Attentäter von Paris Mann ohne Eigenschaften

Er soll für die Anschlagsserie verantwortlich sein, die Paris Anfang der Woche in Atem hielt: Abdelhakim Dekhar, 48 Jahre alt, mit Wurzeln in der linksextremen Szene. Für die Polizei ist der Festgenommene ein alter Bekannter - dennoch bleibt sein Profil rätselhaft.

AFP/ 17 Juin Media/ Faites Entrer l'Accuse

Von , Paris


Erst hatte die Angst nur ein Gesicht, jetzt hat sie einen Namen: Abdelhakim Dekhar. Nach landesweiter Fahndung spürte die Polizei den Mann am Dienstagabend im Westen der französischen Hauptstadt auf - gerade noch rechtzeitig, denn als die Ermittler in einer Tiefgarage in Bois-Colombes erschienen, lag der mutmaßliche Attentäter von Paris bewusstlos in einem Auto. Er hatte sich offenbar das Leben nehmen wollen, laut Staatsanwaltschaft unter anderem mit einer Überdosis des Schlafmittels Imovane.

Die Ermittlungsbehörden werfen Dekhar versuchten Mord, Geiselnahme und Freiheitsberaubung vor; zur Stunde wird er von der Polizei verhört. Dabei ist der 48-Jährige für die Fahnder kein Unbekannter. Bereits 1998 war Dekhar wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung zu vier Jahren Gefängnis verurteilt worden und nach Verbüßung der Strafe ins Ausland abgetaucht.

Am Montag soll Dekhar nun mit einer eigenartigen Anschlagsserie ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zurückgekehrt sein. Nach Meinung der Ermittler schoss er mit einer Pumpgun auf einen Fotoassistenten der Zeitung "Libération" und verletzte ihn schwer. Mehrere Feuerstöße soll er zudem in der Eingangshalle der Bank "Société Générale" abgegeben haben, bevor er schließlich einen Autofahrer vorübergehend als Geisel nahm.

"Rätselhaftes Profil"

Doch wenn Dekhar tatsächlich der Mann hinter den Anschlägen sein sollte - warum wurde er dann wieder straffällig? Was könnte ihn zu den Attentaten getrieben haben, nachdem er zuvor schon Angestellte des Pariser Privatsenders BFM-TV mit der Waffe bedroht haben soll? Und ließe sich die erratische Überfallserie mit Dekhars Vergangenheit in der militanten autonomen Szene erklären? Der Verdächtige, schreibt der Internetdienst Francetvinfo.fr, hat ein "rätselhaftes Profil".

Auch der Abschiedsbrief, der im geparkten Auto Dekhars gefunden wurde, gibt keinen Aufschluss über mögliche Motive. Bei dem "handschriftlichen Testament" handele sich um einen "ziemlich langen und wirren Text", sagte François Molin von der Pariser Staatsanwaltschaft. Das Schreiben vermenge unter anderem die Lage in Syrien und Libyen "mit den Problemen der Welt". In einem weiteren Manuskript, das ein Bekannter Dekhars der Polizei übergab, spricht der mutmaßliche Terrorist von einem "faschistischen Komplott".

Er bezichtigt darin "die Medien einer massenhaften Manipulation", und verurteilt die "Journalisten, die nur dafür bezahlt werden, dass sie den Bürgern die Lügen mit dem Teelöffel verabreichen". Es folgt ein Rundumschlag gegen den Kapitalismus und die Verwaltung der Vorstädte. Diese vergleicht Dekhar mit einer "Unternehmung zur Dehumanisierung einer Bevölkerung, von der das Kapital nichts wissen will". Also doch politisch motivierte Anschläge, die Rückkehr zu den ideologischen Wurzeln? Schließlich verkehrte Dekhar in den neunziger Jahren bekanntermaßen in linksextremen Kreisen.

Verklärte Bluttat

Geboren 1965 in Algrange, einem Dorf 30 Kilometer nördlich von Metz, hatte der Jugendliche - Spitzname Toumi - zur Zeit des ersten Golfkriegs Anschluss an die radikale Szene gefunden. "In dem Milieu der Autonomen bewegte er sich wie ein Fisch im Wasser", schrieb die Journalistin Elisabeth Fleury in einem Prozessbericht für die kommunistische Zeitung "L'Humanité". "Er kannte alle Sympathisanten, alle kannten ihn." Zugleich umgab sich Dekhar mit der Aura des Geheimnisvollen. Keine wahren Freunde, kein Telefon: "Überall und nirgends, pflegte er seine Rätselhaftigkeit hinter einer dicken, eckigen Brille." Die Unergründlichkeit nahm noch zu, als Dekhar 1994 im Zusammenhang mit der Affäre Rey-Maupin festgenommen wurde - einer bisweilen verklärten Bluttat um zwei militante Jugendliche.

Die Ermittlungsbehörden werfen Dekhar damals vor, für das Anarchistenpärchen Florence Rey und Audry Maupin eine Flinte vom Kaliber 12 besorgt und sich dann an einem bewaffneten Raubüberfall beteiligt zu haben. Der amateurhaft geplante Angriff auf eine Autoverwahrstelle der Pariser Polizei gerät freilich zum Desaster: Während sich Dekhar absetzt, kapert das Gangsterduo ein Auto; Rey und Maupin rasen mit ihrer Geisel quer durch Paris. Die Verfolgungsjagd endet in einem Schusswechsel, bei dem fünf Menschen sterben, darunter drei Polizisten.

Vor Gericht behauptet Dekhar später, ein Mitglied des algerischen Geheimdienstes zu sein, der im Auftrag seiner Führungsoffiziere das "islamistische und autonome Milieu der Vorstädte infiltrieren sollte". Eine Story, für die Dekhar keine Beweise vorlegen kann.

"Alle, die mit ihm zu tun hatten, beschreiben ihn als einen Jungen wie ein Stück Seife, einen Schönredner, der einem durch die Finger glitt", sagte einer der damaligen Ermittler 2003 in der TV-Sendung "Faites entrer l'accusé". Dekhars Verteidigerin, Emmanuelle Hauser-Phelizon, charakterisierte ihren ehemaligen Klienten als "ungreifbar, dunkel, fremd."

Nach seiner Haftstrafe verließ Dekhar offenbar Frankreich und verbrachte mehrere Jahre in London. Dort lernte ihn vor 13 Jahren jene Person kennen, die Dekhar zuletzt beherbergte und der Polizei den entscheidenden Hinweis gab. Über mögliche Motive seines Gastes konnte aber auch dieser Freund keine Auskunft geben. Aufklärung versprechen zurzeit allein die Verhöre Dekhars, die am Donnerstagnachmittag begonnen haben.

Bis dahin bleibt der Verdächtige ein Mann mit Gesicht und Namen - aber ohne Profil.

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.