Frau mit Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom Gericht schließt Öffentlichkeit von Prozess aus

Aus krankhafter Zuneigung soll eine Mutter ihren kleinen Sohn fast getötet haben. Jetzt steht sie in Hamburg vor Gericht. Nach Verlesung der Anklage schlossen die Richter die Öffentlichkeit aus.

Angeklagte Mutter: Vermummt im Gerichtssaal
DPA

Angeklagte Mutter: Vermummt im Gerichtssaal


Vor dem Hamburger Landgericht hat der Prozess gegen eine 30 Jahre alte Mutter begonnen, die ihr Kind fast umgebracht haben soll. Die Frau habe ihrem dreijährigen Sohn Substanzen gespritzt, die mit Fäkalien, Speichel und Blumenwasser vermischt waren, heißt es in der Anklageschrift. Die Taten ereigneten sich nach Überzeugung der Ermittler über mehrere Monate hinweg im Jahr 2013.

Der Junge bekam demnach heftige Schmerzen, Fieberschübe und Abszesse, sein Blutdruck fiel ab, die Sauerstoffsättigung seines Blutes sank. Er lag zeitweise in Lebensgefahr auf der Intensivstation. Nach Verlesung der Anklageschrift schloss das Gericht die Öffentlichkeit von dem Verfahren aus.

"Kernbereich von Intimität"

Der Kammervorsitzende Heiko Hammann berief sich auf Paragraf 171a Gerichtsverfassungsgesetz. Demnach ist ein Prozess hinter verschlossenen Türen erlaubt, wenn die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus zur Diskussion steht. Hammann sagte, die Verhandlung berühre den "Kernbereich von Intimität". Zugleich machte er deutlich, dass sich das Gericht nicht auf einen Deal mit der Verteidigung einlassen wolle.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Angeklagte unter dem Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidet. Dabei macht ein Mensch einen anderen bewusst krank. Anschließend verlangt der Täter eine Behandlung für sein Opfer. Häufig sind es Mütter, die ihr Kind auf diese Weise schwer misshandeln. Die Frauen gerieren sich als Übermütter, die umsorgen, pflegen, fast verzweifeln. Beim Münchhausen-Syndrom fügen Menschen sich selbst Schaden zu.

Der Lügenbaron

Ihren Namen haben die Krankheiten von dem als Lügenbaron bekanntgewordenen Karl Friedrich Hieronymus Freiherr von Münchhausen (1720-1797). Der Baron aus Bodenwerder im Weserbergland soll gern Aufschneidereien erzählt haben, die von Autoren in späteren Jahren übertrieben dargestellt wurden.

In dem Prozess vor dem Landgericht, für den vier Verhandlungstage angesetzt sind, soll auch der Vater des Kindes als Zeuge aussagen. Das Paar lebt inzwischen getrennt, es hat noch zwei ältere Kinder. Die Mutter ist in Freiheit, weil sie nach Überzeugung des Oberlandesgerichts Hamburg keine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. Zum Prozessauftakt betrat die Frau mit schwarzen Tüchern vermummt den Saal.

Sollte die Mutter schuldig gesprochen werden, drohen ihr zwischen einem und 15 Jahren Haft - wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Verletzung der Erziehungspflicht. Mit einem Urteil wird Anfang Oktober gerechnet.

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom

sms/dpa

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