Mutmaßliche Gruppenvergewaltigung in Freiburg Spurensuche

Mindestens elf Männer sollen in Freiburg eine 18-Jährige vergewaltigt haben. DNA-Spuren gibt es viele. Aber was sagen sie über den Tathergang?
Von Wiebke Ramm
Der Verhandlungssaal am Landgericht in Freiburg (Archivbild)

Der Verhandlungssaal am Landgericht in Freiburg (Archivbild)

Foto: Patrick Seeger/ dpa

DNA-Spuren an Körper und Kleidung der jungen Frau gibt es reichlich. Die Frage aber ist: Was bedeuten sie?

Mindestens elf Männer sollen in einer Oktobernacht 2018 eine 18-Jährige in Freiburg vergewaltigt haben. Seit Juni 2019 versucht eine Jugendkammer des Landgerichts Freiburg herauszufinden, was in jener Nacht genau geschah im Gebüsch vor einer Diskothek im Industriegebiet. Zehn Flüchtlinge und ein Deutscher sind angeklagt. Die Männer bestreiten den Vorwurf der Vergewaltigung. Am Freitag hat eine DNA-Expertin vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg vor Gericht ausgesagt.

Was bedeuten die Erkenntnisse?

Biologin Helga S. ist eine erfahrene Sachverständige. An Spekulationen darüber, was ihre Erkenntnisse bedeuten, beteiligt sie sich nicht. Die Expertin kann nur vor vorschnellen Schlüssen warnen. Und sie kann sagen, welche Fremd-DNA sie an Rock, Strumpfhose, Langarmshirt und Slip des mutmaßlichen Opfers gefunden hat. Wie die Spuren dorthin gelangt sind, weiß sie nicht, kann sie nicht wissen.

Zum Beispiel die Spur von Timo P. Der 26-Jährige ist der einzige Deutsche unter den Angeklagten. Seine DNA fand sich an dem BH und dem Oberteil der Frau. Timo P. sagt, er habe die junge Frau nicht bedrängt. Er behauptet, sie habe ihn verführt, seine Hose geöffnet und ihn oral befriedigt.

Verteidigerin Hanna Palm hatte daher beantragt, auch an der Kleidung ihres Mandanten nach DNA der Frau zu suchen. "Die Hypothese war, dass die Geschädigte ihm Gürtel und Hosenknopf selbst geöffnet hat", sagt die Sachverständige vor Gericht: "Deswegen sollten wir das untersuchen."

Die LKA-Expertin und ihr Team untersuchten also Gürtel sowie Reißverschluss, Knopf und Knopfloch der Jeans von Timo P. Eindeutige DNA der 18-Jährigen fanden sie nicht. Es gibt Fremd-DNA-Merkmale am Knopfloch. Doch: "Ob sie von ihr stammen, kann ich nicht sagen." Es sei zu wenig DNA-Material vorhanden gewesen, um es zu analysieren. Dasselbe gelte für den Knopf, den Reißverschluss und den Gürtel.

Die Biologin hatte den Auftrag zunächst abgelehnt, die Kleidung des Angeklagten P. zu untersuchen. Dass sie ihn nach wie vor für wenig sinnvoll hält, verhehlt Helga S. an diesem Tag nicht. Denn die Ermittler hatten die Kleidung von Timo P. erst neun Tage nach der fraglichen Tat sichergestellt. Wie oft er seine Hose und den Gürtel in der Zwischenzeit geöffnet und geschlossen hatte, ist nicht bekannt.

Spuren können verloren gehen

"Angenommen, Spuren der Frau wären an Hose und Gürtel gewesen, hätte er sie dann verwischt, wenn er sie danach zwanzigmal an- und ausgezogen hätte?", fragt nun auch seine Verteidigerin Hanna Palm. Die Sachverständige nickt: "Durch Wischen und Berühren können Spuren verloren gehen." Aber dies sei nicht das einzige Problem, wenn Spuren nicht "so schnell und wenig beeinträchtigt wie möglich" gesichert werden, sondern wie in diesem Fall erst neun Tage später.

Denn selbst wenn sich DNA-Spuren der Frau gefunden hätten, seien auch diese vielfach deutbar. "Es kann ja auch sein, dass er sie angefasst hat und Material von ihr an seine Hose übertragen hat", sagt sie: "Der Interpretationsspielraum ist riesig."

Die Grünanlage in der Nähe der Diskothek (Archivbild)

Die Grünanlage in der Nähe der Diskothek (Archivbild)

Foto: Patrick Seeger/ dpa

Die DNA-Expertin untersuchte auf Antrag der Verteidigung auch das T-Shirt von Timo P. Denn er hatte ausgesagt, dass die Frau ihn im Gebüsch am Kragen zu sich herangezogen hätte, um ihn zu küssen. DNA-Merkmale der Frau fand Helga S. nicht. Weil sie nie vorhanden oder nicht mehr feststellbar waren, kann sie nicht sagen. Denn wie Hose und Gürtel war auch das T-Shirt erst mehr als eine Woche nach der mutmaßlichen Tat gesichert worden. 

Spur im "Tatortnahbereich"

Anders als Timo P. sagt ein anderer Angeklagter, Muhanad M., dass er gar keinen sexuellen Kontakt mit der Frau gehabt habe. Der damals 21-jährige Syrer sagt, er habe ihr nur geholfen.

Sein Verteidiger, Jan-Georg Wennekers, bittet das Gericht, auf die Darstellung möglicher DNA-Funde von seinem Mandanten ganz zu verzichten. Denn auch die junge Frau selbst sagte, dass Muhanad M. ihr damals beim Anziehen geholfen und sie aus dem Gebüsch geholt hat. Unstrittig ist auch, dass die 18-Jährige hinterher bei ihm übernachtete. DNA-Treffer seien daher wenig aussagekräftig.

Die Sachverständige hält sich kurz. Auf einer leeren Bierflasche "im Tatortnahbereich" fand sich ein vollständiges DNA-Muster von Muhanad M. Merkmale seiner DNA fand sich auch am Reißverschluss ihres Rockes und an ihrer Strumpfhose. Beides seien "sehr, sehr komplexe Mischspuren", also ein Gemisch aus DNA-Merkmalen einer Vielzahl von Menschen. Und genau das macht die Analyse so schwierig. "Je komplexer die Gemische, umso schwieriger die methodische Trennung."

Es klingt, als gibt es in diesem Fall fast zu viele Spuren.

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