Mordprozess gegen 18-Jährige Zitternd, weinend und dann völlig kalt

Eine 18-Jährige bringt brutal ihre 17-jährige Ex-Freundin um - aus enttäuschter Liebe. Vor Gericht schildern Notärzte und Polizisten, wie merkwürdig sie sich nach der Tat benahm.

Megi B. in Münster vor Gericht
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Megi B. in Münster vor Gericht

Von , Münster


Als Jose Manuel G. am Vormittag des 17. Oktobers 2015 in Senden auf dem Weg zur Arbeit war, sprach ihn eine weinende, zitternde, aufgeregte junge Frau mit blutverschmierten Händen an.

"Hast du Handy?"

"Ja."

Sie brauche Hilfe, sagte die junge Frau. Sie müsse die Polizei anrufen, ihr Handy-Akku sei leer. G. gab ihr sein Telefon. "Ist tot, ist tot", sagte die junge Frau - so schilderte G. es im Saal A23 des Landgerichts Münster.

Dort hat er die junge Frau nun wiedergesehen. Sie heißt Megi B. Die 18-Jährige ist angeklagt, ihre frühere Schulfreundin und Partnerin Melina R., 17, ermordet zu haben. Mehr als die wenigen Worte habe Megi B. nicht zu ihm gesagt, so der Zeuge. Man habe dagestanden und gemeinsam auf Polizei und Rettungswagen gewartet. Die Einsatzkräfte konnten nur noch Megi B. versorgen. Melina war tot.

Zum Prozessauftakt hatte die Angeklagte - sehr korpulent, aschblonde kurze Haare, Brille - ruhig, fast teilnahmslos geschildert, wie sie am fraglichen Morgen mit Melina unterwegs war . Wie sie dann an einer Straße in Senden Melina schubste, insgesamt 49-mal auf sie einstach, das Opfer einen Kellerabgang hinunterzerrte, dort auf die schreiende Melina eintrat und sie schließlich so lange würgte, bis Blut aus der Nase kam. Die Tat vom ersten Schubsen und Messerzücken bis zu Melinas Tod dauerte länger als eine Stunde.

Sie sei so wütend gewesen, sagte Megi B. Wütend, dass Melina die Beziehung am Valentinstag 2015 beendet hatte. Wütend, weil sie durch die Trennung den letzten Halt im Leben verloren hatte. Den hatten die Eltern Megi B. nie geben können: Der Vater gewalttätig, die Mutter eine Fremdgeherin. Zur Tatzeit lebte Megi B. mit Unterstützung von der Jugendgerichtshilfe, zu ihren Eltern hatte sie nur sporadisch Kontakt.

Tränen im Gesicht, Blut an den Händen

Die Polizei hielt Megi B.s Anruf nach der Tat zunächst für einen Scherz, zu konfus waren ihre Worte. Erst als Zeuge G. dem Beamten in der Telefonzentrale die Angaben der 18-Jährigen bestätigte, wurden Einsatzkräfte losgeschickt.

Der Polizist Daniel S. blieb am Tatort bei Megi B.; die 18-Jährige hatte gerötete Augen, ein tränenverschmiertes Gesicht, Blut an den Händen, sprach mit zittriger Stimme. "Sie war sehr durch den Wind und weinerlich", sagte der Beamte. Megi B. erzählte demnach, wie sie und Melina gemeinsam mit einer Freundin am Vorabend getrunken und dann am Morgen die Party verlassen hätten. Für die Zeit danach - die Tatzeit - habe sich Megi B. auf alkoholbedingte Erinnerungslücken berufen.

Zu der Zeit hatte die junge Frau 0,45 Promille Alkohol im Blut. Ausfallerscheinungen zeigte sie aber nicht. Deshalb gewann der Polizist den Eindruck, Megi B. wolle zu bestimmten Dingen nichts sagen: "Sie mauert mit Alkohol."

Das deckt sich mit den Beobachtungen der Notärztin, die ebenfalls als Zeugin geladen war. B. sei verstört gewesen, habe grimmig geschaut, einen fahrigen Blick gehabt und Augenkontakt vermieden. Der Medizinerin erzählte Megi B., sie habe Schreie gehört und dann Melinas Leiche gefunden. Die Ärztin gewann aber einen anderen Eindruck: "Sie sagt mir nicht, was sie weiß." Megi B. habe alles so geschildert, als habe sie mit der Sache nichts zu tun.

Die 18-Jährige muss ihre Fassung schnell wiedergewonnen haben. Bei der Gewahrsamsuntersuchung stellte eine andere Ärztin abgesehen von einer starken Alkoholfahne keine Auffälligkeiten oder Ausfallerscheinungen fest. Megi B. habe ausgeglichen gewirkt.

"Sie hat sich nur für sich interessiert"

Die Ermittler, die Megi B. vernahmen, waren überrascht. "Sie war sehr gefasst, nur einmal kamen kurz ein paar Tränen. Sonst hat sie das völlig kalt erzählt, das hat mich schon gewundert", sagte ein Kriminalbeamter. Seine Kollegin sagte, die Aussage sei "auffällig emotionslos" gewesen, "als ob man vom Wochenendurlaub erzählen würde". Megi B. habe nicht nach dem Opfer gefragt. "Sie hat sich nur für sich interessiert", sagte die Polizistin.

Wurde Melina R. Opfer einer Kurzschlusshandlung, einer Tat völlig aus dem Nichts? Dagegen sprechen Textnachrichten, die auf Megi B.s Handy gefunden wurden. Am Tag vor der Tat schrieb Megi B. laut Polizei an eine Bekannte: "Ich bring die um und fertig", "scheiß doch auf die". Es gab auch eine Nachricht auf Englisch, bei der hinter "When she lives" ein gebrochenes Herz und hinter "When she is dead" ein heiles Herz zu sehen war. Beim Prozessauftakt hatte Megi B. gesagt: "Ich habe mir oft vorgestellt, wie ich sie umbringe."

In der Verhandlung meinte die Angeklagte nun, freundschaftlicher Kontakt zu Melina hätte ihr schon gereicht; auf Nachfrage gab Megi B. aber zu, sie hätte auch wieder eine Beziehung mit Melina angefangen, wenn diese gewollt hätte.

Kontakt hatten Melina R. und Megi B. auch nach ihrer Trennung. Beim Lesen der WhatsApp-Nachrichten "hatte man den Eindruck, es gab nie einen richtigen Schlussstrich, immer ein Hin und Her", sagte ein weiterer Polizist als Zeuge.

Den endgültigen, tödlichen Schlussstrich zog Megi B. dann selbst.



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