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Mutmaßliche Teufelsaustreibung: Gewalttat im Hotelzimmer

Foto: Michael Probst/ AP/dpa

Mutmaßlicher Exorzismus Tod und Teufel

In Frankfurt soll eine 41-Jährige von der eigenen Familie zu Tode gefoltert worden sein - angeblich, um der Frau Dämonen auszutreiben. Nun steht der Verdacht im Raum, es gehe um katholische Riten. Das Bistum verurteilt die Tat.

Die grausame Prozedur zog sich nach Überzeugung der Ermittler über mehrere Stunden. Am Ende war die 41 Jahre alte Frau tot. Heftige Schläge auf Bauch und Brust bekam die Südkoreanerin. Um sie ruhigzustellen, drückten ihre Peiniger ihr ein Handtuch in den Rachen.

Unter den Details dieses Falls, der sich am Samstag in einem Hotel in der Frankfurter Innenstadt zugetragen hat, ist ein Aspekt besonders verstörend: Die fünf Beschuldigten, darunter drei Teenager und ein 21-jähriger Mann, sind laut Staatsanwaltschaft allesamt enge Verwandte des Opfers. Selbst dessen 15-jähriger Sohn war an der mindestens 120-minütigen Tortur beteiligt. Die Staatsanwaltschaft wirft den Verdächtigen, die ihrer Verwandten demnach den Teufel austreiben wollten, gemeinschaftlichen Mord vor.

Warum musste die Frau so qualvoll sterben?

Stunden vor ihrem Tod soll die 41-Jährige verwirrt und schreiend durch das Hotelzimmer gelaufen sein, wie die "Frankfurter Rundschau" unter Berufung auf Aussagen der Beschuldigten schreibt . Die gingen demnach aufgrund des Verhaltens der Frau davon aus, Dämonen hätten Besitz von ihr ergriffen.

"Wir wissen nicht, warum sie nach Deutschland kamen"

Unstrittig ist zumindest, dass die Beschuldigten schließlich einen koreanischen Geistlichen zum Tatort riefen, der daraufhin die Polizei verständigte. Klar ist auch, dass es sich beim Opfer und allen Beschuldigten um Südkoreaner handelt, die erst vor sechs Wochen nach Deutschland eingereist waren. Das bestätigte am Donnerstag das koreanische Außenministerium und bot den in Untersuchungshaft sitzenden Familienmitgliedern konsularische Hilfe an.

Zur Aufklärung beitragen könnte wohl ein mögliches zweites Opfer: Am Samstagabend hatten die Ermittler in der Garage eines Einfamilienhauses im Taunus-Städtchen Sulzbach eine schwer verletzte Südkoreanerin gefunden, die laut Staatsanwaltschaft unterkühlt und dem Verdursten nahe war. Nachbarn sollen sich dort in den vergangenen Tagen über nächtliche Schreie und laute Litaneien aus dem Haus beschwert haben, meldet die "Frankfurter Neue Presse" . Die Familie hatte das Haus gemietet und sporadisch bewohnt, einer der in Frankfurt festgenommenen Beschuldigten hatte der Polizei die Adresse genannt.

"Wir wissen noch nicht, warum sie nach Deutschland kamen", sagt Oberstaatsanwältin Nadja Niesen. Weitere Tatverdächtige gebe es derzeit nicht. Die in Sulzbach aufgefundene Frau schwebe zudem nicht in Lebensgefahr - ihre Aussage könnte also möglicherweise bei der Rekonstruktion des Tathergangs und bei der Suche nach dem Tatmotiv helfen.

Dabei kreisen derzeit die Mutmaßungen um den womöglich streng religiösen Hintergrund der Familie. Mehrere Zeitungen hatten gemeldet, die Familie sei katholisch - was nahelegen würde, der Gewaltexzess sei nach streng konservativem Ritus geplant gewesen. Doch das ist bislang ebenso unklar wie die Frage, ob die Frau selbst die Tat befürwortet oder gar verlangt hatte.

"Ohne ärztliche Expertise undenkbar"

Hinzu kommt: Eine solch brutale Art der Teufelsaustreibung lehnt die katholische Kirche offiziell ab. Beim katholischen Exorzismus handele es sich lediglich um "eine liturgische Gebetshandlung", sagt der für Weltanschauungsfragen zuständige Studienleiter des Bistums Limburg, Johannes Lorenz.

"Dafür gibt es deutschlandweit gültige Regeln ", so Lorenz. Teufelsaustreibungen müssten vom örtlichen Bischof genehmigt werden, wofür ein medizinisch-psychologisches Gutachten nötig sei. "Ohne ärztliche Expertise ist so etwas bei uns undenkbar", sagt er. In Deutschland sei dieses Prozedere aber ohnehin schon seit Jahren nicht mehr genehmigt worden - und bei dem Gewaltexzess in Frankfurt habe es sich keinesfalls um einen katholischen Exorzismus gehandelt.

Das Bistum Limburg verurteile die grausame Tat scharf, teilte ein Sprecher mit. In den vergangenen Jahrzehnten sei in der Diözese keine Erlaubnis für einen Exorzismus ausgesprochen worden. Dem Bistum sei die vermeintliche Teufelsaustreibung in Frankfurt im Vorhinein nicht bekannt gewesen.

Der letzte Todesfall im Zusammenhang mit einem katholischen Exorzismus ist in Deutschland fast vier Jahrzehnte her: 1976 starb die Studentin Anneliese Michel, nachdem zwei vom Würzburger Bischof Josef Stangl bestellte Priester zehn Monate lang Dämonen beschworen hatten, den Körper der 23-Jährigen zu verlassen .

Solch strenge Regeln für katholische Teufelsaustreibungen gelten auch außerhalb Deutschlands, denn das Kirchenrecht gilt weltweit. Und das sieht etwa ein festes Schema aus den liturgischen Vorschriften des "Rituale Romanum" vor - und dass nur ein Priester den Exorzismus anwendet, "der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet". Im Frankfurter Interconti-Hotel kam der Geistliche jedoch erst zum Tatort, als die vermeintliche Teufelsaustreibung bereits ein Todesopfer gefordert hatte.


Zusammengefasst: In einem Frankfurter Hotelzimmer haben fünf Südkoreaner laut Staatsanwaltschaft eine enge Verwandte zu Tode gequält. Angeblich wollten sie auf diese Weise die 41-Jährige von Dämonen befreien. Die Tat unterscheidet sich ganz wesentlich vom in der katholischen Kirche zugelassenen Exorzismus.

Mit Material von dpa
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