Verteidiger von früherem SS-Mann "Er wollte das Verfahren durchstehen"

Johann R. steht wegen Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen vor Gericht. Doch der frühere SS-Mann ist schwer krank, nun wurde der Prozess ausgesetzt. Vermutlich wird es kein Urteil mehr geben.
Von Wiebke Ramm
Angeklagter Anfang November vor Gericht

Angeklagter Anfang November vor Gericht

Foto: Guido Kirchner/ dpa

Wer Johann R. zuletzt im Landgericht Münster erlebt hat, konnte sehen, dass sich der Gesundheitszustand des 95-Jährigen weiter verschlechtert hatte.

Schon zum Prozessauftakt wurde er im Rollstuhl zur Anklagebank geschoben. Seine Bewegungen waren verlangsamt, er wirkte erschöpft. Mehrere Verhandlungstage fielen aus, weil der hochbetagte Angeklagte nicht in der Lage war, dem Geschehen vor dem Landgericht Münster zu folgen. Die Verhandlung am Donnerstag fand ohne ihn statt. Es war die vorerst letzte.

Der frühere SS-Mann und Wachmann im KZ Stutthof ist verhandlungsunfähig. Die Kammer unter Vorsitz von Richter Rainer Brackhane hat die Hauptverhandlung daher vorerst ausgesetzt. Im Januar soll Johann R. erneut begutachtet werden. Sollte er sich bis dahin erholt haben, kann der Prozess von vorn beginnen. Wahrscheinlich ist das nach Einschätzung des medizinischen Gutachters allerdings nicht.

Johann R. lebt im Kreis Borken im Westmünsterland. Seit dem 4. Dezember ist er im Krankenhaus. Nach Angaben des Gutachters ist er schwer herz- und nierenkrank. Sein Gesundheitszustand habe sich in den vergangenen zwei Wochen erheblich verschlechtert, trug Mediziner Tilmann Fey vor Gericht vor. Es sei nicht damit zu rechnen, dass er sich wieder erholen wird.

"Unser Mandant wird über die Aussetzung vermutlich nicht glücklich sein", sagte Verteidiger Andreas Tinkl. "Er wollte das Verfahren durchstehen." Schon in der Vergangenheit habe er Johann R. mehrmals nahegelegt, die Verhandlung aufgrund seines Gesundheitszustands unterbrechen zu lassen. Doch der Angeklagte habe durchhalten wollen. Tinkl sagte, er hoffe nun, dass seinem Mandanten ein Neustart des Verfahrens erspart bleibe.

3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns

Johann R. wurde im Dezember 1923 in Rumänien geboren. Mit 18 Jahren wurde er im April 1942 als sogenannter Volksdeutscher zum Wehrdienst eingezogen. Als SS-Mann wurde er noch im selben Jahr ins KZ Stutthof nahe Danzig versetzt. Dort soll er bis September 1944 als Mitglied der 3. Kompanie des SS-Totenkopfsturmbanns für die Bewachung des Lagers und die Beaufsichtigung der Arbeitskommandos außerhalb des Lagers zuständig gewesen sein, zuletzt im Rang eines SS-Sturmmannes.

Seit Anfang November musste sich Johann R. vor Gericht verantworten. Laut Anklage hat er durch seine Tätigkeit Beihilfe zum Mord in Hunderten Fällen geleistet. Weil er zum Tatzeitpunkt 18 bis 20 Jahre alt war und juristisch damit als Heranwachsender galt, der nach Jugendstrafrecht verurteilt werden kann, wurde vor der Jugendstrafkammer verhandelt.

Oberstaatsanwalt Andreas Brendel geht nicht davon aus, dass Johann R. eigenhändig gemordet hat. Aber er soll durch seine Wachdienste zum Funktionieren der Mordmaschinerie beigetragen haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass er wusste und wollte, was im KZ Stutthof geschah. Beides bestritt der Angeklagte. In seiner Einlassung, die sein Verteidiger für ihn verlies, teilte Johann R. mit, dass er nichts von dem systematischen Töten im Lager mitbekommen habe. Er sei nie überzeugter Nazi gewesen und habe den Dienst im KZ nicht freiwillig getan.

17 Überlebende und Angehörige von Ermordeten nehmen als Nebenkläger am Prozess teil. Sie leben heute in Israel, Kanada und den USA. Aufgrund ihres hohen Alters konnten sie nicht selbst im Gerichtssaal sein. Elf Anwälte vertreten sie. Einer von ihnen ist Onur Özata.

Zur Entscheidung des Gerichts, die Verhandlung auszusetzen, sagte Anwalt Özata: "Wenn der Angeklagte nicht verhandlungsfähig ist, dann muss es hier enden. Wir sind kein Unrechtsstaat."

"Anders als meine Mandanten hätte er das KZ jederzeit verlassen können"

Özata vertritt zwei Mandanten aus Israel, die das KZ Stutthof überlebt haben. "Für meine Mandanten ist das vorzeitige Ende schwierig", sagte er. "Der Angeklagte hat bis zum Schluss an den ewigen Mythen festgehalten. Dass er von Erschießungen und Vergasungen nichts mitbekommen hat, ist ebensowenig glaubhaft wie seine Behauptung, nicht freiwillig als SS-Mann Dienst im KZ getan zu haben. Herr R. war kein Gefangener. Anders als meine Mandanten hätte er das KZ jederzeit verlassen können."

Mit Blick auf die erhebliche Arbeit, die die Staatsanwaltschaft in das Verfahren gesteckt habe, sei dieses Ende "sehr ärgerlich", sagte Oberstaatsanwalt Brendel. Doch aufgrund der Verhandlungsunfähigkeit des Angeklagten habe das Gericht nicht anders entscheiden können. "Das ist eben die Folge daraus, dass wir es mit sehr alten Menschen zu tun haben", sagte Brendel. "NS-Täter sind naturgemäß sehr alt." Die Zeit wird knapp.

"Dem Angeklagten kann man keinen Vorwurf machen, der deutschen Nachkriegsjustiz schon", sagte Nebenklagevertreter Mehmet Daimagüler: "Was vor Jahrzehnten versäumt wurde, lässt sich heute eben nicht mehr nachholen."

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