Mutmaßliche Terroristin vor Gericht Als Jennifer mit Jacques zum IS fuhr

Wie kamen die Ermittler Jennifer W. auf die Schliche? Vor Gericht berichtet ein Polizist von einer Autofahrt in einem verwanzten Auto. Damals soll sich die mutmaßliche IS-Frau in Schwierigkeiten gebracht haben.

Jennifer W. im Landgericht München (am 9. April): Anklage ausgeweitet
Peter Kneffel/dpa

Jennifer W. im Landgericht München (am 9. April): Anklage ausgeweitet

Von Wiebke Ramm, München


Für die deutschen Ermittler war es eine erfolgreiche Kooperation mit dem FBI. Amerikanische und deutsche Sicherheitsbehörden arbeiteten im Frühsommer 2018 Seite an Seite, um Jennifer W., eine junge Frau aus dem niedersächsischen Lohne, als IS-Terroristin zu überführen. Wie eng die Zusammenarbeit war, geht aus der Aussage hervor, die ein Polizist aus Oldenburg am Montag im Prozess gegen Jennifer W. vor dem Oberlandesgericht München gemacht hat.

Es begann mit Chatprotokollen, die das FBI der Bundesanwaltschaft übermittelte. Der Mann, mit dem Jennifer W. so vertrauensvoll über ihre Zeit im Irak und ihre Sehnsucht nach dem IS gechattet hatte, war ein Informant der US-Behörde. Nun wollten die deutschen Ermittler den Mann selbst als V-Mann einsetzen. Denn Jennifer W. wollte zurück zum IS. Knapp zwei Jahre hatte sie bereits im Irak gelebt. Sie hatte einen IS-Kämpfer geheiratet und nach eigenen Angaben für die IS-Sittenpolizei gearbeitet. 2016 war sie nach Deutschland gekommen, wo sie ihr gemeinsames Kind zur Welt brachte. Nun wollte sie zurück in den Irak.

Der V-Mann sollte Jennifer W. zu Hause in Lohne abholen, mit ihr in einem verwanzten Auto quer durch Deutschland fahren und ihr vorspielen, sie in Richtung Islamischer Staat zu bringen.

"Absolut zuverlässig"

Der Oldenburger Polizist Ralf L. wandte sich also an das FBI. "Ich habe gefragt, ob ich diese V-Person ausleihen darf", sagt er vor Gericht. Er durfte. Ende Juni 2018 holte er den FBI-Spitzel vom Flughafen ab. Woher der Mann kam, an welchem Flughafen er landete, all das verrät der Polizist nicht.

V-Leute stammen häufig aus der Szene, die sie bespitzeln sollen. Gegen Geld verraten sie ihre angeblichen, manchmal auch tatsächlichen Freunde bei den Ermittlungsbehörden. Sie bringen sich damit oft selbst in Gefahr. Ihre Identität wird daher streng geheim gehalten. Daran hält sich auch Ralf L. Er verrät nur soviel: "Mir wurde zugesichert, dass die V-Person absolut vertrauenswürdig, absolut zuverlässig ist." Der Mann soll für das FBI bereits in mehreren Verfahren gegen Terroristen "mitgewirkt" haben.

Am Flughafen holte Ralf L. nicht nur den V-Mann, sondern auch einen FBI-Mann ab. Und dieser wich dem deutschen Ermittler auch an den beiden Folgetagen kaum von der Seite.

Zwei Tage später, am Morgen des 29. Juni 2018, übergab Ralf L. dem V-Mann ein Auto, das mit Überwachungstechnik ausgestattet war. Gegen 8.30 Uhr stieg Jennifer W. ein. Sie sollte den V-Mann, den sie für einen IS-Anhänger hielt, Jacques nennen, wenn jemand in der Nähe war. Was Jennifer W. nicht wusste: Sie waren nie allein. Ralf L. und der FBI-Mann folgten ihnen in einem Auto, auch ein Mobiles Einsatzkommando fuhr hinterher und sollte eingreifen, falls etwas schief lief.

Auf der Rückbank: Die fünfjährige Tochter auf dem Weg zum IS

Die Ermittler, der FBI-Mann und eine Dolmetscherin hörten auch mit, was Jennifer W. und Jacques besprachen. "Zwischendurch habe ich auch mal nichts gehört", sagt Ralf L. vor Gericht. Denn er und der FBI-Mann lauschten dem Gespräch über Handy. Und auch Ermittler leiden unter schlechtem Handyempfang. Die Verbindung riss mehrmals ab.

Jacques und Jennifer W. sprachen Englisch miteinander, Jacques mit französischem, Jennifer W. mit deutschem Akzent. Das gesamte Gespräch wurde mitgeschrieben und übersetzt. Immer wieder hörten die Ermittler auch Kinderreime und Kinderlieder. Denn auf der Rückbank saß die fünfjährige Tochter von Jennifer W. Sie sollte mit zum IS.

Irgendwann hielt der Konvoi in Düsseldorf. Jennifer W. hatte dort eine Freundin, wo sie deponierte Kleidung abholte. Auf dem Weg dorthin berichtete Jennifer W. von einem Ereignis, das die Ermittler elektrisierte und den V-Mann schockierte. Jennifer W. sprach über das fünfjährige Mädchen Reda, das sie und ihr Mann in ihrem Haus in Falludscha im Jahr 2015 getötet haben sollen. "Das war uns vorher nicht bekannt", sagt Ralf L., "das war für uns neu." Hätte Jennifer W. das Kind nicht erwähnt, die Behörden hätten von dessen Tod wohl keine Kenntnis.

So hörten sie, wie Jennifer W. erzählte, dass ihr Mann im Irak im Gefängnis gesessen habe, "weil unser kleines Sklaven-Mädchen gestorben ist". Sie sagte, dass das Kind eine Kriegsgefangene gewesen sei, die sie und ihr Mann gekauft hätten. Er habe das Mädchen eines Tages zur Strafe vor ihrem Haus in Falludscha ohne Wasser in der Hitze angekettet. "Sie ist dann langsam gestorben", sagte Jennifer W. Sie sagte auch: "Es war nicht recht, was er getan hat." Dass auch sie dem Mädchen nicht half, sagte sie nicht.

Während Jennifer W. in Düsseldorf in der Wohnung ihrer Freundin war, telefonierte Jacques mit seinem deutschen V-Mann-Führer. Ralf L. erinnert sich an das Telefonat. Vor allem daran, dass die Nachricht von dem toten Mädchen den V-Mann ziemlich mitgenommen hatte. Das teilte Jacques auch Jennifer W. mit.

"Ich kann gar nicht aufhören, an dieses fünfjährige Mädchen zu denken", sagte er irgendwann: "Das ist so traurig." Und Jennifer W. erzählte, manche hätten ihr damals gesagt, dass es ja bloß eine Sklavin, der Tod des Kindes deswegen nicht so schlimm gewesen sei. "Ich finde, das ist irgendwie falsch", sagte sie.

Seit April muss sich die 27-Jährige nun wegen Mordes durch Unterlassen, wegen IS-Mitgliedschaft, Menschenhandels und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht verantworten. Jennifer W. droht eine lebenslange Freiheitsstrafe.



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