Mutmaßlicher Doppelmörder Leben zwischen Alkohol und Mordphantasien

Jan O. sitzt in einer Einzelzelle in einem Knast mit höchster Sicherheitsstufe. Laut seinem Anwalt will er in Kürze den Mord an zwei Teenagern in Bodenfelde gestehen. Aus seinem Umfeld werden nun immer mehr Details bekannt: Sein Leben war geprägt von Drogen, Alkohol und Gewalt.

dapd

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Jan O. sitzt in einer Einzelzelle in der JVA Rosdorf, einem Gefängnis mit der höchsten Sicherheitsstufe Niedersachsens. Zusätzlich zum normalen Betrieb gibt es hier eine eigene Sicherheitsabteilung, ein Gefängnis im Gefängnis quasi. Er sei "in keiner guten Verfassung", sagt sein Anwalt Markus Fischer. Die lang anhaltende Vernehmung und sein "Alkoholproblem" machten ihm zu schaffen. Der 26-Jährige kämpfe gegen Entzugserscheinungen, sehne sich nach Nikotin.

Jan O. soll die beiden Teenager Nina und Tobias aus Bodenfelde getötet haben. "Die Taten hat er bereits eingeräumt", sagt sein Verteidiger und hat für Freitag ein umfassendes Geständnis angekündigt. "Er will in jedem Fall sein Gewissen erleichtern."

Am Donnerstag war jedoch unklar, ob der Zeitplan eingehalten werden kann. "Ich muss mit meinem Mandanten die komplette Akte durchgehen", sagt Anwalt Fischer, ein erfahrener Strafverteidiger, der im früheren Fall der "Schwarzen Witwe" den zweiten Hauptangeklagten vertreten hat. Danach müsse man in Ruhe entscheiden, ob man das Geständnis schriftlich formuliere oder dem Haftrichter gegenüber persönlich ablege.

Jan O. solle im Internet unter dem Namen "kingjany" weitere Taten angekündigt haben, heißt es aus Ermittlerkreisen. Demnach kündigte er in fehlerhaftem Deutsch an, er werde Mädchen töten: "Jeden Tag eins bis mich erwischen." Auf anderen Seiten schrieb er: "hatt ein girly zwischen 10 und 16 Intresse hat zu chaten und vielleicht mehr bitte melden. Suche girls swischen 10 und 14. welches girly will mehr als nur quwatschen."

Jan bedroht seine Eltern, randaliert, zündelt herum

Als hinter Jan O. die Zellentür ins Schloss fiel, habe der 26-Jährige nach Zigaretten geschrien. "Die Justizvollzugsanstalt ist eines der wenigen öffentlichen Gebäude, in denen das Rauchen noch erlaubt ist", sagt Georg Weßling, Sprecher des niedersächsischen Justizministeriums. Jeder neue Häftling bekomme ein Grundausstattungspaket, in dem auch Tabak sei.

Ist der verbraucht, muss sich jeder Insasse allerdings seine Zigaretten selbst kaufen. Doch Jan O. hat niemanden, der ihm Geld gibt oder ihm welche bringt.

Jan O. war schon früh auf sich allein gestellt. Er wird in Uelzen geboren, wächst in einem oft brutalen Elternhaus auf. Schon in der Grundschule, der Uelzener Hermann-Löns-Schule, schwänzt er oft, treibt sich in der Stadt oder am Bahnhof herum. Als er auf die Förderschule kommt, beginnt er zu trinken. Immer wieder bringt ihn die Polizei zur Uelzener Pestalozzischule, die er schließlich ohne Abschluss verlässt.

Er beginnt, harte Drogen zu nehmen, bedroht im Rausch seine Eltern, randaliert zu Hause, zündelt herum. Schließlich kommt er in ein Heim. Als er Rauschgift aus Hamburg nach Uelzen schmuggeln will, wird er von der Polizei geschnappt.

Heimatlos irrt Jan O. durch Uelzen. Den Kontakt zu seinen Eltern bricht er ab, auch sonst hat er keinerlei familiäre Bindungen. Er erlernt keinen Beruf, lebt teilweise von Sozialhilfe.

Jan O. führt ein Junkie-Leben: Immer auf der Suche nach dem nächsten Kick. Er begeht mehr als 70 Diebstähle, um seine Sucht zu finanzieren. Praktisch jeder Kollege habe mit Jan O. mal zu tun gehabt, sagt Uelzens Kripochef Jan-Olaf Albrecht.

Das Amtsgericht Uelzen verurteilt ihn zu zwei Jahren und neun Monaten Haft und einer Suchttherapie im Landeskrankenhaus bei Zeven. Die Reststrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Als Auflage muss er eine offene Therapie machen.

Sein erstes Zuhause: Die Drogeneinrichtung "Neues Land"

Jan O. landet in der Drogentherapieeinrichtung "Neues Land" in Amelith, einem Ortsteil von Bodenfelde. Es wird sein erstes richtiges Zuhause. In der ehemaligen Pension leben Suchtkranke mit ihren Therapeuten und deren Familien unter einem Dach. "Wir teilen unser Leben mit den Klienten", sagt Leiter Eberhard Ruß. Dadurch sollen diese lernen, ihren Platz in einer Gemeinschaft zu finden.

Ein Konzept, so Ruß, dem "eine gewisse ideelle Motivation zugrunde" liege. Dazu gehöre eine enge Zusammenarbeit mit Kirche und Schulen. Die Suchtkranken sollen lernen, wie weit sie sich von der Gesellschaft entfernt haben.

15 Monate lang lebt Jan O. dort. Er ordnet sich unter, setzt sich eigene Ziele, was Konfliktfähigkeit, Beziehungsarbeit und Toleranz angeht, und erreicht die meisten, wie Ruß sagt. Mental sei der damals 24-Jährige noch auf dem Niveau eines Jugendlichen gewesen. Ruß attestiert ihm eine "Reifeverzögerung", aber auch einen "Willen, aus dem Drogensumpf aussteigen" zu wollen.

Jan O. muss lernen, dass Sucht ein Problem ist, das auch nach der Therapie bleibt. Dass er nur mit seiner Sucht umgehen kann, wenn er konsequent bleibt.

Er lebt abstinent, trinkt keinen Tropfen Alkohol. Fast ein Jahr lang. Dann wird er schwach.

Heimlich beginnt er wieder zu trinken - und kann es zunächst verheimlichen. Jan O. flieht wie viele Suchtkranke in eine Scheinwelt. "Er dachte, er habe seine Sucht im Griff", sagt Ruß. Hat er aber nicht. Jan O. schafft es demnach nur, von den harten Drogen loszukommen. Nicht aber vom Alkohol.

Im Februar verlässt er die Einrichtung. Seine Therapie hat er erfolgreich abgeschlossen, in der Holzwerkstatt baute er Regale. Für den Arbeitsmarkt ist er dennoch nicht fit. Seine Bewährungshelferin soll ihn bei der Jobsuche unterstützen.

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