Schwierige Definition Was ist Terror? Was ist Amok?

Nach der Bluttat von München wurde die Tat zunächst als Terrorakt bezeichnet, nun ist von Amok die Rede. Die Abgrenzung der Begriffe ist nicht einfach - dürfte in diesem Fall aber möglich sein.
Gedenken an die Opfer am Olympia-Einkaufszentrum

Gedenken an die Opfer am Olympia-Einkaufszentrum

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

Die Sprachverwirrung beginnt mit einer Eilmeldung. Nach der Schießerei im Olympia-Einkaufszentrum erklärt die Münchner Polizei am Freitagabend um 19.22 Uhr: "Wir gehen von einem Amoklauf aus." Um 20.24 Uhr kommt dann die Warnung vor einer "akuten Terrorlage". Die Beamten gehen zu diesem Zeitpunkt davon aus, dass sie es mit drei Attentätern zu tun haben. Diese scheinen noch in der Stadt unterwegs, ausgerüstet mit "Langwaffen", wie die Ermittler es nennen - also Gewehre zum Beispiel.

Terror oder Amok. Das ist die Frage.

Terror - das ist ein großer Begriff. Aber er scheint zu diesem Zeitpunkt gerechtfertigt. Denn München ist in Angst. Gerüchte über weitere Schießereien im Stadtgebiet machen die Runde. Bürger öffnen ihre Türen, um Menschen Schutz zu bieten. Auch die Staatskanzlei ist dabei, der Landtag, die Türkisch-Islamische Gemeinde.

Über das Smartphone-Warnsystem Katwarn werden die Menschen aufgefordert, ihre Wohnungen nicht zu verlassen. Die Stadt hat den sogenannten Sonderfall ausgerufen - hier allerdings mit der Begründung "Amoklage".

Terror oder Amok? Das scheint die Frage.

Terror, so hat Jakob Augstein vor wenigen Tagen auf SPIEGEL ONLINE geschrieben, sei ein politischer Begriff - und Amok ein psychologischer. An diesem Freitagabend kommen beide vor. Doch vom Terror ist öfter die Rede. Kein Wunder, so kurz nach dem Anschlag von Nizza, nach der Axt-Attacke im Regionalzug bei Würzburg.

Wobei: Schon die Axt-Attacke hatte Innenminister Thomas Maizière wohlüberlegt "im Grenzgebiet zwischen Amoklauf und Terror" eingeordnet. Auch ein Weg, sich rhetorisch nicht festlegen zu müssen. Vielleicht ja ein guter.

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Gewalttat in München: Schrecken am Olympia-Einkaufszentrum

Foto: Matthias Balk/ dpa

Auf die Art der Bewaffnung bezieht sich Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins, als er am Freitagabend vor die Presse tritt. Er wird in dieser Nacht noch viel auf nüchterne, unaufgeregte Art erklären - und sehr viel Lob dafür bekommen. Im Gespräch wird er gefragt, ob der Begriff "Terror" tatsächlich angebracht sei. Seine Antwort: Wenn jemand mit einer Langwaffe in ein Einkaufszentrum gehe, sei es durchaus gerechtfertigt, einen Terrorfall anzunehmen. Da müsse man sich "einfach mal ein bisschen zurückerinnern", was die letzten Wochen in Europa passiert sei.

Im Fernsehen erklärt Kanzleramtsminister Peter Altmaier am Freitagabend: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Terroristen ihr Ziel erreichen, nämlich unsere Gesellschaft zu verunsichern." Er ist einer der wenigen Politiker, die überhaupt bereit sind, sich in dieser unklaren Lage vor einer Kamera zu äußern. Dass es sich nur um einen Täter handelt, kann Altmaier zu diesem Zeitpunkt nicht wissen. Genauso wenig, wie Polizist da Gloria Martins um die gar nicht vorhandenen "Langwaffen" wissen kann.

Video - die Erkenntnisse der Polizei:

SPIEGEL ONLINE

Das alles wird erst tief in der Nacht klar. Die Ermittler haben sich nun auf einen Einzeltäter mit einer Pistole festgelegt, der - so wie seine neun Opfer - nicht mehr am Leben ist. Ob die Polizei von einem Terrorakt oder einem Amoklauf ausgehe, wird Polizeipräsident Hubertus Andrä auf der nächtlichen Pressekonferenz gefragt. Er umschifft die rhetorische Klippe: "Wir gehen momentan von einer Schießerei aus."

Terror oder Amok? Vielleicht ist das gerade unwichtig.

