Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg "Wie erklären Sie sich das?"

Im Prozess um die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg hat ein Diskobesucher über die Abläufe in jener Nacht ausgesagt. Seine Angaben wundern teilweise auch den Richter.

Angeklagter in Freiburg mit Fußfessel (Archiv): Elf Männer stehen vor Gericht
DPA

Angeklagter in Freiburg mit Fußfessel (Archiv): Elf Männer stehen vor Gericht

Von Wiebke Ramm, Freiburg


Hinweis der Redaktion: Dieser Text enthält explizite Äußerungen eines Zeugen. Wir haben uns entschieden, diese wörtlich zu zitieren, um einen möglichst genauen Eindruck der Realität vor Gericht zu vermitteln. Wir werden diesen komplizierten Prozess vor dem Landgericht Freiburg weiter eng begleiten.

Andy M. ist ein guter Freund. Er ist 16 Jahre alt, Schüler, und wenn ein Freund in der Klemme steckt, dann möchte er ihm helfen. Deshalb wendet er sich vor dem Landgericht Freiburg in einer Pause an den Vorsitzenden Richter. Er möchte etwas loswerden. Und das kann offenbar nicht bis nach der Pause warten. Andy M. möchte dem Richter etwas sagen, was seiner Ansicht nach einen der Angeklagten vom Vorwurf der Vergewaltigung entlasten könnte.

Vor dem Landgericht Freiburg müssen sich seit Juni elf Männer verantworten. In der Nacht auf den 14. Oktober 2018 sollen sie eine junge Frau, die unter Drogen stand, im Gebüsch vor einer Diskothek vergewaltigt haben. Die Angeklagten - zehn Flüchtlinge und ein Deutscher - bestreiten die Vorwürfe. Die 18-Jährige habe den Sex gewollt und vehement eingefordert, sagen die, die sich zu den Vorwürfen einlassen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die junge Frau wehrlos war. Sie habe etwas getrunken, das möglicherweise K.o.-Tropfen enthielt. Tonaufnahmen und die Aussage einer Freundin sprechen dafür, dass die 18-Jährige noch in jener Nacht emotional zutiefst erschüttert war.

Der Angeklagte Ayham A. hat sich vor Gericht nicht geäußert. Das möchte Andy M. nun für ihn tun. Deshalb wendet er sich in der Pause an den Vorsitzenden Richter Stefan Bürgelin. Der Richter aber will es nicht außerhalb, er will es in der Hauptverhandlung hören. Als alle wieder im Saal sind, teilt Andy M. dem Gericht also seine Überlegung mit.

"Wissen Sie, wie ich es meine?"

"Für den Fall, dass DNA-Spuren von Ayham A. gefunden wurden", sagt der 16-Jährige: "Die können von seiner Wasserflasche stammen." Ayham A. sei in jener Nacht die ganze Zeit mit einer Flasche herumgelaufen und habe alle möglichen Leute auf der Tanzfläche mit Wasser bespritzt. "Kann sein, dass er das Opfer auch abgespritzt hat", sagt Andy M. "Wissen Sie, wie ich es meine?"

Nein, so richtig folgen kann seiner Theorie niemand. Staatsanwalt Thorsten Krapp versucht es. Andy M. meine also, fragt er ihn, dass sich die DNA von Ayham A. möglicherweise über Wasserspritzer auf der Tanzfläche auf die junge Frau übertragen habe? Ja, bestätigt der Zeuge. "Haben Sie schon mal von einem Wassertreffer auf der Innenseite einer Unterhose gehört?", fragt der Staatsanwalt weiter. Andy M. stockt. "Also wenn dort DNA gefunden wurde", er sucht nach Worten, "dann spielt es keine Rolle mehr, was ich gesagt habe."

Angeklagte im Gerichtssaal im Freiburger Landgericht: "So etwas mache ich nicht"
Patrick Seeger/DPA

Angeklagte im Gerichtssaal im Freiburger Landgericht: "So etwas mache ich nicht"

Andy M. traut keinem seiner Freunde eine Vergewaltigung zu. Schon gar nicht Noah S. "Von klein auf" sei er mit ihm befreundet. Noah S. ist nicht Angeklagter, wird von der Staatsanwaltschaft aber als Beschuldigter im Verfahren geführt. Der 19-Jährige ging nach der mutmaßlichen Tatnacht von sich aus zur Polizei. Er war damals gemeinsam mit Andy M. in der Disko. Und was Noah S. dort im Gebüsch sah, sagte er nicht nur der Polizei. Er erzählte es auch Andy M. Das Problem: Noah S. hat beiden wohl nicht dasselbe erzählt.

