Prozess in Münster Der KZ-Wachmann, der von nichts gewusst haben will

Im KZ Stutthof wurden Menschen vergast, erschossen, gequält. Johann R. will als SS-Wachmann davon nichts mitbekommen haben. Vor Gericht spricht der 94-Jährige selbst - und wird von seinem Verteidiger gebremst.

Angeklagter im Landgericht Münster (Archivfoto)
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Angeklagter im Landgericht Münster (Archivfoto)

Von Wiebke Ramm, Münster


Johann R. bleibt dabei, er wusste von nichts. Er sei kein Nazi und nie einer gewesen. Über seine Zeit als SS-Wachmann im KZ Stutthof bei Danzig könne er wenig sagen. Vom massenhaften Morden will er nichts mitbekommen haben. Schon die Einlassung des 94-jährigen Angeklagten, die sein Verteidiger Andreas Tinkl für ihn vor dem Landgericht Münster vorgetragen hatte, warf Dutzende Fragen auf.

Nun hat sein Verteidiger erste Antworten verlesen. Was genau Johann R. in Stutthof getan und erlebt hat, bleibt allerdings auch nach diesem Verhandlungstag im Vagen.

"Über die Behandlung der Häftlinge im Lager selbst habe ich konkret nichts mitbekommen", lässt Johann R. mitteilen. Die vielen Toten habe er durchaus bemerkt, doch "woran die Häftlinge genau gestorben sind, kann ich nicht sagen". Damals sei er davon ausgegangen, dass "vor allem Krankheiten und Seuchen" zu ihrem Tod geführt hätten. "Sicher haben aber auch die allgemeinen Lebensumstände, ich meine Hunger und Kälte, dazu beigetragen."

Dass Menschen vergast wurden, dass sie erschossen wurden, dass sie zu Tode gequält wurden, erwähnt er nicht. Schon in seiner Ausbildung bei der SS habe er Gefangene gesehen, "die waren elend und unterernährt". Der Anblick habe ihn schockiert. "Ich habe deren schlechten Zustand auf die Behandlung durch die Nazis zurückgeführt." Die Nazis waren die anderen, der frühere SS-Mann zählt sich nicht dazu.

"Dazu kann ich nichts sagen"

Johann R. ist promovierter Betriebswirt, war Direktor einer Fachschule für Gartenbau in Nordrhein-Westfalen. Er stammt aus Sankt Georgen in Rumänien. "Es gab keine Hitlerjugend in Sankt Georgen. Ich hatte mit den Nazis keinerlei Berührungspunkte vor meiner Rekrutierung." 1942 wurde er als sogenannter Volksdeutscher zum Wehrdienst eingezogen. Nach einer Ausbildung bei der SS kam er als Wachmann ins KZ Stutthof. Dort blieb er zwei Jahre lang. Die Anklage lautet auf Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen.

Richter Rainer Brackhane hakt nach, fragt, wie die Gefangenen genau ausgesehen haben. Verteidiger Tinkl sagt: "Es geht um ihr abgemagertes Erscheinungsbild." "Ja, gut", sagt Richter Brackhane, "das ist nun Ihre Erklärung, nicht die von Herrn Dr. R." "Wenn er der Erklärung so zustimmt, dann wäre es seine", kontert Tinkl. Richter Brackhane fragt weiter, zitiert die Äußerung des Angeklagten, dieser habe den schlechten Zustand der Gefangenen auf "die Behandlung durch die Nazis" zurückgeführt. "Welche Kenntnisse hatten Sie denn von dieser Behandlung?", fragt er. Und dann spricht Johann R. auf einmal selbst.

"Dazu kann ich nichts sagen", sagt der 94-Jährige mit brüchiger Stimme. "Das Erscheinungsbild war da. Was dazu geführt hat, dazu kann ich nichts sagen. Es kann wirklich nur die Ernährung gewesen sein." "Haben Sie Kenntnisse darüber, wie die Häftlinge ernährt wurden?", fragt der Richter. "Nein, überhaupt nicht", sagt Johann R. Er will weiterreden, sein Anwalt hält ihn zurück.

Verteidiger sagt, Äußerungen seines Mandanten seien "mit Vorsicht zu genießen"

"Ich will kein Spielverderber sein", sagt Tinkl. Sein Mandant ist fast 95 Jahre alt, die Ereignisse, über die er sprechen soll, liegen mehr als 70 Jahre zurück, und dann sei da noch "der Druck der Hauptverhandlung". All dies führe dazu, dass spontane Äußerungen seines Mandanten "mit Vorsicht zu genießen" seien. Er verweist auf den medizinischen Sachverständigen, der dies bestätigt habe. Der Experte nickt.

Mit Vorsicht zu genießen - das könne nicht heißen, Johann R. gar nicht anzuhören, wenn er sich äußern will. So sieht es Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler. Tatsächlich ist Johann R. verhandlungsfähig. Zu diesem Ergebnis ist das Gericht gekommen, als es die Anklage zugelassen und die Hauptverhandlung eröffnet hat.

Sein Verteidiger zieht es dennoch vor, ihn nicht selbst zu Wort kommen zu lassen. Für den nächsten Verhandlungstag am kommenden Dienstag hat er weitere Antworten angekündigt.

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