Zehn Menschen sind tot. Warum, das ist schwer zu verstehen. Andrä sagt: Die Ermittler werden ihren Job tun und ermitteln. Dann wird man weitersehen. Gleichzeitig treffen internationale Solidaritätsbekundungen ein. Frankreichs Präsident Hollande etwa spricht von einem "terroristischen Anschlag".

Warum, scheint klar: Gegen Terrorismus kann die Politik Aktionismus zeigen. Sie kann - oft kontroverse - Gesetze erlassen, kann die Sicherheitsbehörden stärken. Gegen Amokläufe ist dagegen nicht allzu viel zu tun. Die Polizei ist bestenfalls nicht kaputt zu sparen, damit sie im Fall der Fälle richtig eingreifen kann. Als Macher in Szene setzen kann sich ein Politiker so aber schwerlich.

In den öffentlichen Statements vom Samstagmorgen ist dann nicht mehr von Terror die Rede. Polizeipräsident Andrä sagt auf einer Pressekonferenz am Mittag, der Täter habe sich intensiv mit dem Thema Amok beschäftigt, das zeige die Hausdurchsuchung. Die Staatsanwaltschaft spricht von einem "klassischen Amoktäter".

Terror oder Amok? Die Frage scheint beantwortet.

Für den Begriff Amok - er stammt wohl vom malaiischen Wort "amuk" ab, das "wütend" oder "rasend" bedeutet, oder aber von einem Kriegsruf javanischer und malaiischer Kämpfer "Amok! Amok!" - gibt es Definitionen. Etwa die - in der Praxis nicht unumstrittene - Version der Weltgesundheitsorganisation (WHO): "Eine willkürliche, anscheinend nicht provozierte Episode mörderischen oder erheblich destruktiven Verhaltens, gefolgt von Amnesie oder Erschöpfung. Viele Episoden gipfeln im Suizid."

Das Problem: Hier fehlt das Element der Vorplanung, das viele Taten auszeichnet, wie offenbar auch die des David S. in München. Vielleicht geeigneter scheint die pragmatische Begriffsklärung, die sich in den Polizeidienstvorschriften der Länder findet (PDV100): Eine Amoklage ist demnach dadurch gekennzeichnet, dass der Täter "anscheinend wahllos oder gezielt" mit "Waffen, Sprengmitteln, gefährlichen Werkzeugen oder außergewöhnlicher Gewaltanwendung" eine "in der Regel zunächst nicht bestimmbare Anzahl von Personen verletzt oder getötet hat" - oder wenn das zu erwarten ist.

Insofern war es konsequent, am Freitagabend in München von einer "Amoklage" zu sprechen. Doch wie lässt sich ein Amoklauf nun vom Terrorismus abgrenzen? Für diesen gibt es keine so einfache Definition. Der Begriff geht auf das régime de terreur zurück, die drakonische Herrschaft der Jakobiner im Frankreich nach der Revolution von 1789. Schon damals ging es um zwei Dinge: um politische Ziele - und um Gewalt.

Und so ist es geblieben - auch wenn die Frage, wer etwa Terrorist ist und wer Freiheitskämpfer, seit Jahrzehnten vom jeweiligen Standpunkt in einem politischen Konflikt abhängt. Eine allgemein akzeptierte Klärung des Begriffs kann es demnach kaum geben. Klar ist aber: Terrorismus hat etwas mit der Motivation des Täters zu tun, mit dem Willen, Angst zu verbreiten - und zwar mit einem ideologischen Hintergrund. Es geht um die Veränderung von Staat oder Gesellschaft. Bei David S. gibt es aus Sicht der Ermittler keine Hinweise darauf.

Ein Amokläufer hat keinen auch noch so dürftigen ideologischen Überbau. Forscher um Britta Bannenberg von der Universität Gießen haben gerade ein Forschungsprojekt zu Amokläufern abgeschlossen . Sie beschreiben die - überwiegend männlichen - Täter wie folgt: extrem kränkbar, aber nicht impulsiv. Sie fühlten sich oft gedemütigt und schlecht behandelt und würden lange über Rache nachsinnen.

Etwas flapsig zusammengefasst, könnte man es vielleicht so sagen: Amokläufer, wie offenbar David S. einer war, sind gekränkte, verwirrte Typen. Und Terroristen verwirrte Typen mit Sendungsauftrag.


Zusammengefasst: Für einen terroristischen Hintergrund der Bluttat von München gibt es keine Hinweise. Charakteristisch dafür wäre eine politische Motivation, auch wenn es keine universell anerkannte Terrorismusdefinition gibt. Amokdefinitionen gibt es - und sie passen auf die Geschehnisse von München sehr gut.

Chronologie: Junge Amokläufer in Deutschland

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