Prozess in München Gerast, Porsche geschrottet - jetzt muss die Versicherung zahlen

Ein Porschefahrer rast über eine Landstraße, um einen Audi abzuhängen - und verursacht einen schweren Unfall. Trotz des unverantwortlichen Verhaltens ein Fall für die Versicherung, befand das Oberlandesgericht München.

Anwalt Heiko Granzin (l.) mit seinem Mandanten Dirk V.
Florian Reil/DPA

Anwalt Heiko Granzin (l.) mit seinem Mandanten Dirk V.

Von , München


Dirk V. will sich nicht verstecken. Offen spricht er vor dem Münchner Oberlandesgericht mit den anwesenden Journalisten. Natürlich dürfe man ihn fotografieren. "Ich habe einen sehr schlimmen Fehler gemacht. Aber ich habe dafür gebüßt", sagt der IT-Abteilungsleiter.

Etwas mehr als fünf Jahre ist der Tag her, an dem bei V. seinem Anwalt zufolge "aufgrund einer Midlife-Crisis das Testosteron mit ihm durchging". Dirk V. raste mit seinem Porsche 911 Carrera über eine kurvige Landstraße in der Nähe von Neunkirchen-Seelscheid (Rhein-Sieg-Kreis).

Der heute 49-Jährige wollte sich, so sehen es zumindest mehrere Gerichte, von einem Audi R8 absetzen und fuhr deswegen extrem schnell. Erlaubt war Tempo 70, V. war mindestens doppelt so schnell unterwegs. Der Audi hielt über mehrere Kilometer dagegen. In einer Kurve verlor V. die Kontrolle über seinen Porsche, geriet auf die Gegenspur und prallte dort mit einem unbeteiligten Auto zusammen. Dessen Fahrer verletzte sich schwer, erlitt diverse Brüche und soll bis heute gehbehindert sein. Auch Dirk V. wurde damals schwer verletzt.

Strafrechtlich ist der Fall längst aufgearbeitet. Das Amtsgericht Siegburg verurteilte Dirk V. wegen fahrlässiger Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren. V. musste 30.000 Euro zahlen und kassierte ein zweijähriges Fahrverbot. "Dass sein 127.000 Euro teurer Sportwagen nur mehr Schrott war, war damals wohl seine geringste Sorge," sagt Anwalt Heiko Granzin.

Versicherung bei grober Fahrlässigkeit

Doch zumindest sei er gut versichert, dachte Dirk V. damals. Denn er hatte bei Generali eine besondere Vollkasko-Versicherung für seinen Porsche abgeschlossen. Das damalige Premium-Angebot griff nicht nur bei Fahrlässigkeit, sondern auch bei "grober Fahrlässigkeit". Nur Vorsatz und Unfälle während eines Autorennens waren ausgeschlossen.

Doch genau ein solches habe es gegeben, argumentierte Generali und verweigerte deshalb den Versicherungsschutz. Dirk V. verklagte die Versicherung vor dem Landgericht München und gewann. Die Richter vermochten weder Vorsatz seitens V. noch ein Rennen mit dem Audi-Raser zu erkennen. Doch die Versicherung ging in Berufung - und hat nun erneut verloren. Das Oberlandesgericht bestätigte das Urteil der ersten Instanz. Generali muss V. nun rund 82.200 Euro bezahlen.

Die Generali-Anwältin sprach von einer "Belohnung" für einen Mann, der wegen seines riskanten Fahrstils einen anderen schwer verletzt habe. Sie hatte argumentiert, beide Raser seien damals wie "die Henker gefahren". Die Männer hätten sich gegenseitig angespornt, schneller zu fahren. Sie unterstellte V. Vorsatz: "Er hätte längst vor der Kurve bremsen können, dann wäre nichts passiert."

Vorsatz konnte das Oberlandesgericht aber ebenso wenig erkennen wie zuvor das Landgericht. V. habe glaubhaft versichert, "dass er weder sich noch sein Auto gefährden wollte", sagte der Vorsitzende Richter Franz Tischler. V. habe im Kurveneingang "den Fuß vom Gas genommen." Das Gericht stützt sich bei seiner Einschätzung auf einen Sachverständigen. Ihm zufolge konnte V. nicht klar erkennen, dass ein Durchfahren der Kurve mit dieser Geschwindigkeit unmöglich gewesen wäre. Dem Gericht zufolge handelte V. "grob fahrlässig". Damit war sein Verhalten von der Versicherung gedeckt.

"Ich erwarte, dass er sich künftig im Straßenverkehr wie ein Engel bewegt"

Auch ein Rennen vermochten die Richter nicht zu erkennen. Dirk V. sei es schließlich ebenso wie dem Audi-Fahrer nicht darum gegangen, Höchstgeschwindigkeiten zu erreichen und als Erster ein bestimmtes Ziel zu erreichen. "Es wurden nicht etwa die Scheiben runtergemacht und eine Vereinbarung getroffen, dass man jetzt Gas gibt." Auch habe es keine Überholmanöver gegeben, sagte Richter Tischler. Es sei V. nur darauf angekommen, den Audi abzuhängen.

Das Gericht legte Wert darauf, dass man den Fall nicht mit dem illegalen Autorennen von Berlin, bei dem ein unbeteiligter Rentner starb, vergleichen könne. Doch auch Richter Tischler betonte, welch schreckliche Folgen das Fehlverhalten des Gutverdieners gehabt habe. "Er hat einen anderen Menschen für sein Leben gezeichnet", sagte er. Aber dies änderte nichts an seiner rechtlichen Bewertung.

Eine Revision ließ das Gericht nicht zu. Doch das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Die Anwältin der Versicherungsgruppe mit Sitz in München schließt nicht aus, das Urteil vor dem Bundesgerichtshof anzufechten.

Richter Tischler gab V. mahnende Worte mit auf den Weg. "Ich erwarte, dass er sich künftig im Straßenverkehr wie ein Engel bewegt." Dirk V. hat dies nach eigenen Angaben längst verinnerlicht. Er fährt mittlerweile einen Mazda - nach München kam er gleich mit dem Zug.



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