Prozess nach Hundepfändung Die Mops-Malaise

Die Stadt Ahlen pfändete einen Mops und verkaufte ihn bei Ebay. Knapp ein Jahr später beschäftigt der Fall das Landgericht Münster: Es geht um "die Mangelhaftigkeit eines Haustieres" und um Schadensersatz.

Mopsdame "Wilma" im März: Früher hieß sie mal Edda
DPA

Mopsdame "Wilma" im März: Früher hieß sie mal Edda

Von , Münster


Es ist keine alltägliche Sache, die Richter Johannes Eienbröker heute im Landgericht Münster verhandelt. Er sagt es gleich zu Beginn des Termins: Es handle sich um einen "doch etwas kuriosen Rechtsstreit". Dann schildert er den Sachverhalt, es geht um Wilma, die früher mal Edda hieß. Es geht um den "streitgegenständlichen Mops", so formuliert es Richter Eienbröker.

Eine Familie aus Ahlen kaufte das pechschwarze Tier vor zwei Jahren für 1200 Euro von einer Züchterin. Die Käufer aber hatten Schulden bei der Stadt, ein Vollstreckungsbeamter kam, sah und pfändete das Tier. Er stellte es über seinen privaten Account bei Ebay Kleinanzeigen ins Netz, dort bot er auch Badelatschen an. Eine Polizistin kaufte das Tier - und bemerkte, dass der Hund Probleme mit den Augen hat. Ein Streit begann, über den erst das "Ahlener Tagblatt" berichtete und später die "New York Times".

Nun hat der Fall das Münsteraner Landgericht erreicht. Käuferin Michaela Jordan aus Wülfrath bei Wuppertal hat die Stadt Ahlen verklagt. Sie fordert Schadensersatz, denn die Stadt habe den kranken Hund als gesund angepriesen. Die Stadt solle unter anderem die Kosten der Behandlung tragen, auch die künftig anfallenden, geschätzten 20.000 Euro. Der Vollstreckungsbeamte habe von der Malaise des Mopses gewusst - und über dessen Zustand gelogen. Die Stadt weist diesen Vorwurf zurück und bestreitet, dass das Tier überhaupt krank sei.

Wilma ist nicht vor Gericht erschienen. Schon zuvor hatte der Anwalt der Klägerin am Telefon gesagt: "Der Hund bleibt zu Hause." Es sei nicht angezeigt, das Tier mitzubringen. Besitzerin Michaela Jordan sagt, die Mopsdame hätte Angst gehabt.

Er darf nicht mit Journalisten sprechen

Außer dem Hund sind alle Beteiligten da. Michaela Jordan, die Besitzerin des Hundes, eine kräftige, große Frau, von Beruf Polizeihauptkommissarin. Der Vollstreckungsbeamte Stefan Michalski*, ausrasierter Nacken, muskulöse Oberarme, er diente einst im Jägerbatallion. Er darf mit Journalisten nicht über die Causa sprechen.

Dafür ist Gordon von Bardeleben zuständig, der Rechtsanwalt, der die Stadt vertritt. Ein hochgewachsener Mann, der mit einem Rollkoffer im Landgericht erscheint, die roten Socken blitzen unter der Anzughose hervor. Er wird nach der Verhandlung sagen, es handle sich um einen "Streit um die Mangelhaftigkeit eines Haustieres".

Klägerin Jordan: Mops Wilma blieb zu Hause
Fabian Strauch/DPA

Klägerin Jordan: Mops Wilma blieb zu Hause

Die Beschwerden des Hundes bezeichnet Richter Eienbröker als "Syndrom der trockenen Augen". Der Hund muss also ohne Tränenflüssigkeit auskommen, die das Auge pflegt und säubert. Das "Einwachsen wimpernartiger Haare in Richtung des Augapfels" hätten Ärzte dem Mops ebenfalls attestiert. Deshalb sei seine Hornhaut geschädigt, so sehr, dass Veterinäre ihn wenige Wochen nach dem Verkauf bei Ebay im Dezember 2018 notoperierten.

Seine ungewöhnliche Auktion erklärt der Vollstreckungsbeamte Michalski vor Gericht so: Normalerweise verkaufe man Pfandsachen auf dem Portal Zollauktion.de - Tiere könne man dort aber nicht anbieten. Da die Stadt über keinen Account bei Ebay Kleinanzeigen verfüge, habe er seinen eigenen verwendet. Es handle sich schließlich um eine der größten Plattformen für den Verkauf von Tieren.

Die Mopsaugen sind empfindlich

Richter Eienbröker lässt durchblicken, dass es nicht gut aussieht für die Stadt Ahlen. Im Kern gehe es in dem Verfahren um Schadensersatz wegen eines Gewährleistungsanspruchs. Dieser sei laut Gesetz bei Verpfändungen zwar ausgeschlossen, die Stadt müsse darauf aber auch hinweisen. Ob dies geschah, darüber machen die Parteien widersprüchliche Angaben. In der Annonce jedenfalls, so der Richter, sei dieser Hinweis nicht erfolgt. Entsprechende Formulierungen im Kaufvertrag bezeichnete er als "sehr bedenklich". Michalski gab in der Verhandlung zu, einen Kaufvertrag aus dem Internet verwendet zu haben.

In der Annonce hieß es zudem, Edda sei "kerngesund". Und das, obwohl eine Züchterin den Vollstreckungsbeamten zuvor auf eine mögliche Augenkrankheit aufmerksam gemacht habe, so der Richter. Michalski habe dann zwar nach eigener Aussage die Tierärztin des Hundes aufgesucht, nach dieser Krankheit gefragt - und habe die Antwort bekommen, es sei nichts aktenkundig. Allerdings hatte der Beamte den Hund nicht dabei und auch keine Fotos des Tieres. "Die Angabe 'kerngesund' ist sehr kritisch zu sehen", sagt der Richter. Sachverständige müssen nun klären, ob und seit wann der Hund krank ist.

Nach der Verhandlung sagt Michaela Jordan, sie glaube, sie habe ganz gute Chancen. Dann erzählt sie von Wilma, die vorher Edda hieß. Die Augen des Hundes seien empfindlich, schon Gras könne sie reizen. Neulich seien sie am Strand gewesen, danach habe sie Wilmas Augen mit einer Lösung ausgespült. Jordan sagt, sie creme, der Hund bekomme Tabletten. Doch alles in allem, sagt sie, gehe es Wilma gut.


Lesen Sie auch die Vorgeschichte zu dem Fall: Ein deutsches Hundeleben

Anmerkung: Wir haben die Angaben zum Gewährleistungsanspruch bei Verpfändungen präzisiert.

*Name geändert



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