Vergangene Woche hat Noah S. vor Gericht ausgesagt. Hinterher bekam Andy M. Ärger. "Noah hat mir direkt gesagt, dass das Gericht gesagt hat, ich hätte der Polizei erzählt, dass er das Mädchen vergewaltigt oder mit ihr gefickt hat." Dabei habe er das nie behauptet, sagt Andy M. Und dann berichtet er, wie er sich an die Nacht auf den 14. Oktober erinnert.

Zeuge und Richter wundern sich

"Wir haben ein bisschen gefeiert, bisschen getrunken. Bisschen später ist so ein Typ zu mir gekommen: 'Da ist ein Mädchen draußen, die will ficken, aber ich will nicht, ich habe ja eine Freundin, willst du vielleicht?'", sagt Andy M. Er habe abgelehnt. "So etwas mache ich nicht." Der "Typ" - der Angeklagte Yahia H. - habe dann auch Noah S. von dem Mädchen erzählt, das Sex wolle. Andy M. sagt, er habe Noah S. dann für etwa eine Viertelstunde nicht mehr gesehen. Irgendwann sei er wiedergekommen. "Er guckt mich mit großen Augen an: 'Da draußen wird eine gefickt.'" Andy M. macht eine kurze Pause. "Das wird wohl das Opfer gewesen sein."

"'Da draußen wird eine gefickt.' Wie muss man das verstehen? Freiwillig?", fragt Richter Bürgelin. "So wie er es gesagt hat, hat sie es gewollt", sagt der Zeuge. Noah S. habe erzählt, dass die Frau geschrien habe: "Fick mich, du Geiler. Fick mich hart."

"Genau diese Äußerung habe er nie gesagt, hat er hier vor Gericht gesagt", entgegnet Richter Bürgelin. "Okay?", sagt Andy M. Er scheint kaum glauben zu können, was er da hört. Zum Richter sagt er: "Und Sie sollen Noah angeblich gesagt haben, dass ich der Polizei gesagt habe, dass er sie auch gefickt hat." Nun ist es an dem Richter, sich zu wundern. "So war das nicht", sagt Bürgelin. Andy M. könne seinem Freund ausrichten, "dass er da was komplett falsch verstanden hat".

Andy M. berichtet weiter, dass Noah S. noch auf dem Heimweg gegen 4 Uhr morgens immer wieder von seiner Beobachtung im Gebüsch angefangen habe. Mehrere Männer sollen Sex mit der Frau gehabt haben, habe er gesagt. "Er hat, glaube ich, bei einem oder bei zweien zugeschaut, dann ist er wieder reingekommen."

"Sind Sie sicher, dass er das so gesagt hat?", fragt Richter Bürgelin wieder.
"Ja, das hat der Noah zu mir gesagt."
"Sicher?"
"Ja."
"Und Noah hat Ihnen auch erzählt, dass einer der Männer eine Wodkaflasche auf dem Kopf der Frau ausgeschüttet haben soll?"
"Ja."
"Noah streitet ab, Ihnen das mit dem Wodka erzählt zu haben. Er weiß davon nichts, hat er uns gesagt."
"Er streitet das ab?" Andy M. schweigt einen Moment. Dann rudert er zurück: "Kann sein, dass nicht er mir das erzählt hat, sondern jemand anderes."

Das Gericht hat noch weitere verwirrende Nachrichten für den Zeugen. Noah S. habe vor Gericht auch bestritten, je gesagt zu haben, dass er gesehen habe, wie zwei Männer nacheinander Sex mit der Frau hatten. "Das hat er nicht gesagt?", staunt Andy M. "Wie erklären Sie sich das?", fragt der Richter. "Ich bin vielleicht ein schlechter Zuhörer", sagt Noahs Freund.

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.