Mutmaßliche Vergewaltigung und Mord Warum der Fall Frederike von Möhlmann noch einmal vor Gericht kommen könnte – nach 41 Jahren

1981 wurde Frederike von Möhlmann getötet, die moderne Analyse von Spuren deutet jetzt auf einen Täter. Das Oberlandesgericht Celle hat deshalb den Weg frei gemacht für einen neuen Prozess.
Vater Hans von Möhlmann: Seine Tochter starb mit 17 Jahren

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Foto: Hauke-Christian Dittrich/ dpa

Er soll die damals 17-jährige Frederike von Möhlmann getötet haben und nun noch einmal vor Gericht kommen: Der 2. Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Celle hat die Beschwerden des Tatverdächtigen Ismet H. gegen die Wiederaufnahme des Verfahrens und die Untersuchungshaft zurückgewiesen .

Das OLG bestätigte damit insbesondere einen Beschluss des Landgerichts Verden. Dieses muss nun abschließend über die Wiederaufnahme entscheiden.

Die Verteidiger von Ismet H. hatten argumentiert, die Ende 2021 in Kraft getretene Neuregelung, die die Wiederaufnahme des Verfahrens rechtlich erst ermöglicht hat, verstoße gegen die Verfassung. Zudem seien die Voraussetzungen dieser Vorschrift nicht erfüllt. Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen des Falles. 

Nach dem neuen Wiederaufnahmegrund in Paragraf 362 Nr. 5 der Strafprozessordnung  ist ein neuer Prozess gegen einen rechtskräftig freigesprochenen Angeklagten möglich, wenn neue Beweise »dringende Gründe« für eine Verurteilung wegen Mordes oder anderer schwerster Straftaten bilden. Diese Neuregelung ist bis heute umstritten .

Kein Verstoß gegen das Grundgesetz

Der Celler Senat hält in seinem 32-seitigen Beschluss die Neuregelung für verfassungsgemäß: Sie verstoße nicht gegen das grundgesetzliche Verbot strafrechtlicher Doppelverfolgung, da sie »nur für äußerst eng umgrenzte Fallkonstellationen« gelte und »hohe Hürden für eine Wiederaufnahme« vorsehe. Auch, dass die neue Vorschrift rückwirkend angewendet werde – also auf bereits in der Vergangenheit entschiedene Fälle –, verstoße nicht gegen das Grundgesetz. Im konkreten Fall, so das OLG, bestünden unter Berücksichtigung eines inzwischen vorliegenden DNA-Gutachtens dringende Gründe für eine Verurteilung wegen Mordes.

Der heute 63-jährige Ismet H. wird verdächtigt, 1981 die Schülerin Frederike von Möhlmann vergewaltigt und getötet zu haben. Von diesem Vorwurf hatte ihn das Landgericht Stade 1983 rechtskräftig freigesprochen. Nach einem im Jahr 2012 erstellten molekulargenetischen Gutachten des Landeskriminalamts Niedersachsen soll H. aber als Verursacher einer Spermaspur am Slip der Getöteten in Betracht kommen.

Drohung wahrscheinlich

Die Verteidiger von Ismet H. um den Hamburger Wiederaufnahme-Spezialisten Johann Schwenn hatten zuletzt geltend gemacht, es gebe keine Beweise dafür, dass es sich nach dem 1981 geltenden Recht um eine Vergewaltigung gehandelt habe; damit fehle es an einer Straftat, die H. hätte verdecken wollen, und somit an einem Mordmerkmal; daher handele es sich allenfalls um Totschlag – den aber erfasse die neue Regelung nicht.

Das Oberlandesgericht folgte der Verteidigung nun insoweit, als die damalige Obduktion »keine Verletzungen oder andere Hinweise ergeben hat, die auf einen gewaltsamen erzwungenen Geschlechtsverkehr hindeuten würden«. Zudem sei zutreffend, dass nach der damaligen Rechtsprechung »allein das bloße Fahren zu einer abgelegenen Stelle, an der die mitgeführte Frau keine Hilfe erwarten konnte«, keine Gewalt im Sinne des 1981 geltenden Vergewaltigungs-Paragrafen darstellte, »sofern keine weiteren besonderen Umstände hinzugetreten waren«.

Es sei jedoch »mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen«, dass Frederike von Möhlmann »den Geschlechtsverkehr nur aufgrund einer konkreten Drohung mit der Anwendung von Gewalt gegen ihr Leben oder ihre körperliche Unversehrtheit gegen ihren Willen hingenommen hat«.

Das OLG hält es auch für »zutreffend«, dass dem Gutachten des Landeskriminalamts von 2012 »eine hohe indizielle Bedeutung« zukommt. Dabei wurde DNA von Sperma, das sich an Textilien des Opfers befand, mit asservierten Haarproben des Verdächtigen verglichen. Zudem gebe es ein weiteres Vergleichsgutachten, das »ein zusätzliches ›neues‹ Beweismittel« darstelle. Ausdrücklich verweist das OLG auch auf die im letzten Strafverfahren festgestellte »Übereinstimmung« der an der Kleidung des Opfers sichergestellten Faserspuren mit den im damaligen Fahrzeug von Ismet H. vorhandenen Textilien.

Das Landgericht Verden habe »nachvollziehbar dargelegt«, dass »in der Zusammenschau« dieser Befunde »dringende Gründe für die Annahme der Täterschaft« von Ismet H. lägen.

Verfassungsbeschwerde angekündigt

Auch mit den am Tatort vorgefundenen Reifenspuren setzt sich das OLG auseinander. Das Landgericht Stade war 1983 aufgrund eines Sachverständigengutachtens davon ausgegangen, dass die Spuren am Tatort zwar zum Reifentyp am Pkw von Ismet H. passten, aber nicht zur Reifengröße. Im Jahr 2014 habe dieser Sachverständige mitgeteilt, »seine damalige Einschätzung«, größere Reifen »seien als Spurenverursacher auszuschließen, würde er mit seinem heutigen Wissen nicht mehr aufrechterhalten«.

Das Landgericht Verden muss nun entscheiden, ob der Wiederaufnahmeantrag auch begründet ist; bisher hatte das Landgericht diese Frage nur »summarisch« geprüft. Gegebenenfalls ist eine erneute Hauptverhandlung mit einer neuen Beweisaufnahme durchzuführen. Für Ismet H., darauf weist das OLG in seiner Pressemitteilung ausdrücklich hin, »gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung«.

Die Verteidiger von Ismet H. haben bereits eine Verfassungsbeschwerde angekündigt für den Fall, dass das OLG ihre Beschwerden zurückweist.