisch des Angeklagten." David G. habe die Taten als Video aufgenommen, um sich jederzeit erneut sexuell stimulieren zu können und die Videos im sogenannten Darknet zu verkaufen. David G. schüttelt den Kopf. Es ist das erste Mal, dass er vor Gericht eine Reaktion zeigt.

Vermindert schuldfähig?

Nach Verlesung der Anklage kündigt sein Verteidiger eine Erklärung für seinen Mandanten an. Zuhörer und Journalisten hören sie nicht. Auf Antrag der Verteidigung wird die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der Vorsitzende Richter Thomas Bott begründet es damit, dass "das Sexualleben beziehungsweise intime Wünsche" des Angeklagten zur Sprache kämen.

Gerichtspsychiater Henning Saß hat David G. begutachtet. Nach Angaben von Verteidiger Spiegel hat Saß die Diagnose eines Asperger-Syndroms bestätigt. Saß sei in seinem vorläufigen Gutachten zu dem Ergebnis gekommen, dass bei dem Angeklagten aufgrund seiner Erkrankung von einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit auszugehen ist. Das hieße, dass David G. zwar gewusst hat, dass es Unrecht ist, was er tat, es ihm krankheitsbedingt aber nur sehr schwer möglich war, nach dieser Einsicht zu handeln und damit aufzuhören.

Psychiater Saß soll bei David G. von einer hohen Rückfallgefahr ausgehen. Erst durch eine langwierige Therapie könne die Gefahr möglicherweise verringert werden. Das Gericht folgte der Einschätzung des Gutachters und ordnete David G.s einstweilige Unterbringung in der Psychiatrie an. Es ist ein Hinweis darauf, dass auch die Richter davon ausgehen, dass David G. nur vermindert schuldfähig ist.

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